Arjin Isik ist 16 Jahre alt und geht auf die Berliner Ernst-Reuter-Schule. In diesem Jahr hat sie mit ihrer Geschichte „Ausgeschieden“ einen Bundespreis gewonnen beim 69. Europäischen Wettbewerb. In diesem Jahr sollten die Schüler sich in Wort und Bild mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ auseinandersetzen.

Arjins dystopische Geschichte handelt von einem Europa der Zukunft, in dem das Wasser knapp wird. Es gibt ein autoritäres Regime, das das noch vorhandene Wasser rationiert und verhindert, dass Flüchtlinge kommen, die um das vorhandene Wasser konkurrieren.

Die 16-jährige Celia ist in der Geschichte das heimliche Oberhaupt ihrer Familie. Seit der Vater krank ist und arbeitslos, hat das System ihn „ausgeschieden“ – und die Familie bekommt kein Wasser mehr. Als der kleine Bruder wegen eines Wasserdiebstahls für Freunde festgenommen wird, macht Celia sich auf den Weg, ihn zu befreien.

„Ausgeschieden“ ist die erste Geschichte, die Arjin Isik anderen Menschen gezeigt hat. „Das Schreiben bedeutet mir viel. Oft überlege ich, wie die Bücher, die ich gerade gelesen habe, ausgehen könnten. Oder was passiert wäre, wenn zwei Figuren einander früher begegnet wären“, sagt die junge Frau, während wir in einem Straßencafé am Bahnhof Gesundbrunnen Apfelschorle trinken.

Gerade ist sie dabei, ihren ersten Fantasy-Roman zu schreiben. Die Heldin, wie die Autorin 16 Jahre alt, wurde aus einer Kleinstadt verjagt, weil sie „zu viel Wut im Bauch hat“, wie Arjin sagt. „Als Rebellin wird sie in ein spezielles Internat gebracht, um an sich zu arbeiten und herauszufinden, was die tiefere Ursache sein könnte für ihre Wut.“ Arjin versucht, jeden Tag an ihrem Roman zu schreiben. „Ein Wort, ein Satz, eine Seite, egal – Hauptsache, ich komme ein bisschen voran.“

Die große Schwester als Vorbild, die kleinen Brüder als Aufgabe

Jetzt sind Sommerferien. In den letzten Tagen hatte sie nicht so viel Zeit zum Schreiben, weil sie viel auf die kleinen Zwillingsbrüder aufgepasst hat, die vor drei Monaten geboren wurden. Arjin hat auch noch einen zehnjährigen Bruder und eine große Schwester, die sie sehr bewundert. „Sie studiert Politik in Bremen und verkörpert alles, was ich gern sein und tun möchte.“

Nach dem Abitur möchte auch sie in eine andere Stadt gehen und Psychologie studieren. „Ich weiß noch nicht, ob ich von Beruf Psychologin werden will, aber ich weiß, dass ich mir unbedingt das psychologische Wissen aneignen möchte. Alles, was man wissen kann über die Seele und das Verhalten der Menschen.“ Natürlich träumt Arjin auch davon, später einmal eigene Bücher zu veröffentlichen. „Aber das kann man ja nicht planen, das kann man nur versuchen.“

Arjins kurdische Eltern stammen aus Urfa, einer Stadt im Südosten der Türkei. Ihre Mutter kam schon als kleines Mädchen nach Berlin, ihr Vater als junger Mann. Ihre Mutter ist Hausfrau „mit einem reichen Sozialleben“, wie Arjin es ausdrückt. Ihr Vater ist Bauarbeiter von Beruf, „kann aber gut umgehen mit Worten – und freut sich sehr, dass ich so viel lese und schreibe.“

Arjins Buch-Tipp: die Jugendbuchserie „Shatter me“

Die Familie Isik wohnt in einer Wohnung nicht weit vom Gesundbrunnen-Center, wo Arjin ganze Nachmittage bei der Buchhandlung Thalia verbringt. „Die Verkäuferinnen kennen mich alle schon gut“, sagt sie. Im Moment lese sie vor allem Düsteres wie die Jugendbuchserie „Shatter me“ von der amerikanischen Autorin Tahereh Mafi.

