Für die Durchführung der Abschlussprüfungen hat die Senatsschulverwaltung strenge Vorgaben gemacht.
Bild: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

BerlinDie Abschlussprüfungen ab dem 20. April sollen stattfinden: Das bestätigte die Senatsbildungsverwaltung am Freitag erneut in einem Rundschreiben an die Schulleitungen. Allein für die einfache Berufsbildungsreife (BBR) entfallen dieses Jahr die Vergleichenden Arbeiten, gleiches gilt für den Berufsorientierenden Abschluss (BOA), das Äquivalent für Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Diese Abschlüsse werden in diesem Schuljahr auf der Grundlage der Jahrgangnoten vergeben.

In dem Rundschreiben wurden zahlreiche Maßnahmen aufgeführt, die dafür sorgen sollen, dass das Ansteckungsrisiko für MSA- und Abiturprüflinge sowie das Aufsichtspersonal sinkt. Dazu gehören nicht nur das Einhalten von Abstandsregeln – nicht mehr als acht Schülerinnen und Schüler in einem normal großen Klassenraum, zwei Meter Abstand zwischen den Arbeitsplätzen – sondern auch restriktive Vorgaben, wer überhaupt teilnehmen darf. Laut der Bildungsverwaltung dürfen Schülerinnen und Schüler nicht geprüft werden, wenn sie

- innerhalb der letzten 14 Tage aus dem Ausland zurückgekehrt sind

- in Kontakt zu Rückkehrenden standen

- Kontakt zu infizierten Personen hatten

- aktuell (Erkältungs-) Symptome aufweisen

- zu einer Risikogruppe gehören und aus diesem Grund eine Nichtteilnahme am Haupttermin angeraten sei.

„Auch eine erhöhte Körpertemperatur, d.h. eine Temperatur höher als 37 Grad, ohne weitere Symptome ist ein Grund, nicht in der Schule zur Prüfung zu erscheinen“, so das Schreiben der Senatsbildungsverwaltung.

Die Zeit bis zu den Sommerferien ist knapp

Für Schülerinnen und Schüler, die am ersten Prüfungstermin nicht teilnehmen können, sollen die Schulen bis zu zwei Nachprüfungstermine anbieten – einer der zentralen Gründe, warum die zwei großen Berliner Schulleiterverbände eine Absage der Prüfungen fordern. Befürchtet wird, dass bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juni gar nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler „durchgeprüft“ werden können.

Dass die Zeit knapp ist, ist auch der Senatsschulverwaltung bewusst: In einer Pressemitteilung hieß es, Berlin setze sich deshalb für einen Verzicht auf die Zweitkorrektur im Abitur ein. Hier seien aber noch „weitergehende Gespräche im Rahmen der Kultusministerkonferenz“ erforderlich.

Die Schüler, die bei Beachtung dieser Regeln noch teilnehmen können, sollen laut Empfehlung der Senatsschulverwaltung am Prüfungstag gestaffelt in der Schule ankommen, damit kein Gedränge entsteht. „Im Vorfeld sind die Schulreinigung und Desinfektion von Räumen, Türen, insbesondere Türklinken, und Möbeln sowie weiteren Hilfsmitteln abzusichern“, heißt es in dem Schreiben. Die Schulen sollten außerdem Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe für die Lehrkräfte bereitstellen – keine einfach zu erfüllende Aufgabe zurzeit.

Auch die Prüfungen selbst ändern sich zum Teil: So sollen beispielsweise in Chemie und Physik im Abitur in diesem Schuljahr beispielsweise keine Experimente durchgeführt werden.

Protest gegen die Durchführung der Prüfungen

Das Schreiben hat in der Berliner Schullandschaft für einen Aufschrei gesorgt. In den vergangenen Wochen hatten sich immer mehr Schülerinnen und Schüler für eine Absage der Abiturprüfungen ausgesprochen. Noch am Freitag hatte eine Gruppe Abiturientinnen und Abiturienten der Sophie-Scholl-Oberschule in einem offenen Brief den Verzicht auf die Prüfungen gefordert. Die Integrierte Sekundarschule in Schöneberg ist in einer speziellen Situation, weil sie wegen eines Corona-Falls schon seit dem 12. März geschlossen ist – Tage bevor alle Schulen gesperrt wurden.

„Seitdem sitzen viele von uns in Wohnungen, oft ohne Rückzugsmöglichkeit, weil Geschwister und/oder Eltern sich den begrenzten gemeinsamen Raum teilen müssen“, heißt es in dem Schreiben. Eine konzentrierte Vorbereitung sei so nicht möglich, die Chancengleichheit, die von Kultusministerkonferenz und Scheeres als Argument für das Beibehalten der Prüfungen angeführt wird, nicht mehr gegeben.

Ähnlich hatte auch der Abiturjahrgang des Kollegs Schöneberg argumentiert, wo Erwachsene auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur machen können: Viele von ihnen fürchteten um ihre Jobs und müssten sich außerdem um ihre Kinder kümmern, heißt es in einer Stellungnahme an Scheeres. Intensive Vorbereitung sei derzeit nicht möglich. „Das ist keine faire Grundlage für Prüfungen, deren Resultate die Weichen für unseren weiteren Lebensweg sind“, so die Kollegiaten.

Bleibt es nun dabei? Sicher ist das immer noch nicht

Doch es gibt nicht nur Protest: Robert Rauh, Lehrer aus Lichtenberg und Preisträger des „Deutschen Lehrerpreises“, sagte am Freitag, er finde es „mutig und richtig, dass die Senatsverwaltung sich nicht hat unter Druck setzen lassen“. Er spricht sich für ein Kurzabitur aus, in dem nur die zwei Leistungskursfächer geprüft werden – statt dem „Durchschnittsabitur“ ohne Prüfungen, für das Schulleiterverbände und Landesschülerausschuss plädieren. Einen Alleingang Berlins, nachdem die Kultusministerkonferenz am 25. März entschlossen hatte, die Abschlussprüfungen durchzuführen, hält er für einen Fehler: „Ich fürchte, dass unsere Absolventen mit einem sogenannten Corona-Abitur bei Bewerbungen um Studienplätze und Arbeitsstellen später Nachteile hätten.“

Der Landesschülerausschuss hingegen will unterdessen weiter für eine Absage der Prüfungen kämpfen und schlug am Freitag scharfe Töne an: „Wir wollen und werden das Wagnis nicht eingehen, Abiturprüfungen abzulegen. Die Entscheidung der Senatorin ist unserer Menschenwürde und der unserer Familien gegenüber unzumutbar“, sagte der Vorsitzende Miguel Góngora.

Dass die Prüfungen wirklich stattfinden, ist indes trotz der Anweisungen aus der Senatsschulverwaltung nicht garantiert: Erst Mitte der Woche hatten Bund und Länder eine Ausweitung der Kontaktsperre bis zum 19. April beschlossen. Am 14. April wird die Lage neu sondiert. Sollte dann die Kontaktsperre erneut verlängert oder noch schärfere Maßnahmen eingeleitet werden, ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Senatsschulverwaltung noch einmal umschwenkt – und die Prüfungen doch absagt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW mahnte am Freitagabend, die Prüfungen „nicht unter allen Umständen durchzuziehen“. Die Gesundheit der Lernenden und Lehrenden müsse bei allen Entscheidungen im Vordergrund stehen.