„Sei doch mal still! Ich mach doch alles was du willst! Ich hab dich gestillt, du hast eine frische Windel an, ich trage dich die ganze Zeit umher, alles ist gut. Wieso hörst du nicht endlich auf zu schreien?“ – Diese und viele weitere sehr wütende Sätze brüllte ich meinem Kind ins Gesicht. Es war wenige Wochen alt und ich mit meinen Nerven völlig am Ende. Denn mein Kind war ein sogenanntes Schreibaby. „Wenn du nicht aufhörst so zu brüllen, dann packe ich dich in die Babyschale und stelle dich auf die Straße! Und es ist mir egal, wer dich dann mitnimmt“, drohte ich.

Wir schrien uns in dieser Nacht also beide an und fühlten uns hilflos. Es folgten viele weitere solcher Nächte. Und sie wiederholten sich mit dem nächsten und auch mit dem übernächsten Kind. Denn alle meine drei Kinder waren Schreibabys. Ich habe diese Verzweiflung, die Eltern von untröstlich weinenden Babys oft monatelang begleitet, dreimal durchlebt. Während ich vieles Schöne aus dem ersten Jahr mit meinen Kindern gar nicht erinnern kann, weil alles in einem Nebel aus Geschrei und Verzweiflung verschwindet, sehe ich eine Szene noch deutlich vor mir.

Der Fast-Schüttel-Moment

Nach zwölf Stunden Geschrei stand ich mit meinem Kind auf dem Arm im Wohnzimmer und war verzweifelt. Und fühlte wie etwas in mir „Klick“ machte und ich nur Millisekunden davon entfernt war, mein eigenes Kind zu schütteln. Damit endlich Ruhe ist. Ich wusste genau, dass das Schütteln eines Babys mit dem Tod des Kindes enden kann. Und doch war ich kurz davor, genau das zu tun. Mein Mann muss das an meiner Stimme erkannt haben, denn er kam aus dem Schlafzimmer gerannt, nahm mir das Kind ab und schickte mich ins Bett. Daraufhin einigten wir uns, dass zukünftig, wann immer ich sagte, dass ich Ruhe brauchte, er mit dem Baby aufs Sofa umziehen würde.

Dieser Moment war Grund genug, unser Familienleben zu ändern und nach professioneller Hilfe Ausschau zu halten. Allen Eltern mit einem Schreibaby rate ich, sich fachliche Unterstützung zu holen und den Kinderarzt zunächst prüfen zu lassen, ob dem Baby wirklich etwas fehlt oder ob es kerngesund ist und einfach nur sehr viel weint.

Es ist nach wie vor unklar, warum manche Babys so viel mehr weinen als andere. Das ist schwer auszuhalten, gerade weil Eltern es heute gewohnt sind, dass es für fast alle Probleme wissenschaftliche Erklärungen und medizinische Lösungen gibt.

Manchmal werden Eltern von den Kinderärzten aufgefordert ein Schreitagebuch zu führen, um zu sehen, ob sich die Dreier-Regel anwenden lässt. Sie besagt, dass ein Baby dann ein Schreibaby ist, wenn es mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen innerhalb von mindestens drei Wochen weint.

Das Gefasel von Dreimonatskoliken ist nicht mehr zeitgemäß

Hellhörig werden sollten Eltern dann, wenn ihnen etwas von Dreimonatskoliken erzählt wird, entschäumende Medikamente gegeben werden oder der stillenden Mutter von bestimmten Lebensmitteln abgeraten wird. Diese Vorstellungen sind veraltet. Denn Schreibabys haben keine Koliken. Sie bekommen tatsächlich recht viel Luft in den Bauch, die dann auch zu Bauchschmerzen führen kann, aber der ursächliche Grund dafür ist das Weinen im Vorfeld. Sie schreien also und bekommen dann Bauchweh. Und das Essen der Mutter hat keinen Einfluss darauf, ob das Baby untröstlich weint.

