Niemand hatte damit gerechnet, dass CDU/CSU bei diesen Bundestagswahlen die absolute Mehrheit hätte erreichen können. Niemand hatte damit gerechnet, dass abgesehen von CDU und SPD alle Parteien, die im kommenden Bundestag sitzen werden, gerade noch mal so über die fünf Prozent gekommen sind. Wenn die Grünen beim nächsten Mal wieder so viel verlieren wie diesmal, werden sie nicht mehr im Parlament sein. Es gibt zwei Volksparteien.

Die stehen aber keineswegs in einem Kopf-an-Kopf-Rennen, sondern die CDU/CSU führt mit weitem Abstand. Vergleichbar mit dem Ergebnis von 1953! Damals hatten CDU/CSU 45,2 Prozent, die SPD 28 Prozent. Bis zum vergangenen Sonntag waren die beiden Volksparteien nie wieder in einer vergleichbaren Konstellation. Es hatte bis 2009 gedauert, bis die SPD wieder unter die 30 Prozent sank. Die FDP hatte 1953 9,5 Prozent. Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten hatte 5,9 Prozent. Auch damals ein Vier-Fraktionen-Parlament.

Aber inzwischen ist die Bonner Republik Geschichte, und die FDP wurde von den Grünen abgelöst, der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten von den Linken. Man sollte vorsichtig sein bei der Beurteilung der Lage.

Im Wahlkampf hieß es immer: Umfragen seien Momentaufnahmen. Wahlen sind nichts anderes. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine erneuerte FDP wieder in den Bundestag kommt und Grüne oder Linke oder gar beide wieder aus dem Bundestag verschwinden.

Bei ihnen ist keineswegs entschieden, ob sie bundesweit mehr sein werden als Generationsparteien. In acht Jahren werden wir wissen, ob die Wahlen des vergangenen Sonntags historische Wahlen waren, also eine Trendwende markierten, oder ob sie doch nur einen prekären Augenblick fixierten, in dem die beiden großen Parteien mit mehr oder weniger großem Erfolg eine Reihe von Problemen weitgehend aus dem Wahlkampf heraushielten: zum Beispiel die Krise des Brüsseler Modells von Europa, die Rolle der Banken in der Wirtschaft, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die Energiewende.

Das wählende Publikum der Politik hat sich – wir sind wieder in den 50er-Jahren – für „Keine Experimente“ entschieden. Wohl in dem Gefühl, dass es der Bundesrepublik und sehr vielen ihrer Bürger besser geht als dem Rest der Welt. Dieses Gefühl trügt nicht. Keine der Parteien bestreitet das ernstlich. Keine der Parteien wirft sich deswegen triumphierend in die Brust. Das ist völlig anders als in den 50er-Jahren. Es gibt eine große Koalition der Vernunft. Bei den Parteien, bei den Wählern.

Es heißt jetzt, das rot-grüne Projekt sei tot. Man muss wohl doch daran erinnern: Es war schon tot als Rot-Grün an die Regierung kam, und spätestens als Rot-Grün regierte, war klar, dass sie es nicht taten, um ein rot-grünes Projekt zu verwirklichen. Stattdessen führten sie Krieg und sorgten für gravierende Einschnitte im sozialen Netz. Das war vielleicht gut für Deutschland, vielleicht war es das nicht. Ganz sicher aber hatte die rot-grüne Politik fast nichts zu tun mit dem, wofür Rot-Grün gewählt worden war.

Inzwischen ist die Projektmacherei insgesamt aus der Mode gekommen. Wer gerne über den großen Wurf und Richtungsentscheidungen spricht, der mag das bedauern, und tatsächlich hat das Sich-Durchwursteln wenig Sex-Appeal, aber in Wahrheit sind das die glücklichen Zeiten. Es gibt ja auch keine Alternative dazu. Nicht einmal Gregor Gysi wüsste zu sagen, wie zum Beispiel eine in der EU und dann gar in globalen Gremien durchsetzbare Bankenregulierung auszusehen hätte.

Solange nicht der Druck nach einem radikalen Wechsel da ist, solange niemand nach einem Projekt ruft, wird die CDU/CSU vorne liegen. Sie ist eine konservative Partei. Von ihr verlangt niemand eine Alternative. Sie muss sich nur den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Sie braucht keinen Entwurf von Gesellschaft. Das ist ihre Stärke.

Die SPD dagegen ist angewiesen auf den Mut zur Veränderung, auf das „Demokratie wagen“. Sie wird dafür eine Mehrheit nur dann finden, wenn die sich sicher ist, dass sie dabei nicht zu Schaden kommen wird. Oder aber, wenn es den oppositionellen Kräften gelingt, sich als die besseren Verteidiger des Status quo darzustellen, wenn sie also als die besseren Konservativen wahrgenommen werden.

Dann sind sie einen Augenblick gut dafür, die Reformen zu machen, die Kriege zu führen, die die Konservativen niemals gegen die Opposition hätten durchsetzen können. Wenn sie dann ihre Schuldigkeit getan haben, können sie wieder gehen. Nichts anderes wäre jetzt die Rolle eines Koalitionspartners.