Leitartikel zur WM: Vom Fest lernen

Vielleicht ist Berlin Mitte der falsche Wohnort. Dass die deutsche Mannschaft ein Tor geschossen haben musste, war mir klar, als ich die Böller von der Fanmeile hörte. Nach dem Abpfiff gab es noch ein paar davon, und das war es. Keiner meiner Nachbarn trat auf seinen Balkon, um öffentlich zu feiern. Keine Freudenschreie, keine Champagnerkorken. So stelle ich mir Zehlendorf vor.

Mein Nervenkostüm ist schwach. Ich kann mir zum Beispiel keine skandinavischen Krimis ansehen, und so war ich Mitte der zweiten Halbzeit aus dem Endspiel ausgestiegen. Der ständige abrupte Wechsel von vertaner Torchance der deutschen Mannschaft und ebenso scheiternden Versuchen der Argentinier machte mich so kribbelig, dass ich es nicht mehr ertrug und zur Beruhigung in einem Interviewband mit René Jacobs las.

Normales Hin und Her

Die Fußballweltmeisterschaft war ein Virus. Er erfasste auch Menschen, die sich für einigermaßen resistent gegenüber Massenbegeisterungen hielten. Es soll traumhafte Einschaltquoten gegeben haben. Weltweit an die 750 Millionen Menschen, 35 Millionen allein in Deutschland. Dabei sollen die, die auf Fanmeilen zugeschaut haben, nicht mitgezählt sein. Wahrscheinlich hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung sich das Endspiel angesehen. Auch mit meinem eigenen Desinteresse am Fußball scheint es nicht weit her zu sein, wenn schon das ganz normale Hin und Her zweier mehr oder weniger gleichwertiger Mannschaften mich so aus der Fassung bringt, dass ich es mir nicht ansehen kann. Man lernt beim Fußball – auch wenn man nur zuschauen möchte – nicht nur einander, sondern auch sich selbst kennen.

Das Auffälligste an diesen großen Fußballereignissen ist das, was nicht geschieht. Es treten Nationalmannschaften gegen einander an. Es gibt Sieger und Besiegte. Es gibt Tränen der Freude und der Verzweiflung. Augenblicke großer Gefühle. Auf dem Spielfeld springen die anderen den – sagen wir mal so – eigenen Leuten in die Waden, nehmen sie in die Zange, schalten sie aus. Es gibt tausend Anlässe auszurasten. Aber niemand tut es. Es gibt keine nationalistischen Aufwallungen. Vielleicht ist das übertrieben. Vielleicht gibt es das da und dort. Vielleicht muss man in die richtigen Kneipen, in die richtigen Gärten.

Aber nichts springt davon über auf die Berliner Straßen. Hier gibt es nur Weltmeister. Zerstoben der Krieg der Kulturen. Keine Spur mehr übrig von den Sarrazin-Welten. Weder von seiner eigenen noch von der, vor der zu warnen er behauptet. Nirgendwo ein Korso von Leuten, die rufen: Nie wieder Deutschland! Stattdessen ein einziges riesiges Fest auf der Wiese, jene von Adriano Celentano besungene „festa sui prati“: „Was für ein schöner Tag, wir sind alle gute Freunde. Aber wer weiß, warum: Morgen müssen wir uns hassen.“

Müssen wir? Ganz offensichtlich müssen wir nicht. Wir wissen das. Schließlich leben wir die meisten der 365 Tage eines Jahres friedlich zusammen. Aber manchmal beginnen wir, aus Gegnern und Konkurrenten Feinde zu machen, damit wir noch energischer gegen sie antreten.

Die Fußballweltmeisterschaft war wie ein Magnet, der in unsere Gesellschaft hineingelegt wurde. Wir reagierten wie Eisenspäne und ließen uns von ihm ausrichten. Wir haben die Macht der Gemeinschaft erfahren. Auch weil wir das Schöne, das Entlastende, das Befreiende daran erfahren haben. Kollegen erzählen von Nachbarn, mit denen sie seit Jahren nicht sprachen und über verpatzte und gelungene Tore genüsslich fachsimpelten. Großartige Momente. Aber morgen werden sie vorbei sein. Nach den Siegesfeiern wird der Magnet wieder weggezogen und wir müssen uns wieder selbst ausrichten und versuchen, mit den anderen zurechtzukommen und sie mit uns.

Es gibt den Impuls, sich zu fragen, ob man sich nicht zur Befriedung der Gesellschaft einen Dauermagneten suchen könnte, der uns die Arbeit abnähme, uns auseinanderzusetzen mit- und gegeneinander. Wir würden das von Adriano Celentano 1967 besungene Fest so gerne verlängern, ja auf Dauer stellen. Immer Weltmeister bleiben. Es gibt diesen Dauermagneten nicht. Und wenn es ihn gäbe, er wäre unser Unglück. Er würde einen Augenblick, eine Konstellation festhalten. Zum Schaden aller anderen Augenblicke und Konstellationen. Er wäre eine Art totalitäre Versuchung.

Also genießen wir das Fest. Auch jetzt, da es schon fast vorbei ist. Wir werden uns bald wieder ärgern – vorzugsweise über die anderen. Vielleicht denken wir mitten im Ärger daran zurück, was wir über unsere Friedensmöglichkeiten während der Festtage gelernt haben.