Zwei Hände voll Ballons: Felicitas und Toufic in Beirut.
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BeirutBis zum Abitur hatte Felicitas ihre soziale Ader noch nicht so entdeckt. Und dass sie es einmal als Offenbarung empfinden würde, mit Behinderten zu arbeiten, hat sie fast aus ihren weißen Turnschuhen gehauen. Aber es war ja nicht nur das, es war auch die flackernde Lebenslust im Libanon, die aufregend war, die Nähe des Krieges im benachbarten Syrien, die zahlreichen Flüchtlinge, die in Beirut eine neue Heimat suchen und ein weitgehend friedliches Vielvölkergemisch bilden.

Doch eins nach dem andern. Eigentlich wollte Felicitas nach dem Abitur Cello studieren, aber wollte sie das wirklich? Sie hatte Preise bei Jugend musiziert gewonnen, die Leute sagten, sie hätte das Zeug zur Solistin. Aber sofort nach der Schule wieder in die Engführung eines Studiums? Nein, zunächst wollte sie sich in der Welt und die Welt in sich entdecken.  

In ihre Unsicherheit hinein fiel die begeisterte Erzählung ihrer Cousine, die ein Jahr mit der „Karawane“ des Malteser-Ordens im Libanon verbracht hatte. In einem schönen Haus am Stadtrand von Beirut, in dem 15 Jugendliche aus Deutschland und Europa zusammen lebten und arbeiteten. Felicitas bewarb sich, anfangs nicht restlos  überzeugt.

Kurz nach den Sommerferien trafen sie mit den „Gästen“ zusammen.„Die Gäste“, das ist ein vornehmer und ein wenig rätselhafter Ausdruck für die körperlich oder geistig behinderten Menschen, die im Libanon sonst fast wie Ausgestoßene leben. In Heimen, wo für 80 Insassen nur eine Hand voll hauptberuflicher Pfleger vorgesehen ist.

Erst einmal schockiert von den Zuständen im Heim

Als die Jugendlichen das Beiruter Heim zum ersten Mal betraten, waren sie schockiert. Sie mussten mit dem Fahrstuhl in die minus fünfte Etage fahren. Dort, ganz unten, waren die schwierigsten Fälle untergebracht, Jungen und Männer allen Alters. Die Fenster waren vergittert wie in einem Gefängnis. „Erst einmal war es nicht leicht hinzunehmen,  wie es dort riecht, wie entstellt diese Menschen aussehen können, dass sie manchmal beißen und um sich schlagen." 

Aber nach einer Woche waren diese Berührungsängste überwunden, sagt Felicitas. Dann war alles schon fast normal; sie haben mit den Gästen gespielt, geredet, gelacht, sind zusammen rausgegangen in Gärten und Parks, haben ihnen die Nägel lackiert, englische Popsongs gekräht, und überhaupt versucht, sie mit ihrer jugendlichen Lebenslust anzustecken. Jedenfalls für die Dauer von drei oder vier Stunden pro Tag. Danach waren sie erst einmal erschöpft und brauchten eine Pause.

Arabischkurse an der Universität 

An drei Nachmittagen pro Woche durften sie zur Universität gehen, um Landeskunde und etwas Arabisch zu lernen. Das Alphabet kann Felicitas schon schreiben und hat den großen Wunsch, diese anpruchsvolle Sprache in einer späteren Lebensphase noch einmal richtig gut zu lernen.

Das Haus, das die kleine „Karawane“ bewohnt, gehört einem libanesischen Arzt, der sich seit vielen Jahren für die Belange des Malteser Ordens engagiert. Dort leben die Jugendlichen und kümmern sich um ihren eigenen Haushalt. Sie kochen zusammen, gehen einkaufen, machen Ordnung und Unordnung. Die 24-jährige Teamleaderin Diane Moussa hilft der Gruppe bei der Selbstorganisation und sorgt dafür, dass sie etwas von den Schönheiten des Landes zu sehen bekommen.

Trailer von dem Projekt CARAVAN.

