Die Geburt des königlichen Babys und der endlich eingekehrte Frühling haben die Briten zuletzt mehr beschäftigt, als die bevorstehenden Wahlen zum Unterhaus. Das reine Mehrheitswahlrecht bringt es mit sich, dass in vielen der 650 Wahlkreise alles beim Alten bleiben wird. Selbst in umkämpften Bezirken weisen oft nur wenige Poster auf die angebliche Schicksalsentscheidung hin, von der Tory-Premier David Cameron und sein Labour-Herausforderer Edward Miliband gern sprechen.

Nun sind die Briten an steile Rhetorik gewöhnt, ja, sie bewundern elegante Eloquenz, ohne ihr immer gleich Glauben zu schenken. Die Lethargie hat auch damit zu tun, dass keiner so recht an das Schicksalhafte des 7. Mai glauben mag. Eine kompetent agierende Regierung von Mitte-Rechts-Parteien – die erste auf Dauer angelegte Koalition seit dem Zweiten Weltkrieg – könnte durch ein Bündnis von Mitte-Links-Parteien abgelöst werden. Oder Konservative und Liberaldemokraten erneuern ihre Zusammenarbeit für weitere fünf Jahre.

Zum zweiten Mal in Folge scheinen die Wähler davor zurückzuschrecken, einer der beiden Großparteien die Regierungsverantwortung allein aufzubürden. Das jedenfalls suggerieren die Umfragen. Die gleichen Wähler bestätigten erst 2011 per Referendum das Mehrheitswahlrecht, das eigentlich für klare Verhältnisse sorgen soll. Immerhin hat es bis heute die Extremisten von Rechts und Links aus dem Parlament ferngehalten. Doch die Unzufriedenheit mit den Volksparteien grassiert auch auf der Insel. Und so hat sich deren Stimmanteil über die Jahrzehnte kontinuierlich verringert, haben Liberale, Nationalisten in Schottland und Wales, zuletzt auch die rechtspopulistische Ukip ihre Nischen gefunden. Dass diese Parteien allesamt, dazu womöglich auch ein oder zwei Grüne, im kommenden Unterhaus vertreten sein werden, trägt zum Pluralismus im demokratischen Wettstreit bei.

Vertrag zwischen Bürgern und Regierungspartei

Die Wahlprogramme genossen auf der Insel bisher hohen Stellenwert, sie stellten so etwas wie einen Vertrag zwischen den Bürgern und der zukünftigen Regierungspartei dar. Um glaubwürdig zu sein, mussten die Parteien nicht nur hübsche Ideen präsentieren, sondern auch deren Finanzierung offenlegen. Im Lauf der Legislaturperiode wurden die Regierung und die sie tragenden Abgeordneten daran gemessen. Explizit kam es zu Weigerungen des Oberhauses, einem neuen Gesetzentwurf zuzustimmen, mit dem Hinweis: Diese Maßnahme sei im Wahlprogramm nicht enthalten gewesen.

Aus und vorbei. In Zukunft müssen die Briten lernen, was die meisten Kontinentaleuropäer schon kennen: den Unterschied zwischen dem Wunschzettel ihrer Lieblingspartei und der Koalitionsvereinbarung. Weil ihr nüchterner Fiskalkurs keine Früchte trug, werfen beispielsweise Camerons Konservative mit Milliardenversprechen um sich. Ein „gutes Leben“ verspricht der Premier und unternimmt nicht einmal den Versuch zu erklären, wie die Konservativen das finanzieren und gleichzeitig der immer weiter wachsenden Staatsschuld Einhalt gebieten wollen.

Genau umgekehrt verhält sich Sozialdemokrat Miliband. Noch im Herbst musste sich der Oppositionsführer dafür verspotten lassen, dass er in einer wegweisenden Rede die Erwähnung des Defizits einfach wegließ. Das Wahlprogramm verkündet nun den unbedingten Willen zum sparsamen Umgang mit Steuergeldern. Damit will Labour dem Eindruck entgegensteuern, die Partei verstehe deutlich mehr vom Geldausgeben als davon, wie man größeren und kleineren Unternehmern den Weg zum Erfolg ebnet.

Miliband hat sich durchaus als robuster Wahlkämpfer erwiesen. Im Kontrast zu den weiter links positionierten Grünen und Nationalisten vertritt er einen Kurs, der auch Wechselwählern der Mitte einleuchten könnte: fiskalische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit. Sein selbstbewusstes Auftreten hat die Zweifel daran, ob er zum Regierungschef einer führenden Industrienation tauge, weitgehend zerstreut. Am Ende werden wenige Zehntausend Wechselwähler in etwa 60 Wahlbezirken darüber entscheiden, welche Volkspartei wenigstens eine relative Mehrheit der Mandate gewinnt. Auf diese Mitte kommt es an. Erbarmungslos nehmen die beiden Volksparteien diese Wähler in den verbleibenden Tagen ins Visier. Wahlfieber wird deshalb nicht ausbrechen, dazu sind die Verhältnisse zu stabil, die Wirtschaftsdaten mit 2,5 Prozent Wachstum und fallender Arbeitslosigkeit zu beruhigend. Aber als ein Volk mit Sportsgeist werden selbst die phlegmatischen Briten den Wahlausgang am Ende doch mit Spannung erwarten.