95 Prozent der Berliner Schulen wollen die Abiturprüfungen noch nicht verschieben.
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BerlinVerschieben oder nicht? Am Mittwoch hatten Berlin und Brandenburg beschlossen, es den individuellen Schulleitungen zu überlassen, ob sie ihre schriftlichen Abiturprüfungen auf die Nachschreibetermine verschieben wollen. In Berlin galt die Regelung nur für Prüfungstermine, die nach den Osterferien angesetzt sind – aus der Senatsschulverwaltung hieß es, man habe damit eine kurzfristige Planungssicherheit gewährleisten wollen.

Stichtag für die Entscheidung war der 20. März. Nach Auskunft der Senatsschulverwaltung hatten am Nachmittag mehr als 95 Prozent aller Schulen, die sich zurückgemeldet hatten, am ursprünglichen Prüfungstermin festgehalten.

Die „Flexibilisierung“ hatte für einige Unruhe gesorgt. Der Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und Vorsitzender des Verbands der Berliner Oberstudiendirektoren Ralf Treptow hatte seinen Kollegen empfohlen, die ursprünglichen Prüfungstermine zu nutzen. Seine Devise: Jeden Abiturienten, der noch gesund ist, so schnell prüfen wie es geht. „Es wäre fatal, wenn am Ende des Prüfungszeitraumes größere Anteile des Berliner Abiturientenjahrgangs nicht alle fünf Prüfungsergebnisse hätten“, so Treptow auf der Homepage des Verbands.

Landsschülerausschuss kritisiert Scheeres

Der Landesschülerausschuss hingegen fordert weiterhin die Verschiebung aller mündlichen und schriftlichen Termine und kritisiert Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) scharf. Der Vorsitzende Miguel Góngora glaubt nicht daran, dass die schriftlichen Prüfungstermine vor den Osterferien noch eingehalten werden – besonders nicht, falls Berlin Ausgangssperren verhängen sollte. Er will weiter Druck machen: „Die Verschiebung ist unausweichlich“, sagte Góngora am Freitag. Bei ihm selbst steht am Dienstag auch eine Präsentationsprüfung an. Doch seine Zweitprüferin, so Góngora, gehöre zu einer Risikogruppe und sei deshalb freigestellt worden. „Ich weiß nicht, ob die Prüfung jetzt überhaupt stattfinden kann.“

Mit den mündlichen Präsentationsprüfungen für Mittleren Schulabschluss (MSA) und Abitur gehen die Schulen sehr unterschiedlich um. Anders als bei den schriftlichen Prüfungen werden die Termine für die so genannte 5. Prüfungskomponente von jeder Schule selbst bestimmt. Am Freitag wurde bekannt, dass sich mehrere weiterführende Schulen, bei denen diese Prüfungen noch vor den Osterferien angesetzt waren, sich zur Verschiebung entschlossen hatten.

Eine davon ist die Friedensburg-Oberschule, die eigentlich gerade feiern sollte: Am Donnerstag hat die Sekundarschule es in die Endrunde der 15 Nominierten zum Deutschen Schulpreis geschafft.

„Aus der Senatsschulverwaltung kommt gar nichts“

Dort hätten die mündlichen MSA- und Abiturprüfungen in der kommenden Woche stattfinden sollen. „Noch vor wenigen Tagen hätte ich gesagt: auf keinen Fall verschieben“, sagte Schulleiter Sven Zimmerschied der Berliner Zeitung. Inzwischen geht er davon aus, dass sich viele Prüflinge und Lehrkräfte sowieso krank gemeldet hätten. Bislang hat er weder neue Termine angesetzt noch der Senatsschulverwaltung übermittelt, wie er mit den schriftlichen Prüfungsterminen nach den Osterferien, ab 20. April, verfahren will. Zu unübersichtlich ist die Lage momentan.

Wie viele andere Schulleitungen wartet Zimmerschied nicht nur auf Entscheidungen zu den Prüfungen, sondern auch zu ganz normalen Klassenarbeiten und Klausuren in anderen Klassenstufen, die nun ausfallen. Selbst wenn die Schulen am 20. April wieder wie geplant aufmachen sollten: Wie neben den verschiedenen Abschlussprüfungen auch noch alle Klassenarbeiten nachgeholt werden sollen, ist vielen schleierhaft. Die Sommerferien beginnen schon Ende Juni, und die Korrekturtage für die Abschlussprüfungen bedeuten, dass Lehrkräfte ausfallen.

Zimmerschied ärgert sich über das Schweigen aus der Senatsschulverwaltung: „Ich erwarte eigentlich ein Schreiben, in dem so etwas steht wie: ‚Wir arbeiten gerade an Regelungen, dass nicht alle Klassenarbeiten nachgeschrieben werden müssen. Was sind eure Vorschläge?‘“, sagte er. „Aber da kommt gar nichts.“

Schulleiter suchen selbst nach Lösungen

Das zwingt die Schulleiter zum Improvisieren: Uwe Schramm vom Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee hat seinen Lehrkräften in der Sekundarstufe 1 (Klassen 5 bis 10) schon mitgeteilt, dass ihm dieses Schuljahr drei Klassenarbeiten für die Leistungsbewertung genügen – „auch wenn ich da jetzt noch nicht das Okay der Senatsschulverwaltung habe“, so der Schulleiter.

Und auch Ralf Treptow am Rosa-Luxemburg-Gymnasium ist zur Tat geschritten: Wie auf der Homepage zu lesen ist, sollen die Leistungskurs-Leiter den Elftklässlern bis zu den Osterferien Aufgaben schicken, die im Zweifel als Klausurersatzleistung gelten können. Schließlich sammeln auch sie bereits Punkte fürs Abitur im nächsten Jahr.