Das digitale Klassenzimmer ist in den meisten deutschen Schule noch Zukunftsmusik. 
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BerlinDie Corona-Pandemie hat in der deutschen Gesellschaft einen Digitalisierungsschub bewirkt – auch in den Köpfen von Schulleitern, Lehrern, Eltern und Schülern. Viele haben die neuen Herausforderungen angenommen. Selbst die ältere Generation der Lehrer, die bislang große Berührungsängste hatte und die heimliche Sorge, sich im Umgang mit der digitalen Technik vor der eigenen Schülerschaft zu blamieren.

Durch die Krise haben viele Lehrerinnen und Lehrer diese Angst überwunden – auch weil sie keine andere Wahl hatten, wenn sie nicht den Kontakt zu ihren Schülern verlieren wollten. Und siehe da: Sie haben angefangen, sich eine neue Welt zu erschließen.

Was die Lehrkräfte nun dringend bräuchten, wäre ein Quantum Zeit, um sich in ihrem Kollegium über die Erfahrungen der vergangenen Monate auszutauschen und gegenseitig weiterzubilden. Denn an etlichen Berliner Schulen gibt es gerade einen Generationenwechsel und damit die Chance, dass die digitalaffinen die etwas technikscheuen Kollegen unter ihre Fittiche nehmen. Diese Zeit und die gezielte Weiterbildung zu organisieren, wäre jetzt eine der wichtigsten und machbarsten Aufgaben für den Berliner Senat. 

Corona hat den Veränderungswillen der Pädagogen gestärkt – doch auch die großen Rückstände offenbart, die deutsche Schulen im Vergleich zu den Schulen anderer Länder haben. Christoph Meinel, Leiter des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering in Potsdam, schätzt, dass Amerika, die meisten asiatischen und skandinavischen Länder uns in dieser Hinsicht 15 bis 20 Jahre voraus sind.

Wie kommt das? Es ist ein offenes Geheimnis, dass der deutsche Föderalismus dabei eine eher unrühmliche Rolle spielt – der Föderalismus der Länder und in Berlin derjenige der Bezirke. Auch sind die juristischen und bürokratischen Hürden hier oft höher als anderswo.

Was braucht eine Schule, um digital durchzustarten? 

  • schnelles Internet, Wlan in allen Schulräumen
  • potente Schulserver
  • Zugang zu einer gut funktionierenden (und möglichst datenschutzkonformen) Schul-Cloud
  • zugängliche Schulcomputer für jüngere Schüler (ab 10 Jahren)
  • eigene mobile Endgeräte für alle Lehrer und älteren Schüler (ab 14 Jahren)
  • Teamgeist, Austausch und gegenseitige Weiterbildung im Kollegium
  • Leihgeräte für die Bedürftigen
  • mehr externes Talent und Know-how im Bereich IT für die Beratung, Fortbildung und digitale Alphabetisierung von Schülern und Lehrern

Für den Digitalpakt, der im März 2019 endlich in Kraft trat, musste mühsam das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern außer Kraft gesetzt werden. Die Investitionssumme des Bundes beträgt vier Milliarden Euro, davon sollen allein 257 Millionen Euro in die Digitalisierung der Berliner Schulen fließen. Doch leider sind von diesem Geld bisher nur 2,3 Prozent abgerufen worden. Nach Aussagen der Senatsverwaltung knapp sechs Millionen Euro.

Der Digitalpakt sieht vor, dass die Schulen ein Medienkonzept einreichen, das zu ihren individuellen Bedürfnissen und pädagogischen Vorstellungen passt. So weit, so gut. Aber schon die Erstellung dieses Konzepts war für viele Schulen eine Überforderung. Das war nicht nur in Berlin so, sondern in fast allen anderen Teilen Deutschlands. Weil Zeit und Know-how fehlten, es in der Regel kein kompetentes IT-Team gab, das den Schulleitern beratend zur Seite stand.

Immerhin hat jede Berliner Schule inzwischen einen pädagogischen Koordinator benannt, der sich um IT-Fragen kümmern soll. Auch gibt es Lehrkräfte, die in der ganzen Stadt als „Schulberater“ tätig sein sollen. Doch ihre Anzahl ist klein, viel zu klein für den großen Hunger der Stadt Berlin!

Deshalb die Frage, wie man externes Talent und frisches Wissenskapital in die Berliner Schulen locken kann? Wie wäre es, wenn man Informatik-Studenten einlädt, sich durch Unterricht ein Zubrot zu verdienen? Wenn man auf die gut verdienenden Mitarbeiter der 10.000 Berliner IT-Firmen zugeht mit der Bitte, sich ehrenamtlich für ein paar Stunden pro Woche in den Schulen zu engagieren – und so einen wertvollen Beitrag zu leisten für die Zukunft unserer Gesellschaft? 