Video: Youtube/Diane Moussa

Felicitas schwärmt von der langgestreckten Küste, der Wüste und einem Gebirge, wo man im Winter Skilaufen kann, während in den Küstenstädten ein laues Lüftchen weht. Die Gastfreundschaft der Einheimischen hat sie beeindruckt und das Nachtleben in Beirut, das sie mit ihren neuen Freundinnen und Freunden aus der "Karawane" erkundet hat.  Stille Messen und wilde Parties haben sie gefeiert, nächtelang herumgealbert, aber auch tiefschürfende Gespräche führt. Dieses Gemeinschaftserlebnis sei „unglaublich“ gewesen, das betontFelicitas immer wieder und fragt, ob das ein bisschen übertrieben und aufgekratzt klingt?

Der besondere Geist des Projekts

Die Jugendlichen, die sich bei der „Karawane“ bewerben, kommen oft aus christlichen Familien. Man müsse nicht unbedingt christlich sein, aber offen dafür, sagt Felicitas. Und selbst diejenigen, die bisher nciht so viel mit Gott anfangen konnten, hätten im Libanon-Projekt "einen Hauch von Glauben" mitbekommen.

Allerdings: In den ersten Tagen im Camp hatte Felicitas großes Heimweh. Als sie die Gäste wickeln, füttern und verpinkelte Laken wechseln musste. Da hat sie dann per Whatsapp mit ihrer Mutter telefoniert und gesagt: Die Arbeit sei brutal anstrengend, und sie wüsste nicht, ob sie das zehn Monate durchziehen könne… Aber dann hat sie es tatsächlich durchgezogen, und ist heute darüber sehr froh. Dass sie sich selbst einmal hintenangestellt hat, um anderen zu dienen. Dass sie versucht hat, diesen benachteiligten Menschen etwas von der Liebe und Zärtlichkeit zu geben, die sie in ihrer eigenen Familie erfahren hat. 

Fast wie mein eigenes Kind

Im Heim hat sich Felicitas besonders um einen kleinen Jungen gekümmert, er hieß Toufic. „Man kann nicht genau sagen, was ihm fehlt. Aber er kann nicht sprechen. Und wenn er läuft, dann wackelt er immer so hin und her, kann das Gleichgewicht kaum halten. Aber er ist ein supersüßer Junge, den ich schnell ins Herz geschlossen habe. Jeden Tag war ich bei ihm, und am Ende war er fast wie mein eigenes Kind.“

Im Libanon sehen viele es als Strafe Gottes, ein behindertes Kind zu haben. Und die allermeisten Familien können es sich gar nicht leisten, die ganze Arbeitskraft der Mutter der Pflege eines einzigen Kindes zu widmen. Deshalb werden diese Kinder sehr schnell in die Heime abgeschoben, und nur selten nach Hause geholt. Toufic darf jeden Monat ein paar Tage bei seiner Familie verbringen. In der restlichen Zeit ist die „Karawane“ seine Ersatzfamilie.

Malteser Karavane 2018-2019.
Foto: Privat

Als bekannt wurde, dass Felicitas bald zurück nach Deutschland fliegen würde, hat Toufic sich an ihr Bein geklammert. Wo sie war, klafft in seinem Leben jetzt wahrscheinlich eine - Lücke. Doch  Felicitas beteuert, dass sie ihre nächsten Semesterferien nutzen wird, um ihn zu besuchen.

Weil sie den Gedanken an die eigene Zukunft zehn Monate ruhen lassen konnte, war sie sich auf einmal ganz sicher, dass sie Cello studieren möchte. Im Libanon gab es einen Abend, da hat sie am Lagerfeuer Bachsuiten gespielt. „Ich kann es nicht so gut beschreiben. Aber es war wunderschön, für Toufic und die anderen zu spielen. Denn das sind Menschen, die dich nicht beurteilen und dir sagen, okay, du hast jetzt so oder so gespielt, sondern die dir einfach durch ihre Reaktionen zeigen, wie sehr die Musik sie berührt.“