Berlin - Mai 1999, die Abiturprüfungen sind geschafft, der Sommer liegt flauschig wie ein Flokati vor uns. Noch einmal mit der ganzen Mannschaft Zelten an der Ostsee. Erst gepflegter Absturz in den Dünen, dann Abflug in ein neues Leben. Die Welt liegt uns zu Füßen und wir uns in den Armen. Wie Generationen vor uns haben wir mehr oder weniger hart gelernt, beim Abistreich über die Stränge geschlagen, bei Rotwein hitzig Prüfungsthemen diskutiert, manche haben sich die Buchstaben Abi 1999 in die Heckscheiben ihrer Autos geklebt. „Bleibt alles anders“, knödelte Grönemeyer aus dem Radio.

Eine Freundin von damals ist heute selber Lehrerin am Berliner Andreas Gymnasium. Die prägende Abschlusszeit ihrer Schüler – sie ist eine vollkommen andere als unsere. Der Soundtrack des Abijahrgangs 2021: das „Bing“ eingehender Mails im Distanzlernen, Handyklingeln beim Facetime-Anruf von Freunden, das immer neue, immer alte Lied von Inzidenzen und Verordnungen.

Die Abiturienten und Abiturientinnen, die in diesen Tagen in Berlin ihre ersten schriftlichen Prüfungen schreiben, sind bereits der zweite Corona-Jahrgang. Doch anders als ihre Vorgänger im letzten Jahr haben die Schüler, die wir heute auf dem zugigen Schulhof des Andreas Gymnasiums an der Koppenstraße treffen, nur einen Bruchteil des letzten Schuljahres in den Klassenzimmern verbracht. Große Teile des Schulstoffs, der jetzt abgefragt wird, mussten sich Johannes, Khalil, Carlotta und Bruno in Eigenregie erarbeiten.

Die vier tröpfeln am späten Mittag aus dem Schulgebäude, sie kommen von den letzten Konsultationen mit ihren Lehrern, bei denen es noch einmal Gelegenheit für Fragen geben soll.

Johannes

Bei einer Umfrage unter den Schülern des Gymnasiums sollten die Jugendlichen vor kurzem angeben, wie gut sie sich auf die Abiturprüfungen vorbereitet fühlen. „Wir haben zwei Semester verpasst, da bringen dreißig Minuten mehr Zeit für die Prüfung nix“, hat einer der Schüler geschrieben.

Johannes sieht das ein bisschen anders: „Das letzte Schuljahr war organisiert, so gut wie es eben ging. Für die Ausnahmesituation in der sich alle befanden, sei das Pensum gut machbar gewesen, sagt er. Alle vier wissen, dass sie echt Glück mit ihrer Schule haben: Das Andreas Gymnasium war digital schon früh gut aufgestellt. Die Lehrer haben Aufgaben in die HPI-Cloud geladen. Über Texte und Videos erarbeiteten sich die Schüler den Stoff selbst, es gab Videokonferenzen.

Foto: Gerd Engelsmann
Johannes Hofmann (17)

Nur mit Mathe und Johannes, da haute das schon vor der Pandemie nicht richtig hin. „Ohne Nachhilfe hätte ich es nicht gepackt“, sagt der 17-Jährige. Während des Distanzlernens büffelte er deshalb über eine Game-Plattform – Discord – mit einem Mitschüler. Johannes' Noten haben sich über die letzten vier Semester sogar verbessert.

Carlotta

Manche sagen, dass alles, was am Abi Spaß macht, in diesem Jahr ausfallen muss. Doch am Andreas Gymnasium gab es vor den Osterferien immerhin eine Mottowoche. Die Schüler der Abschussklassen waren allein im Gebäude und kamen jeden Tag anders verkleidet in die Schule. Kindheitshelden, Overdressed, Zeitreise lauteten die Vorgaben. Bruno kam an einem Tag als Bier, Khalil und seine Bandkollegen gaben die Backstreet Boys.

„Es war wirklich gut, endlich mal wieder etwas Spaß zusammen zu haben“, sagt Carlotta.

„Alle sagen, ihr seid jung und habt Zeit, das alles nachzuholen. Aber das vergangene Jahr war schon eine extreme Erfahrung“, sagt Carlotta. Normalerweise geht man aus, feiert, lernt. Dann macht man ein Jahr Pause. „Für uns ist es normal geworden, sich nicht mit Freunden zu treffen.“ Eine Normalität, mit der man sich nicht abfinden sollte.

Foto: Gerd Engelsmann
Carlotta Zitzmann (17)

Carlotta fehlen die Freunde, das Zusammensein in Gruppen. Im Sommer zum See, ein bisschen Pritschen auf dem Volleyballfeld. „ Mal wieder ein Tretboot mieten, zusammen abhängen, darauf hoffen wir“, sagt sie. Die Schule als Raum sozialer Interaktion fehlt. Den Lernstoff kriegen sie gebacken.

„Ja, krass wie sehr man sich daran gewöhnt hat. Und krass, was für eine andere Jugend wir erleben“, findet auch Bruno.