In Berlin gibt es in vielen Krankenhäusern ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), das z.B. Eltern von Frühchen verpflichtend im ersten Jahr begleitet. Und hier finden auch Eltern von Schreibabys kostenlose Hilfe, es braucht aber die Überweisung von einem Arzt. Wenn Eltern sich dort nicht aufgehoben fühlen, gibt es auch Schreibaby-Sprechstunden. Hier müssen Eltern herausfinden, was am besten für sie passt. Bei manchen Angeboten stehen die Eltern, beim anderen das Kind im Fokus. Für mein Buch „Wie du dein Schreibaby beruhigst“, das vor allem die Eltern und ihre Nöte in den Blick nimmt, habe ich viel recherchiert und mit Expertinnen und Experten gesprochen. Denn natürlich trieb mich die Frage um: Hätte ich mehr tun können? Und was können Eltern von Schreibabys erwarten, wenn sie sich Unterstützung suchen?

Foto: Privat
Bloggerin des Monats:

Andrea Zschocher schreibt als freie Journalistin und Autorin über Themen, die Familien bewegen. Auf ihrem Blog runzelfuesschen.de erzählt die 38-Jährige über den Alltag mit drei Kindern. Soeben erschien ihr zweiter Ratgeber: „Wie du dein Schreibaby beruhigst“. In ihrem Podcast „Kinderbuchleben“ spricht sie über die neusten Entwicklungen auf dem Kinderbuchmarkt. Andrea Zschocher lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Die ernüchternde Antwort: Es geht vor allem ums Durchhalten. Und das bedeutet: Entspannungsinseln im Alltag suchen, sich von anderen helfen lassen, dafür sorgen, dass man als Mutter nicht dauernd für alles zuständig ist. Bei meinem Mann und mir war der Fast-Schüttel-Moment die Initialzündung für eine sehr gleichberechtigte Elternschaft, von der wir bis heute profitieren. Manchmal fällt es schwer, nach Hilfe zu fragen, dann ist es gut, viele verschiedene Menschen um jeweils kleine Gefallen zu bitten. Gleichzeitig sollten Eltern darauf vertrauen, dass sie die angebotene Hilfe annehmen dürfen. Jetzt ist nicht die Zeit für falsche Bescheidenheit.

Auch sollte man sich ein dickes Fell zulegen. Denn Menschen, die nie ein Schreibaby über Monate begleitet haben, können sich nicht ausmalen, was das wirklich bedeutet. Ich war oft mit übergriffigen Ratschlägen konfrontiert – von „Ist ihm kalt?“ und „Hat sie Hunger?“ bis „Warum tun Sie nichts?“ – die für noch mehr Stress sorgten. Genauso wie Aussagen, dass Babys mit Schreien ihre Eltern manipulieren würden oder sich nur mal richtig ausschreien müssen. Alles Quatsch, aber in der Situation der Überforderung traut man sich nicht immer, das zu sagen.

Die Kinder halten, tragen und hoffen, dass das einen großen Unterschied macht

Wenn ich von meinen drei Schreibabys erzähle, werde ich in der Regel zwei Dinge gefragt: Wieso hast du nach dem ersten Baby noch weitere bekommen? Die ehrliche Antwort: Ich habe nicht überlegt, dass es mehr als ein Schreibaby pro Familie geben kann.

Die zweite Frage ist, ob ich Nerven wie Drahtseile hätte? Auch das muss ich verneinen, natürlich ist das Leben mit drei Kindern auch heute noch sehr turbulent. Aber ich habe erlebt, dass es meinen Schreibabys geholfen hat, dass wir Eltern sie immer getragen und gehalten haben, auch dann, wenn wir eigentlich aufgeben wollten.

Wenn ich unsere Kinder heute anschaue – sie sind inzwischen 7, 4 und 2 Jahre alt – dann sehe ich, dass ihnen unser Für-sie-da-sein Halt und Urvertrauen für das weitere Leben geschenkt hat, über den akuten Moment hinaus. Vielleicht ist das das versöhnliche Ende? Dass unser Durchhalten und unsere Liebe die Kinder jetzt zu empathischen Menschen heranwachsen lässt, die für einander und für andere da sind.


Wie du dein Schreibaby beruhigst: Die besten Tipps und Strategien für zufriedene Babys und gelassene Eltern. Trias-Verlag, 192 S., 14,99 Euro.