Zum Lesen kam Arjin erst ziemlich spät und durch einen Zufall. Bei einer Freundin sah sie ein Buch auf dem Nachtisch liegen, dessen Verfilmung sie kannte. „Ich habe die ersten Seiten gelesen und konnte dann nicht mehr aufhören.“

Arjin ist in Wedding geboren, in die Grundschule und in der siebten Klasse auf ein Gymnasium gegangen. „Aber da habe ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt und ich hatte auch keine guten Noten. Dass ich dann in der achten Klasse auf die Ernst-Reuter-Schule gewechselt bin, war die beste Entscheidung der Welt. Weil ich hier sofort Freunde gefunden habe und Lehrerinnen, die mich als Menschen sehen und nicht nur als Note. Und die haben mir in den letzten drei Jahren sehr geholfen, meine wahren Interessen und meine Talente zu erkennen.“

Ursprünglich ist Arjin ein ziemlich schüchternes Mädchen, aber im Unterricht bei ihrer Klassenlehrerin überwindet sie diese Schüchternheit jetzt oft. „Der Preis beim Europäischen Wettbewerb hat mir Mut gemacht“, sagt Arjin.

Hier ihre Geschichte:

„Ausgeschieden“ von Arjin Isik

Das Erste, was Celia tat, als sie die Nachricht der Oberen Einheit erreichte, war die Augen zu schließen und dreimal tief durchzuatmen. Sobald sie den Inhalt des Briefes einigermaßen verdaut hatte, schnappte sie sich
den nächsten spitzen Gegenstand und lief damit ins Wohnzimmer. Sie kniete sich auf den Boden und schob den bleigrauen Teppich zur Seite und suchte nach der leichten Einkerbung in der Holzfliese, die sie nicht vor allzu langer Zeit als Markierung gekennzeichnet hatte. Als sie sie fand, brach sie sie kräftig mit der Spitze in ihrer Hand auf.

Celia zögerte nicht, als sie das wenige Geld herausnahm, das sie besaßen und sich mit Ausweisen und Papieren belud. Sie schulterte ihren heruntergekommenen Rucksack und verdrängte den Drang, nach ihrem Vater zu sehen. Das hatte sie bereits vor einer halben Stunde getan und an seinem Zustand hatte sich bisher nichts verändert.

Arjin Isik, die Autorin des preisgekrönten Textes „Ausgeschieden“.
Sabine Gudath
Arjin Isik, die Autorin des preisgekrönten Textes „Ausgeschieden“.

Außerdem raubte der Anblick ihres Vaters Celia mehr Energie, als sie es zugab. Seine eingefallenen Wangen und seinen schwachen Körper tagtäglich zu begegnen, war etwas, das sie gerne mied. Vor allem mit der Gewissheit, dass das einst ganz anders ausgesehen hatte. Seitdem ihr Vater durch eine Lähmung nicht mehr dazu in der Lage war zu arbeiten, war alles Erdenkliche einfach nur noch schiefgelaufen.

In der Familie, die Celia, ihren Vater und Rewi ausmachte, gab es nun niemandem mehr, der arbeiten gehen konnte. Sie selbst war mit ihren 15 Jahren noch zu jung, um irgendetwas Sinnvolles bewerkstelligen zu können und mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder war es nicht sonderlich anders. Was bedeutete, dass ihnen kein Zugang zu sauberem Wasser mehr gewährt wurde. Was außerdem bedeutete, dass sie im Begriff waren, alles zu verlieren. Und dass ihr Bruder vor wenigen Stunden von der Oberen Einheit festgenommen wurde, machte die Lage nicht einfacher.

Leben im Jahr 2119: Die Wasserressourcen schwinden

In dem Brief stand, dass Celia unverzüglich ins Oberste Gebäude gehen und ihren Bruder abholen sollte. Ansonsten wäre es das letzte Mal gewesen, dass sie Rewi zu Gesicht bekommen hatte. Sie steuerte also sofort den Ort an, vor dem sie sich am meisten fürchtete. Sie lebte in einer Stadt in Europa, die einst eine schöne Umgebung gewesen war, bevor die Katastrophe die Stadt überfallen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich
alles verändert. Zumindest besagten das die Erzählungen ihres Vaters.

Sie schrieben das Jahr 2119. Celia war unter der Herrschaft der Oberen Einheit geboren, doch damals musste man noch nichts für Wasser oder Nahrungsmittel tun. Es war zwar beschränkt, aber so, dass sich niemand Sorgen machen musste. Bis es erneut Plagen gab, die die gesamte Welt erschütterten, und seit die Stadt, in der sie lebte, einer der wenigen mit noch trink- und essbaren Ressourcen war, fingen Menschen aller Nationalitäten an, hier Zuflucht zu finden.

