Leiterartikel zu Pegida, Dügida und Kagida: Überforderte Menschen voller Ängste

Im Herbst 1529 befahl Sultan Süleyman der Prächtige seinen osmanischen Truppen, Wien anzugreifen und zu belagern. Das Abendland war in Gefahr, aber Wien, die Hauptstadt des Habsburgischen Reiches, hielt dem Ansturm aus dem Orient tapfer stand. Im Sommer 1683 wiederholte sich das Spektakel, doch wie 154 Jahre zuvor gaben die osmanischen Heere nach wochenlangen Kämpfen und der Entscheidungsschlacht am Kahlenberg auf und zogen sich zurück.

Nun ist es angeblich wieder so weit. Jedenfalls muss das befürchten, wer jenen glaubt, die seit Wochen jeden Montagabend in Dresden auf die Straße gehen und vordergründig gegen Deutschlands Asylpolitik protestieren. Pegida nennt sich das Bündnis: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.

Was so bombastisch daherkommt, ist eine ebenso neuartige wie schwer fassbare politische Ausdrucksform, ein sich wöchentlich auf Tag und Stunde wiederholender Wutanfall. Ein Zug von Menschen, die offensichtlich abgeschlossen haben mit den alt- und neubundesrepublikanischen Eliten und den Spielregeln des Politikbetriebes. Enttäuschte, Überforderte, Menschen voller Ängste und voller Hass, die sich anführen lassen von einem verurteilten ehemaligen Einbrecher und Drogenhändler, der auf Bewährung in Freiheit sein darf, wüste Reden schwingt und dafür eine Menge Applaus bekommt.

Es geht bei all dem nicht um die üblichen Verdächtigen, um Rechte und Linke, auch wenn Neonazis, Hooligans und Schlägertypen bei Pegida mitmischen. Es stimmt aber nicht, wenn Gegendemonstranten den Zug der Abendlandretter jeden Montag mit „Nazis raus!“ anschreien; die wenigsten würden sich dazuzählen.

Es ist ein Bruch zu beobachten, der über bisherige Erfahrungen mit politischen Phänomenen wie Splitterparteien, Protest- oder Nichtwahl hinausreicht: reine Wut, reines Gefühl. Schwer zu verstehen, noch schwerer zu erklären. Viele, die mitgehen, fühlen sich unverstanden, abgehängt, bedroht und sind gleichzeitig fest davon überzeugt, „das Volk“ zu sein, den „gesunden Menschenverstand“ und das „gesunde Volksempfinden“ zu besitzen, während ein links verortetes mächtiges politisches Kartell von Kanzlerin Merkel bis zu den Medien dem „Volk“ einen krankhaften und falschen Mainstream vorgaukeln und die wahren Probleme vernachlässigen.

Wenn etwas tatsächlich vom Untergang bedroht ist, dann ist es das Gespräch als Kern und Triebfeder unserer politischen Kultur. Argument und Gegenargument, die Bereitschaft zuzuhören, der Respekt vor der Meinung des anderen, das Lernen und am Ende die Fähigkeit, einen Kompromiss zu bilden.

Was gerade zu beobachten ist, sind Sprachlosigkeit und Unvermögen auf allen Seiten. Die Wütenden: kindisch und verantwortungslos, weil sie überhaupt nicht mit der Politik ins Gespräch kommen, sondern ihr nur auf die Füße treten wollen.

Und das „verhasste Kartell“? Es weiß gar nicht, wie und worüber man mit welchen Leuten reden sollte, die kaum ansprechbar, geschweige denn diskussionsfähig erscheinen, sondern sich montags nur zum Dampf ablassen treffen und sich dafür von Abertausenden auf Facebook als Helden feiern lassen. Wie soll man ihnen mit Fakten kommen? Statistiken werden angeblich systematisch von den Behörden gefälscht. Wer behauptet, unter Sachsens vier Millionen Einwohnern lebten nur 99.000 Ausländer (das sind 2,2 Prozent), ist ein Lügner. Sie wissen alles besser, nicht, weil sie es irgendwo erfahren haben, sondern weil es so ist. Ende der Durchsage.

Der Rest ist Schweigen. Pegida, Dügida, Kagida – Aufstände ohne Ziel, ein Aufschrei von Ungehörten, es ist der Bauch, der steuert, das dumpfe Gefühl und nicht der Kopf. Zutiefst anti-liberal und anti-rational. Ohne wirkliche Agenda und ohne eine Strategie, wie sie Rechtsextreme verfolgen: Wahlen gewinnen, in Landtage einziehen, um von dort und wohl dotiert der verhassten parlamentarischen Demokratie das Licht auszublasen.

Das alles ist hier nicht der Fall. Was tun? Es ist so einfach wie schwierig: Politik muss sich erklären, muss in härter werdenden Zeiten das Schwierige benennen, muss Zumutungen – und Asylpolitik ist mit solchen verbunden – thematisieren und sich von der Vorstellung verabschieden, wenn Dinge alternativlos erscheinen, würden sie von allen auch genau so verstanden und hingenommen.

Es kann auch nicht schaden, ab und zu alle Beteiligten daran zu erinnern, dass Deutschland trotz all seiner Probleme immer noch ein reiches Land ist, reicher, geordneter, friedvoller und lebenswerter als viele andere Länder auf dieser Welt.