Eine Lehrerin führt im Klassenzimmer einer Grundschule die Videokonferenz mit den Schülern durch.
Foto: dpa/Kai Nietfeld

BerlinDas Ernst-Abbe-Gymnasium ist seit Montag dieser Woche komplett geschlossen beziehungsweise hat schon wieder auf Homeschooling umgestellt. Die Entscheidung wurde am Freitag vergangener Woche getroffen, damals gab es sechs Corona-Fälle. Drei weitere Fälle sind seitdem hinzugekommen. Die Kinder und Jugendlichen lernen jetzt zu Hause, die meisten Lehrer sind in der Schule, um die digitale Lernplattform der Schule zu bestücken oder mit ihren Schülern zu telefonieren. Der Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind hält die Schulschließung im Nachhinein für eine gute Entscheidung und einen Akt „der Fürsorge“ für seine Schulgemeinschaft.

In der Rütli-Schule, die in der Neuköllner Nachbarschaft des Ernst-Abbe-Gymnasiums liegt, wurde die gesamte Sekundarstufe 1 und 2 in Quarantäne geschickt.

Der Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung Martin Klesmann gab bekannt, dass im Moment 186 Lerngruppen an allgemeinbildenden Schulen von Corona betroffen sind, davon allein 83 in Neukölln, 204 Schüler und 48 Erwachsene aus dem Schulpersonal. Das ist ein deutlicher Anstieg, denn letzten Freitag wurden nur 74 betroffene Lerngruppen gezählt. Wie viele Schulen insgesamt betroffen sind, wird in der Senatsstatistik seit einiger Zeit nicht mehr ausgewiesen – was schade ist, weil man früher besser sehen konnte, welche Schulen stärker zu kämpfen haben als andere.

Die Gesundheitsämter in manchen Bezirken sind mit der zweiten Welle überfordert. Das ist verständlich: zu wenig Personal, zu viele Fälle, zu wenig Zeit, sie im Einzelnen nachzuverfolgen. Sie müssen dann grob-mechanisch entscheiden, auch wenn das eigentlich so nicht vorgesehen ist.

So schrieb das Neuköllner Gesundheitsamt in einem Brief an die Schulleitungen des Bezirks: „Angesichts der steigenden Infektionszahlen der an dem Coronavirus Erkrankten und der auch vielzählig betroffenen Schulkinder ändert das Gesundheitsamt Neukölln aktuell seine Teststrategie, die in dieser Fassung mindestens bis zu Beginn der Herbstferien Gültigkeit besitzt. Sofern es einen positiven Fall in einer Schulklasse/Jahrgangsstufe gibt, begibt sich die gesamte Klasse/Jahrgangsstufe als Kontaktperson ersten Grades für 14 Tage in Quarantäne. Unterscheidungen hinsichtlich Kontaktpersonen ersten oder zweiten Grades können unter den Schüler*innen momentan durch das Gesundheitsamt nicht mehr vorgenommen werden. Auch lässt es die Lage aktuell nicht mehr zu, regulär bei Auftreten von positiven Fällen Testungen an den Schulen vor Ort vorzunehmen. Wichtige Info noch mal für alle: Ein negatives Testergebnis hat keinen Einfluss auf die Quarantänedauer.“

Aufgrund dieser Situation sehen sich manche Schulen inzwischen gezwungen, eigenmächtig zu handeln. So schickte die katholische St. Paulus Grundschule zwei Klassen in Quarantäne, weil eine Lehrerin erkrankt war und sie das zuständige Gesundheitsamt in Mitte nicht erreichen konnte.

Die Schulleitung des Otto-Nagel-Gymnasiums in Marzahn-Hellersdorf hatte ihre Schüler von Montag bis Mittwoch ins Homeschooling geschickt. Aber am späten Mittwochabend erreichte die Schulleitung dann eine Mail der Senatsverwaltung: Die Schule als Ganze solle wieder öffnen. Die Bildungssenatorin Sandra Scheeres sagte heute bei der Vorstellung des neuen Stufenplans für Schulen: „Zwei Fälle sind nicht genug, um eine ganze Schule ins Homeschooling zu schicken. Das halte ich für überzogen.“

Die Haltung der Senatsverwaltung ist folgende: Man will die Schulen auf keinen Fall bezirksweise schließen, sondern immer genau auf die Situation der einzelnen Schulen schauen. Dabei sollen die Schulen nicht eigenmächtig entscheiden, sondern sich zunächst mit dem Gesundheitsamt und der Schulaufsicht abstimmen.

Wenn es so sein sollte wie im Fall der Sankt Paulus Schule, dass das Gesundheitsamt nicht schnell genug zu erreichen und eine unübersichtliche Situation entstanden sei, dürften die Schulen ausnahmsweise selbst entscheiden, so Scheeres. Doch kann es dann sein, dass nach der Rücksprache und eingehender Prüfung der Fälle die Entscheidung wieder zurückgenommen wird.

Der neue Stufenplan der Senatsverwaltung wird nun an alle Berliner Schulen verschickt – und soll am Donnerstag nach den Herbstferien in Kraft treten. Der Plan wurde von einer Expertenkommission sorgfältig erarbeitet und mit dem Hygienebeirat viele Wochen lang abgestimmt. Der Amtsarzt von Reinickendorf sagte, er sei „hochzufrieden mit dem Ergebnis“.

Man müsse in der jetzigen Situation immer feine Abwägungen treffen zwischen dem kindlichen Recht auf Gesundheit und dem kindlichen Recht auf Bildung. Die Erfahrungen mit dem Regelbetrieb in den letzten Wochen hätten ja zum Glück gezeigt, dass das Infektionsgeschehen im Inneren der Schulen erstaunlich gering sei. Die meisten Infektionen werden von außen in die Schulen getragen.

Scheeres und Larscheid appellierten an die Berliner Stadtgesellschaft, sich an die Regeln zu halten und auf große Feierlichkeiten zu verzichten, um die Möglichkeit der Kinder, weiter am Schulunterricht teilzunehmen, nicht zu gefährden.