Sobald das jedoch geschah, war das nächste Problem nicht weit entfernt. Ihre Wasserressourcen wurden mit jedem Mal erheblich geringer. Und als es aufhörte zu regnen und die Meere begannen auszutrocknen und ihnen die Katastrophe drohte, beschloss die Oberste Einheit Maßnahmen zu ergreifen. Unverzüglich. Die Stadt wurde abgeriegelt, sodass niemand mehr rein- oder rauskonnte. Zu viele Menschen lebten mittlerweile auf der Welt. Zu viele Hungernde und Durstende.

Es war bis heute unklar, wie die Oberste Einheit es schaffte, Wasserressourcen zu besitzen. Doch seit sie dem Volk das Recht mitzuentscheiden genommen hatten, war niemand mehr so wirklich erpicht darauf, herauszufinden, was das alles auf sich hatte. Niemand rebellierte. Ihre Welt war gestorben und sie waren der letzte Beweis, dass diese Erde mal von Leben nur so gesprüht hatte. Ihre Existenz war der Beweis. Der letzte jedoch, vermutlich.

Mit der Oberen Einheit war nicht zu spaßen

Sobald die Reserven verbraucht waren, war ihr Schicksal nur noch in den Sternen geschrieben. Das hieß, dass sie auf sich allein gestellt waren. Wer der Obersten Einheiten also nichts bieten konnte, bekam nichts. Das war etwas, was Celia an den Rand der Verzweiflung trieb. Sie fürchtete sich sehr. Die Oberste Einheit war auch nicht sonderlich für ihre guten Taten bekannt. Auch wenn sie es nicht direkt ansprachen, war ihnen ein Schicksal wie das ihrer Familie egal. Eine Familie weniger bedeutete mehr Ressourcen und nur noch darauf kam es an.

Während Celia also durch die leeren Wege lief, versuchte sie an all das zu denken, was sie verlieren würde, wenn das hier schieflief. Mit der Oberen Einheit war nämlich nicht zu spaßen. Sie betrachtete die Straßen und fragte sich, wie eine Zeit, in der noch Energie im Überfluss war, eigentlich ausgesehen hatte. Die Menschen hatten probiert, nicht in mittelalterliche Gewohnheiten zu verfallen, doch Energie war heutzutage nur
noch eingeschränkt erlaubt. Das hieß, dass kein einziges Auto mehr durch die Straßen fuhr.

Nachdem Celia nach wenigen Minuten vor dem imposanten, weiß gestrichenen Gebäudekomplex stand, verkrampfte sich ihr Herz in der Brust vor Nervosität. Sie war unheimlich erschöpft. Der Tag saß ihr bereits seit den ersten Sonnenstrahlen in den Knochen. Seit Celia und ihre Familie nämlich als „ausgeschieden“ kategorisiert worden waren, mussten sie regelrecht um ihr Leben kämpfen. So nannte man nämlich die Menschen, die sich nicht mehr in der Gesellschaft betätigten. Sie waren in dem Moment rausgeflogen, als ihr Vater seine letzte Arbeit verrichtet hatte.

Seitdem hatte sie jeden Tag dafür genutzt, um ihre übrig gebliebenen Ressourcen zu portionieren, denn selbst damals, als sie sie noch von der Oberen Einheit bekommen hatten, war es Celia wichtig gewesen, sie niemals auf einmal zu verschwenden. Auch wenn das illegal war, bereute sie es nicht. Denn das hieß, dass die Ressourcen möglicherweise noch so lange hielten, bis sie endlich richtig arbeiten gehen konnte.

Ein letztes Mal atmete sie tief durch und band sich ihr offenes Haar zu einem schnellen Zopf zusammen. Sie hatte darauf geachtet, ihre beste Kleidung anzuziehen. Sie wurde von zwei Männern mittleren Alters in Empfang genommen. Ihre weißen Uniformen bauschten im Wind und sie hielten ihre Waffen fest umklammert.
Sie brauchte nichts zu sagen. Kommunikation war schon seit langem verloren gegangen, darauf legten die Menschen nämlich keinen Wert mehr.

Sie zeigte ihnen den Brief und ihren Ausweis vor und wurde dann reingelassen. Unmittelbar nachdem sie drinnen war, wurde sie auf das Letzte kontrolliert und gesichert. Doch während Celia sich unbemerkbar umsah, merkte sie, dass sie sich diesen Ort ganz anders vorgestellt hatte. Alles war in schlichten Farben gehalten und Menschen rannten umher, um ihren Tätigkeiten nachzugehen. Nirgendwo sah man minderjährige Kinder, die gefangen genommen wurden oder kahle Gefängniszellen. Die Halle war groß und breit und Celia musste ihren Kopf in den Nacken legen, um die gewölbten Decken betrachten zu können.

