Schüler, Studenten, Azubis und Absolventen informieren sich auf einer Berufsorientierungsmesse.
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Zwischen 1993 und 2017 wuchs in Deutschland die Zahl der Studienanfänger von jährlich 280.000 auf über 500.000 an. Im selben Zeitraum sank die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge von 570.000 auf 513.000. Insgesamt stehen heute 2,9 Millionen Studierenden 1,3 Millionen Auszubildende gegenüber.

Der Befund ist eindeutig: Die berufliche Qualifizierung verliert an Attraktivität, die Mehrheit der jungen Generation zieht ein Studium vor. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand. Ein Studium bietet, auch unter den formal strengeren Bedingungen der Bologna-Reform, mehr Freiräume als die Berufsausbildung.

Die Bezahlung für die Berufsanfänger ist nach einem akademischen Abschluss erheblich höher. Und die Aufstiegsmöglichkeiten sind anschließend besser als im Fall einer beruflichen Ausbildung.

Ausbildungsberufe sollen attraktiver werden

In zentralen Ausbildungsberufen bestehen mittlerweile erhebliche Engpässe. Wie kann man hier Abhilfe schaffen? Vor allem müsste die Bezahlung angehoben werden, um die Attraktivität der beruflichen Bildung zu steigern. Das gilt für die Qualifizierungsphase ebenso wie für das Arbeitsleben nach der Gesellen- bzw. Fachprüfung.

Es müssen zudem verstärkte Anreize gesetzt werden, damit diejenigen, die nach einer Berufsausbildung noch studieren, hinterher den Weg zurück in ihren erlernten Beruf finden.

Wer nach einer Qualifizierung als Mechatroniker ein betriebswirtschaftliches Studium aufnimmt, hat gute Chancen, später einmal als Selbstständiger mit eigenem Betrieb erfolgreich zu sein. Solche Perspektiven müssen frühzeitig in der Beratung für die Berufsanfänger erläutert und verdeutlicht werden.

Insgesamt benötigen wir flexiblere Übergänge zwischen den Bildungssystemen. Nicht wenige der Studienanfänger kommen nach kurzer Zeit zu der Einsicht, dass sie an einer Hochschule nicht richtig aufgehoben sind, und entscheiden sich für den Weg in die Berufsausbildung.

Schwierigkeiten bei der Annährung der Bildungswege

Erbrachte Studienleistungen sollten bei diesem Wechsel anerkannt werden, ebenso wie Qualifikationselemente einer Berufsausbildung beim Studieneinstieg.

Berufliche und hochschulische Bildung gelten zu Recht als gleichwertig. In der Praxis sind sie es nicht, solange eine schlechtere Bezahlung die eigentlich längst überwundene Diskriminierung der Ausbildungsberufe zementiert.

Die von Anja Karliczeks Ministerium geplante Novellierung des Berufsbildungsgesetzes versucht durch eine Erhöhung der Mindestvergütung an der richtigen Schraube zu drehen.

Gut auch, dass bereits erbrachte Prüfungsleistungen bei aufeinander aufbauenden Ausbildungsberufen künftig berücksichtigt werden sollen.

Der definitiv falsche Schritt ist jedoch die geplante Einführung der akademischen Abschlussbezeichnungen „Bachelor“ und „Master“ für praktische Berufsabschlüsse. Weder das Handwerk noch die Gewerkschaften wollen diese Neuerung wirklich. Und sie nutzt auch niemandem, sondern sorgt nur für Verwirrung im Verhältnis zwischen Berufsbildung und Hochschulen.

Berufliche Ausbildungen brauchen eine Reform

Wir dürfen in Deutschland stolz auf die Qualität unseres dualen Berufsbildungssystems sein. Daher können wir auch an den bewährten Bezeichnungen vom Gesellen über den Fachwirt bis zum Meister festhalten.

Die berufliche Ausbildung macht man attraktiv, indem man gute Löhne für gute Arbeit zahlt und genügend Aufstiegsmöglichkeiten für Qualifizierte bietet. Alles andere ist Fassadenmalerei und hilft keinem.