Berlin - Am 23. April sollen in Berlin die ersten schriftlichen Abiturprüfungen stattfinden. Den Abiturientinnen und Abiturienten läuft die Zeit davon, und die Nervosität wächst. Manche beschweren sich, dass sie keinen Präsenzunterricht bekommen, andere hingegen, dass sie zum Präsenzunterricht erscheinen sollen. An einem Nürnberger Gymnasium streiken die ersten Abiturienten. Sie haben Angst, sich in der Schule anzustecken mit der neuen Coronavirus-Mutation. Gibt es solche Gefühle auch bei den Abiturientinnen und Abiturienten in Berlin und Brandenburg?

Marie*, die am 20. April in Brandenburg ihre schriftiche Abiturprüfung ablegen wird, sagt, sie habe keine Angst und findet die Schüler aus Nürnberg „etwas kurzsichtig. Weil sie durch ihren Streik riskieren, dass ihr Abitur abgewertet wird.“ Sie selbst habe seit den Weihnachtsferien wieder Wechselunterricht und empfinde es als Privileg, sagt sie, wieder jeden Tag zur Schule gehen und ihre Freunde sehen zu können.

In Brandenburg bekommen alle Schüler der Abschlussjahrgänge Wechselunterricht. In Berlin ist es den Schulen freigestellt, ob sie für die Abschlussjahrgänge Wechselunterricht anbieten. Ein Sprecher der Senatsverwaltung teilte jedoch mit, dass nur eine Minderheit der Schulen sich bisher dafür entschieden hat.

Das Abitur soll anspruchsvoll bleiben

Bei Marie sind es die zwölften und zehnten Klassen, die täglich ins Gymnasium kommen. „Die Atmosphäre ist entspannt“, sagt sie. „Es gibt keine Gedränge. Die Kleinen können ja auch ziemlich laut und anstrengend sein.“ Ihre Klasse wurde geteilt. Die Lehrkräfte unterrichten erst 45 Minuten die Gruppe A, dann 45 Minuten die Gruppe B, während die Gruppe A sich mit einer Stillarbeit beschäftigt. „Das funktioniert ganz gut, auch wenn man etwas weniger Stoff schafft, als wenn der Lehrer die ganze Zeit präsent wäre.“

Marie ist „echt froh, dass sie bei den Prüfungen eine halbe Stunde länger Zeit hat“ und dass es noch andere kleine Erleichterungen gibt. „Ich empfinde es als Wertschätzung, dass wir überhaupt so weit gekommen sind im Corona-Jahr – und zur Prüfung antreten. Doch will ich auch, dass das Abitur anspruchsvoll bleibt und nicht entwertet wird in den Augen der Welt.“ Damit die Abiturienten sich den Unterrichtsstoff des vierten Quartals wirklich noch aneignen können, brauche es unbedingt den Unterricht in Präsenz. 

„Wir wussten viele Wochen lang nicht, wie es weitergeht“

Luisa Regler, die sich im Landesschülerausschuss engagiert, empfindet das ähnlich. An der Kurt-Schwitters-Sekundarschule in Pankow bekommt sie zweimal pro Woche je 75 Minuten Teilungsunterricht in den Leistungskursen – der Unterricht wird gestreamt für diejenigen, die nicht da sind. Die restlichen Fächer werden online unterrichtet.

Nach den Weihnachtsferien hatte Luisa etwas Angst, in die Schule zurückzukommen. „Klar, kein Schüler will sein Leben oder das Leben seiner Verwandten riskieren. Aber unsere Schule ist groß, wir sitzen mit weiten Abständen und FFP2-Masken im Unterricht, lüften – wir tun also, was wir können.“

Fühlt sie sich gut vorbereitet? „Nicht so wirklich. Wir schaffen im Moment ungefähr ein Drittel des üblichen  Stoffs. In Fächern wie Deutsch und Politik kann man sich den restlichen Stoff alleine erarbeiten, wenn man motiviert ist. Aber in den Naturwissenschaften?“ Sie freut sich, dass sie durch Verschiebung jetzt noch eine Woche Lernzeit dazubekommen haben. „Aber mal ehrlich, eine Woche Lernzeit, das reißt es nicht raus.“ Trotzdem wolle sie so lange wie möglich an den Abiturprüfungen festhalten. Zwar kenne sie einzelne Schüler, die für das Durchschnittsabitur plädierten, aber der Landesschülerausschuss habe sich nicht dafür ausgesprochen. 