Eine große Frau starrte sie durchdringend an

Plötzlich spürte sie unmittelbar hinter sich eine Person und drehte sich um, um dieser zu begegnen. Eine große Frau starrte sie so durchdringend an, dass sich Celia innerlich unter ihrem Blick windete. „Bist du Celia?“, fragte die Frau monoton und Celia nickte langsam. Die Frau steuerte, ohne etwas Weiteres zu entgegnen, eine Richtung an und Celia fand sich gezwungen, ihr zu folgen. Sie versuchte sich den gesamten Weg zu merken, doch nach zehn Minuten verlor sie den Faden. Ihr wurde klar, dass die Frau Celia im Kreis herumführte.

Sie stiegen manche Treppen mehrmals empor, schritten dann Flure entlang, die alle mit einem Mal anfingen, gleich auszuschauen. Irgendwann spürte Celia ein dumpfes Pochen hinter ihrer Stirn und ihr wurde mit jeder Minute, die verstrich, schwindliger. Wahrscheinlich wollte die Frau damit verhindern, dass sie sich an diesem Ort je orientieren könnte. Nach weiteren zehn Minuten blieb die Frau endlich in einem Flur stehen, wo mehrere weiße Türen zu erkennen waren. Sie sahen im Grunde alle gleich aus. Oder es kam bloß Celia so vor. Jedenfalls kramte die Frau einen Schlüssel aus ihrer vorderen Hosentasche und fing an, die Tür aufzuschließen.

Bevor sie die Tür ganz aufstieß, drehte sie den Kopf zu ihr herum und sah sie das erste Mal seit gefühlten 20 Minuten wieder an. Ihr Gesichtsausdruck war wie aus Stein gehauen und gab nichts preis. „Dein
Bruder ist drinnen und erwartet dich bereits. Sobald du drinnen bist, musst du sofort die Formulare ausfüllen.“ Damit öffnete sie ihr die Tür und schritt zur Seite, damit Celia reinkonnte.

Sie hielt die Luft an, als sie durch die Schwelle hindurch in den kühlen Raum trat. Ihr Blick schweifte sofort suchend umher und sie wäre vor Erleichterungen beinahe in Tränen ausgebrochen, als sie ihren Bruder dort drinnen an einem Tisch sitzen sah. Sie scannte ihn erst mal grob von Kopf bis Fuß, und als sie sich sicher war, dass es ihm gut ging, rannte sie zu ihm und drückte ihn in eine Umarmung.

Ihr Bruder war bereit, seine Freiheit zu opfern

Dabei sollte sie ihn eigentlich anschreien, dafür, dass er so töricht gewesen war, zu versuchen, etwas zu stehlen. Celia wusste, dass er es nicht aus Hunger oder Durst getan hatte. In dieser Situation waren sie noch nicht. In der Vergangenheit war es nämlich oft geschehen, dass ihr Bruder für andere Menschen, die weniger hatten, bereit war, seine Freiheit zu opfern. „Mach das nie wieder, hörst du?“, kam es aufgebracht aus ihr heraus. Sie wusste, dass es nichts brachte, das zu sagen, doch daran wollte sie sich im Moment nicht stören. Sie war bloß erleichtert.

Sie fuhr ihm durch seine braunen Haare, während Rewi aufgeregt von alldem berichtete, was geschehen war. „… Und als Strafe musste ich aufschreiben, was ich falsch gemacht hatte.“ Sie warf einen Blick auf sein nahezu vollgeschriebenes Blatt und erinnerte sich, dass sie die Formulare ausfüllen musste. „Weißt du, wo die Formulare sind?“ Rewi schob ihr wortlos ein Dutzend Papiere durch. Sie unterdrückte ein Seufzen.

