Antonia Aurin in Mexiko.
Foto: Privat.

Baja California SurMit siebzehn Jahren hatte ich mein Abitur in der Hand und nicht eine Sekunde daran gedacht, direkt nach der Schule ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen. Im Gegenteil, ich hätte nicht erwartet, dass ich doch nur ein einziges Jahr fern der offiziellen Bildungsinstitutionen verbringen würde. Der Sommer nach der Schule war voll von Zeltausflügen, Festivalwochenenden und einem Gefühl von Schwerelosigkeit.

Den Herbst und Winter über habe ich Kaffee gemacht und Kuchen serviert, das erste Mal regelmäßig gearbeitet und mich sehr erwachsen gefühlt. Nebenbei zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie es denn nun mit mir weitergehen sollte, denn ich hatte ehrlich keine Ahnung.

Es ist auch seltsam, wenn man es sich genauer überlegt, dass einem in der Schulzeit das eigene Denken und die Kreativität weitestgehend abtrainiert werden: Man lernt zu rekapitulieren, anstatt zu reflektieren. Wie soll man dann auf einmal wissen, wo die eigenen Schwächen und Stärken liegen und welche beruflichen Absichten man so hegt? Ich für meinen Teil war also völlig verunsichert. Was aber zum Glück Hand in Hand mit meinem Wunsch ging, weit, weit weg zu reisen.

Mexiko ist es geworden, einer Intuition folgend habe ich das schönste Land der Welt entdeckt. Eine Freundin erzählte mir von der Website Workaway.info. Dort kann man Gastgeber finden, bei denen man für Kost und Logis arbeitet. Die Angebote reichen von Babysitten über Hostelaushilfe und Englisch-Nachhilfe bis hin zu Videografie. Jegliche Art von Können ist von Vorteil. Dabei liegt der Fokus weniger auf dem Geldverdienen als auf dem menschlichen Austausch, der zwischen Reisenden und Einheimischen passiert.

Ich fand eine wunderschöne Öko-Farm in Baja California Sur, mitten in der Wüste, umgeben von Kakteen, direkt am Meer, schöner ging es also wirklich nicht. Dort half ich mit den Pferden, ritt mit ihnen durch die Wüste, baute ein Gehege für neu eingetroffene Hühner und eine Schildkröte, goss die Pflanzen und passte auf das kleine Baby der zwei Farmbesitzer auf.

Beim Ausreiten auf der Öko-Farm  in Baja California Sur.
Foto: Privat.

Nach einiger Zeit zog ich weiter, wechselte zwischen Reisen, Arbeiten und Beine-Hochlegen. In Oaxaca de Júarez arbeitete ich in einem Hostel an der Rezeption, in Puerto Escondido malte ich eine Hauswand an, machte Haus- und Haustiersitting. Insgesamt war ich ein halbes Jahr lang unterwegs.

Obwohl ich alleine auf Reisen war, war ich nie einsam. An jedem Ort lernte ich interessante, lustige und gastfreundliche Menschen kennen. Noch nie habe ich so viel Liebe von Fremden erfahren, nie sind mir die Menschen so unvoreingenommen begegnet. Über ein paar Ecken erfuhr ich von einem Ort in den Bergen, Pluma Hidalgo, wo sich das ganze Leben um das Anbauen, Pflücken, Rösten und Zubereiten von Kaffee dreht. 

Nach einer langen Reise lief ich durch das Dorf, in dem sonst selten Touristen sind. Ein paar junge Mädels fragten, ob sie meine Haare anfassen dürften. Durften sie natürlich. Ihre Mutter lud mich ein, in ihren Laden zu kommen. Sie zeigte mir ihre Plantagen und gab mir den Schlüssel zu einer Cabaña, in der ich für einige Nächte umsonst schlafen konnte. Ich verbrachte viel Zeit mit dieser einen Familie, obwohl mein rudimentäres Spanisch leider für tiefere Gespräche nicht reichte. Trotzdem habe ich viel über Kommunikation gelernt, über Menschen, Traditionen, Essen, das Leben, den Tod, die Gesellschaft, Privilegien, das Universum, andere Universen, Kakteen und mich selbst.

In der Frage, wie es mit der Ausbildung weitergehen und welchen Beruf ich wählen soll, bin ich allerdings nicht weitergekommen. Nachdem ich wieder in Berlin war, fing ich erst an, ein Jahr Philosophie und Musikwissenschaften zu studieren und tauschte dann vergangenes Semester Musik gegen Gender Studies aus. Es gibt mir viel und ist wirklich interessant, aber auch dieses Fach ist noch nicht ganz das Wahre. Für diese Eingebung braucht es vielleicht noch eine weitere Reise.