Richard Gamp war bis vor kurzem Landesschulsprecher Berlins, hat das Amt nun zum Ende der Wahlperiode abgegeben, um sich auf die Vorbereitung der Prüfungen zu konzentrieren. Er sagt, die von der Senatsverwaltung beschlossenen Schritte seien zwar richtig und eine Hilfe – kämen jedoch zu spät. Bevor die Regelungen beschlossen wurden, hätte ein gewaltiger psychischer Druck auf den Abiturienten gelastet: „Wir wussten viele Wochen lang nicht, wie es weitergeht. Das war für viele extrem belastend – und das ist es auch jetzt noch. Die Schulen haben kaum Zeit, sich um ein Wechselunterrichtskonzept zu kümmern und viele Schüler werden wohl gar keinen Präsenzunterricht haben.“

Dennoch wünscht Richard sich ein vollwertiges Abitur. Die Angst davor, ein Abi zu schreiben, dass durch Erleichterungen später nicht als gleichwertig anerkannt werden könnte, ist ähnlich groß wie die Angst davor, die Prüfungen mit unzureichender Vorbereitung schreiben zu müssen. 

Sami Georgi, Abiturient am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg, sagt, dass die Lernvoraussetzungen für die Schüler in diesem Jahr zu unterschiedlich seien. Diejenigen, die über eine gute technische Ausstattung verfügten, guten Digitalunterricht sowie viel Präsenzunterricht bekämen, seien klar im Vorteil. „Daher denke ich, es wäre am gerechtesten, wenn das Abitur einfach aus den Noten der vier Oberstufen-Halbjahre errechnet wird. So wie es letztes Jahr schon mal im Gespräch war.“

Durchschnittsabitur als Worst-Case-Szenario

In Berlin ist seit der letzten Woche vor den Weihnachtsferien die Präsenzpflicht offiziell aufgehoben. Das heißt, dass Schüler, die Angst haben, nicht zum Wechselunterricht erscheinen müssen. Allerdings sind die Lehrer dann verpflichtet, ihren Unterricht zu streamen und die Schüler sind verpflichtet, den gestreamten Unterricht zu Hause zu verfolgen. Sorgt diese Lösung vielleicht dafür, dass die Schüler in Berlin nicht streiken werden? Und was geschieht, wenn Infektionsgeschehen keinen Präsenzunterricht zulässt oder dieser aufgrund von Ausbrüchen in Schulen wieder ausgesetzt werden muss?

Norbert Heise, Sprecher des Landeselternausschusses, sieht die neuen Abiturregelungen zwar positiv, doch fehlt ihm ein Plan B, ein Notfallplan. Man warte gespannt auf die Ergebnisse der Kultusministerkonferenz in dieser Woche, sagt er. Sollten die Berater und Experten von einer Öffnung der Schulen für Abschlussjahrgänge abraten, könnten die Regelungen für die Abiturprüfungen für viele Schüler nicht ausreichend sein, um die schwierige Vorbereitung zu kompensieren.

Robert Rauh, Gymnasiallehrer aus Lichtenberg, will alle Regelungen des Senats zur Unterstützung der Schüler ausschöpfen. „In den nächsten Wochen sollte der Slogan gelten: Alles auf Abi. Und wir sollten alles dafür tun, damit unsere Schülerinnen und Schüler kein Durchschnittsabitur bekommen. Das darf  nur der Worst Case sein.“

Aus Gesprächen mit den Abiturienten habe er große Verunsicherung herausgehört. Was verständlich sei. „Aber es fehlt nicht unbedingt an Wissen, sondern eher an Konzentration und Motivation. Und genau da sollten wir als Lehrkräfte ansetzen.“ Rauh will an die Abiturienten appellieren, sich der Herausforderung zu stellen und ihnen hilfreich zur Seite stehen. Auf diese Weise hält er das Abitur für machbar, im vergangenen Jahr habe es schließlich auch geklappt.


* Name geändert.