Ihr Bruder erhob sich und machte Anstalten zu gehen, als sie ihn aufhielt. „Wohin möchtest du?“, fragte sie skeptisch. „Auf die Toilette. Sie ist gleich gegenüber“, antwortete er und deutete mit seinem Finger auf die Tür, durch die sie gerade reingekommen war. „Du darfst nicht raus, bis ich die Formulare ausgefüllt habe, Rewi“, merkte sie an. Rewi rollte mit den Augen. „Ich bin gleich wieder zurück. Es ist gleich da vorne. Komm schon, ich muss wirklich dringend!“ Plötzlich fing er an zu zappeln und Celia ließ ihn widerwillig los. „Du bist aber schnell wieder zurück“, befahl sie und Rewi entgegnete nur noch ein hastiges „Ok“ und flitzte davon. Sein Gehen stimmte sie mulmig, weshalb sie sich sofort den Unterlagen widmete. Umso schneller sie die Papiere nun ausfüllte, desto eher waren sie hier raus.

***

Als Rewi den Raum verließ, in dem er sich seit Stunden befunden hatte, steuerte er nicht wie vorgegeben den Weg zur Toilette an. Stattdessen schaute er sich um, und als er sich vergewisserte, dass niemand hier war, lief er den Flur entlang und bog dann rechts ab. Er fühlte sich schlecht, weil er seine Schwester belogen hatte, doch er wusste auch, wie überfürsorglich sie manchmal sein konnte.

Und das, was Rewi auf den Weg mitbekommen hatte, hatte er nicht vergessen. Die streng aussehende Frau hatte ihn durch alle Flure geführt und versucht, ihn sichtlich zu verwirren, doch stattdessen hatte sich Rewi dadurch alles nur noch besser einprägen können. Es war, als hätten sich seine Beine verselbstständigt. Irgendwann stand er vor einer Tür und fischte die Haarnadel heraus, die er Celia beim Umarmen entnommen hatte. Bedächtig entsperrte er die Tür.

Sie hätte es besser wissen müssen. Celia ärgerte sich über ihre Naivität, doch war dabei auch so unfassbar traurig. Der ganze heutige Tag, ihr gesamtes Leben war so zermürbend. Doch es gab nicht genug Zeit, um sich selbst zu bemitleiden. Sie knüllte die Papiere in ihrer Hand zu einem Bündel zusammen und lief den Flur entlang, auf der Suche nach ihrem Bruder. Sie brauchte nicht nachzusehen, ob er in der Toilette war. Das war er nicht. Ihr Bauchgefühl hatte sie in Bezug auf Rewi noch nie enttäuscht.

Nachdem sie durch den Flur gegangen war, teilte sich der Weg in zwei Richtungen. Links oder rechts. Sie schloss die Augen. Die ganze Sache war zum Scheitern verurteilt. Rewi und Celia würden hier niemals wieder herauskommen. Links oder rechts. Tief atmete sie durch, erlaubte sich die Entscheidung gut zu durchdenken. Sie ging den Flur bis zum Ende entlang und bog dann nach links. Nach einigen Schritten jedoch
hielt sie inne und nahm die Umgebung in sich auf.

Vor ihr erstreckten sich weitere Türen und Kammern, die sie bei Weitem niemals nach Rewi so schnell absuchen könnte. Und der Flur ging hier endlos geradeaus. Sie konnte das Weite sehen und Rewi hätte es in solch einer kurzen Zeitspanne niemals so weit geschafft. Nun rannte sie. Sie drehte sich um und flitzte den gesamten Weg wieder zurück, bis sie endlich in dem richtigen Flur war.

Hektisch ließ sie ihre Blicke umherschweifen. Weiße Türen und weiße Wände. Frustriert raufte sie sich die Haare. Sie würden es niemals schaffen. Niemals. Doch an Aufgeben war nicht einmal zu denken. Sie fasste sich schnell wieder und setzte ihren Gang fort, dabei versuchte sie jedes Detail in sich aufzunehmen. Irgendwann begann sich alles vor ihrem Auge zu drehen. Das Weiß breitete sich überall aus und bald meinte sie nichts mehr als das zu sehen. Da. Celia blieb stehen und fixierte in dem Meer von Weiß das Einzige, das von der Farbe abstand. Sie näherte sich der Tür und umschloss ihre Finger um die dunkle Haarnadel.

Ohne einen weiteren Gedanken zu denken, stieß sie die Tür mit einem Ruck auf und erstarrte sogleich, als sie in das Innere blickte. Zuerst sah sie Rewi, wie er auf einem riesigen Kanister saß. Der erste Gedanke, der ihr in diesem Moment überhaupt in den Kopf kam, war, wie er es mit seinen kurzen Beinen darauf geschafft hatte.
Dann sah sie alles. Es war eine riesengroße Halle, mit über hundert Kanistern. Manche waren so klein und niedrig wie eine normale Flasche. Andere erstreckten sich bis zur Decke. In dieser Halle war es seltsamerweise stickig und sie hatte Probleme, richtig atmen zu können. „Das ist alles Wasser, Celia! Trinkbares Wasser!“, kam es ehrfürchtig aus Rewi heraus.

