BERLIN, 10. November. Nach der Berliner Großdemonstration gegen Ausländerfeindlichkeit am Donnerstag herrscht Missstimmung zwischen CDU/CSU und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Anlass ist die massive Kritik des Zentralratspräsidenten Paul Spiegel an dem von CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz geprägten Begriff "Leitkultur". Von Merz selbst war eine Stellungnahme am Freitag nicht zu erhalten. Er hatte Donnerstag lediglich am Auftakt der Demonstration vor der Synagoge, nicht jedoch an der Kundgebung am Brandenburger Tor teilgenommen. Dafür wurden "Termingründe" angegeben. Bosbach: CDU missinterpretiertSpiegels Rede war am Donnerstagnachmittag bereits bekannt geworden und hatte in der Union für Aufregung gesorgt. Wie aus der Fraktion bestätigt wurde, versuchte die Partei beim Zentralrat der Juden zu intervenieren. Nach zuverlässigen Informationen rief Merz selbst eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung ein Mitglied des Zentralrats an, um seine Irritation mitzuteilen. Spiegel änderte seinen Text jedoch nicht mehr. In CDU-Fraktionskreisen, die namentlich nicht genannt werden wollen, hieß es, so wie Spiegel könne man mit einer großen Volkspartei nicht umgehen. Die Polemik gegen die CDU sei an diesem Abend angesichts des gemeinsamen Anliegens "fehl am Platz" gewesen. Fraktionsvize Wolfgang Bosbach sagte dieser Zeitung, er sei angesichts des differenzierten CDU-Vorstandsbeschlusses zur Zuwanderung und zur "Leitkultur in Deutschland" enttäuscht darüber, dass Spiegel den Begriff "so bewusst missinterpretiert hat". Die Schärfe von Spiegels Kritik habe ihn persönlich "nach Inhalt und Verlauf" des Treffens der CDU-Spitze mit dem Zentralrat der Juden vor einer Woche überrascht, sagte Bosbach. Das Mitglied des Zentralrats, Michel Friedman, sagte dazu, Spiegel und er hätten schon bei dem Treffen mit der Union "sehr klar" gesagt, dass sie das Wort Leitkultur als außerordentlich schwierig und missverständlich empfänden. Der Zentralrat habe nach dem Treffen erwartet, dass die Union auf den Begriff verzichten werde, was dann doch nicht geschehen sei. "Paul Spiegel hat mit seiner Rede die volle Solidarität des gesamten Zentralrats", betonte Friedman.Der Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Peter Ramsauer, versuchte den Konflikt zu entschärfen. "Sicher hätte Spiegel in einigen Punkten eleganter formulieren können", sagte Ramsauer. Jedoch habe der Zentralratspräsident an anderer Stelle seiner Rede selbst erklärt, dass er nichts gegen den Begriff Leitkultur habe, so wie er im Eckpunktepapier erläutert worden sei. Ramsauer sagte, von einer Missstimmung zwischen Zentralrat und Union könne keine Rede sein.Einzelne Unionspolitiker nahmen am Freitag Spiegels Rede zum Anlass, den Verzicht auf den Begriff "Leitkultur" zu fordern. "Es ist besser, wenn man ihn weglassen würde", sagte der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger sagte der "Berliner Zeitung", er rate seiner Partei angesichts der Kritik von Paul Spiegel zu Gelassenheit. Pflüger sprach sich aber auch dafür aus, "dass wir uns selbstkritisch überlegen, ob wir immer den richtigen Ton getroffen haben". Trittin: Eine mutige RedePolitiker der Regierungskoalition begrüßten hingegen Spiegels Rede. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte im SFB, mit der Mahnung des Präsidenten des Zentralrats müssten sich "alle hier zu Lande auseinander setzen", die es betreffe. Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte der "Berliner Zeitung", Paul Spiegel habe "eine große und mutige Rede gehalten". Trittin kritisierte das CDU-Papier zur Zuwanderung und das "Gerede von der Leitkultur" und betonte: "So lange in dieser Tonalität diskutiert wird, solange wird man das Problem der Ausländerfeindlichkeit und Gewalt nicht in den Griff kriegen". (mit gbü.)Hohmanns Entgleisung // Paul Spiegel hatte unter anderem gesagt: "Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?"Martin Hohmann, CDU-Abgeordneter aus Fulda, erklärte dazu, das sei eine ebenso falsche Unterstellung, "wie Spiegel zu unterstellen, er sei mitverantwortlich, dass beim letzten Racheakt der israelischen Armee zwei unschuldige Frauen getötet wurden oder dass ein 12-Jähriger von israelischen Soldaten erschossen wurde". Zentralratspräsident Spiegel müsse sich überlegen, ob er "das Klima zwischen den Juden und Nichtjuden in Deutschland nicht nachhaltig schädige".Die Erklärung des CDU-Abgeordneten trägt den Titel: "Spiegels schlimme Entgleisung".BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Das Thema Leitkultur wurde zum Reizwort der Demonstration am 9. November.