Bruno

Viele von ihnen hätten andere Weg gefunden, mit Freuden zusammen zu sein und auch zu lernen. Digitale Wege. Doch das, was für die einen gut klappt, fühlt sich für andere nach Krampf an. Es gibt sogar Vorteile: die Kommunikation mit jungen Menschen in anderen Ländern ist viel natürlicher, sagt Bruno. Auf der anderen Seite: „Ich habe seit einem Jahr meine Großeltern nicht umarmt.“

Foto: Gerd Engelsmann
Bruno Dienhardt (17)

Bruno wird ernst. Dennoch sei er unheimlich dankbar und habe in diesem letzten Schuljahr begriffen, wie gut es ihm geht. „Ich habe keine Probleme mit einem Arbeitsplatz zu Hause, habe ein stabiles Internet, ich habe Eltern, die mich unterstützen, statt häusliche Gewalt zu erfahren. Das alles ist nicht selbstverständlich, auch das hat uns die Pandemie gelehrt“, sagt er.

Denn natürlich wissen die vier auch von Schülern, die abtauchten, Schülern die monatelang nur Arbeitsblätter abarbeiten sollten, die sich mit ihren Geschwistern Laptops teilen mussten. „Bei uns lief das besser“, sagt Bruno.

Khalil

Wenn Khalil zusammenfassen soll, wie das letzte Jahr für ihn lief, dann ist das eine Mischung aus: Gut durchgekommen, endlich vorbei und Erleichterung, dass es nun bald einen würdigen Abschluss gibt. „Wir sind privilegiert, dass wir gesund sind und überhaupt Bildung genießen dürfen.“ Wer da heult, dass es keinen Abiball gebe, der habe etwas nicht verstanden. „Es geht ja hier basically um Leben und Tod“, sagt er. Das Abitur ist wichtig, ja. Aber nicht das Wichtigste im Leben. Wir haben gelernt, das Gute im Schlechten zu sehen, sagen sie, und klingen auf dem leeren Schulhof  - während ein paar April-Flocken vorüberwehen - schrecklich weise.

Foto: Gerd Engelsmann
Khalil el-Chaer (18)

Alle fühlen sich, als wären sie nach dem Ausnahmejahr noch ein bisschen besser vorbereitet auf das, was kommt. Sie haben gelernt, einen Lerntag zu strukturieren, sich selber zu organisieren, sich Ziele zu setzen und sie zu erreichen. Sich vor der Videokonferenz etwas anzuziehen. Oder auch nicht.

Zukunft

Wie es mit ihnen weitergeht, wenn sie den Abschluss in der Tasche haben, wissen die meisten schon ziemlich genau. Johannes hatte während des Homeschoolings Zeit, Bewerbungen für ein freiwilliges Soziales Jahr zu schreiben, er wird im Bereich Kirchenmusik in der Gedächtniskirche anfangen. „Ich gehe mit einem optimistischen Gefühl raus“, sagt er.

Alle vier hoffen darauf, dass der Sommer ein bisschen Normalität bringt. Vielleicht können sie den Abiball im Herbst nachholen? Carlotta will da eigentlich längst in Indien sein. Mit dem Roten Kreuz Frauenarbeit machen, Kindern Englisch und Mathe beibringen. „Es wäre gut, wenn ich schon geimpft auf die Reise gehen könnte“, sagt sie. Von ihrem Traum abzulassen, kommt nicht in Frage.

Für Khalil ist noch nicht ganz klar, wie es nach dem Abitur weitergeht. Vielleicht ein freiwilliges Jahr im Krankenhaus? „Da brauchen sie jetzt Leute“, sagt er. Für immer in Berlin bleiben? „Nee, dazu ist es hier zu kalt.“ Er meint beides: das Wetter und die Mentalität der Menschen.

Bruno will es zunächst ernsthaft mit der Musik versuchen. „Klar könnte ich Informatik studieren - aber will ich das mein ganzes Leben lang machen?“ Weiß überhaupt irgendwer mit 17, was er mit dem Rest seines Lebens anstellen will? Musik machen, nebenbei jobben, das ist der Plan für das kommende Jahr. Es kommt eine Zeit, da müssen Menschen ihre leeren Kulturspeicher auffüllen, Zeiten, in denen all die leeren Gläser überquellen sollen vor Kunst und Genuss. „Die Jahre nach der Spanischen Grippe waren die Goldenen Zwanziger,“ sagt Bruno. „Auf so etwas  freue ich mich.“

Lernen

Jetzt, wo ihre Schullaufbahn fast zu Ende ist, stellen sie fest, dass sie auch andere Dinge gelernt haben, als geplant war: Die Stille in einer Videokonferenz brechen. Online neue Menschen kennenlernen. Excel, um sich selbst besser zu organisieren. Nach Alternativen suchen, wenn liebgewonnene  Traditionen  gerade nicht umsetzbar sind. „Wir haben in erster Linie viel über uns selber gelernt“, sagt Carlotta.

„Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen. Genug ist zu wenig, oder es wird so wie es war. Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders“, heißt es in dem Song, der vor 22 Jahren unseren Aufbruch begleitete. Es gilt auch in diesem Jahr.