Sie war immer noch sauer. Unglaublich sauer

Sie stand unter Schock und es dauerte eine Weile, bis Rewis Worte zu ihr durchdrangen. „Wasser“, murmelte sie mehr zu sich. Rewi sprang von dem Kanister herunter und drehte sich im Kreis. „Kannst du das
glauben! Ich habe diesen Ort gefunden!“ Erst als er das sagte, wurde ihr etwas klar: Sie befanden sich an einem Ort, der ihr Ende bedeuten könnte. Sofort holte sie zu ihm rennend auf und zog ihn unsanft an der Hand. Rewi wollte protestieren, doch Celia kam ihm harsch zuvor. „Wenn wir hier nicht sofort verschwinden, Rewi, könnten wir alles verlieren! Bist du dir bewusst, was du uns soeben angetan hast?“

Erst als sich seine Augen mit Tränen füllten, merkte sie, wie unsanft sie mit ihm umgegangen war. Sie war immer noch sauer. Unglaublich sauer. Doch er war noch ein Kind. Sie war praktisch auch noch ein Kind. Doch bevor sie ihre Worte zurückziehen konnte, erschallten donnernde Schritte vom Ende des Flures. Celias Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust und sie schritt unwillkürlich einige Schritte zurück. „Celia?“ Zittrig hielt sich Rewi an ihrer Seite und klammerte sich an ihrem Arm fest.

Sie wusste genau in dem Moment, als ein Dutzend von Leuten der Obersten Einheit mit ihren weißen Uniformen die Halle betraten, dass es vorbei war. Vorbei mit allem, was sie je in der Vergangenheit getan oder sich in der Zukunft erhofft hatte. Ihre Waffen waren alle hoch erhoben und auf sie gerichtet. Celia könnte meinen, Rufe und Anweisungen zu hören, doch sie war in diesem Moment wie erstarrt. Alles, woran sie denken konnte, war Rewi, als sie sich ihnen immer mehr näherten.

Celia wurde aus ihrer Schockstarre gerissen, als jemand sie hart am Arm zurückzog. Sie versuchte sich gegen den Griff zu wehren und nach ihrem Bruder zu greifen, doch irgendwann spürte sie seine klammernde Gegenwart unter ihrem Arm nicht mehr. Stattdessen schirmten unzählige von weißen Uniformen die Sicht
auf ihren Bruder ab. „REWI! REWI!“ Ihre Stimme ging in dem Tumult unter. Sie weinte und schrie, selbst als sich das Meer vor ihr langsam auflöste und mehrere Männer und Frauen sie gleichzeitig festhielten.

Irgendwo in der Ferne sah sie ihren Bruder und schaffte es, mit ihrer gesamten Restkraft zu ihm zu rennen und die Soldaten, die sie festhielten, gleich mitzuschleifen. Als sie ihn erreichte, sah sie, dass er selbst verängstigt weinte. Sie streckte eine Hand nach ihm aus und bemerkte, dass er sich bemühte, nach ihr zu greifen, doch sie beide wurden weiterhin erbarmungslos voneinander festgehalten.

***

An später konnte sich Celia nur noch brüchig erinnern. Eine richtige Gerichtsverhandlung gab es nicht und beide kamen ins Jugendgefängnis, wo sie mitsamt anderen Insassen arbeiten mussten. Obwohl es ihnen in der Außenwelt nicht gestattet worden war. Das einzig Gute daran war, dass man sich dafür als Gegenleistung um ihren Vater sorgte. Da Rewi erst zwölf war, kam er nach wenigen Monaten wieder raus. Celia würde niemals so weit gehen und ihren Aufenthalt im Gefängnis als schön bezeichnen, doch eins musste sie sagen: Die gesamte Zeit hatte sie endlich das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können. Zu wissen, dass es ihrem Bruder und Vater da draußen gut ging und sie sich keine Sorgen machen mussten, was das Wasser anging.

Celia hatte endlich das erreicht, nach dem sie sich schon immer gesehnt hatte: etwas zu bewirken. Selbst wenn es nur für ihren Vater und ihren Bruder war, wusste sie, dass ihre Mühe und Arbeit im Gefängnis sich jeden Tag auszahlten.