Inzwischen sind in Berlin fast alle Medienkonzepte für den Digitalpakt eingereicht – doch die Schulen warten teilweise seit Monaten auf die Überweisung der nötigen Gelder. Nach Aussagen von Anja Tempelhoff, einer fröhlich und tatkräftig wirkenden Dame, die in der Senatsverwaltung für Digitalisierung zuständig ist, hängt das auch an der Zögerlichkeit der Bezirke.

Im November haben zwar viele Spandauer Schulen ihre Anträge abgegeben, doch der letzte Antrage wurde erst im März hochgeladen. Und da bezirksweise vorgegangen wird, warten die Pionier-Schulen auf die Bummler. Ab März wäre es dann eigentlich Aufgabe der Spandauer Bezirksverwaltung gewesen, die Anträge in Bestellungen zu übersetzen. Eigentlich. 

Die 126 freien Schulen Berlins hatten übrigens noch gar keine Chance, Anträge einzureichen, weil die Förderrichtlinie erst Ende Juni veröffentlicht werden soll. Dies sei nämlich eine „Zuwendungsrichtline“, so Tempelhoff, und juristisch aufwendiger als die „Bekanntmachung“ für die öffentlichen Schulen, die bereits im November letzten Jahres publiziert wurde. Solche Unterschiede sorgen für Unmut und bremsen den Reformprozess zusätzlich. 

Es gibt das neue Schlagwort vom „Blended Learning“ – also der gekonnten Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht. Und Schulleiter wie Uwe Schramm vom Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee haben sich geschworen, dass sie nie wieder in den Zustand der Vor-Corona-Zeit zurückfallen wollen!

Am Anfang des Lockdowns gab es eine Art „Wildwuchs“, weil Lehrer anfingen, mit den verschiedensten Lernmanagementsystemen zu arbeiten. Mit Zoom, Teams, Moodle, Google Classroom, itslearning oder mit dem Lernraum Berlin. Aber das mache einen ja wahnsinnig, sagt Schramm, sich ständig in andere Systeme einzudenken. Deshalb will Schramms Gymnasium jetzt ausschließlich auf den Einsatz der HPI-Schul-Cloud setzen. Sie haben sie in den letzten Wochen ausprobiert und sind zufrieden.

Die Entwicklung der HPI-Schul-Cloud wurde mit Mitteln des BMBF finanziert, der Lernraum Berlin mit Mitteln des hiesigen Senats. Beide sind in der Corona-Zeit verbessert worden: Beim Lernraum wurde zum Beispiel ein Video-Konferenz-Tool eingefügt und die Serverkapazität verzwanzigfacht, um dem Ansturm der neuen Nutzer gewachsen zu sein.

Beide Systeme haben den Vorteil, dass Schulen sie kostenlos nutzen können, und den Anspruch, datenschutzkonform zu sein. Eltern sollen die Sicherheit haben, dass die Daten ihrer Kinder nicht an amerikanische Tech-Giganten ausgeliefert werden. Manche behaupten, dass die Benutzeroberflächen von Konkurrenzprodukten der Privatwirtschaft etwas intuitiver seien. Aber dafür zahlen die Schulen dann oft  Lizenzgebühren im fünfstelligen Bereich oder verlieren Kontrolle über ihre Daten.  

In die HPI-Schul-Cloud integriert ist ein „Lernstore“ – wo Lehrer auf kostenlose Materialien zugreifen und beispielsweise Lernvideos streamen können. Allerdings braucht man dafür schnelles Internet, und das gibt es am Primo-Levi-Gymnasium leider nicht.

Man reibt sich die Augen und begreift, dass das der eigentliche Skandal ist: Keine der 761 allgemeinbildenden Schulen Berlins ist bislang an das Glasfasernetz angeschlossen. Und erschreckend wenige sind vollständig mit Wlan ausgestattet.

Was braucht die Berliner Senatsverwaltung, um das digitale Durchstarten der Schulen zu ermöglichen?

  • Mehr Tempo beim Ausgeben der Gelder, beim Umsetzen der Maßnahmen.
  • Leicht gesagt, aber wie? Stellen schaffen, effiziente Mitarbeiter finden, externe Dienstleister einbinden, Vorgänge entbürokratisieren, Unterstützung des Bundes nutzen.
  • Alle Reformprozesse müssen ineinander greifen. Die Schulbauoffensive, der Anschluss an das Glasfasernetz, die Ausstattung der Schulen, der Klassenzimmer sowie der bedürftigen Schüler.
  • Steigerung der Qualität und Quantität bei den Fortbildungen für Schulleiter und Lehrer. Mehr Anreize und Zeit im schulischen Alltag, um diese wahrzunehmen. 
  • Eine inspirierte Debatte über die Frage, wie digitale Bildung aussehen kann.  

Das Geld für die besser Wlan-Versorgung hat Senatorin Scheeres bereits: Rund 18,5 Millionen für die Jahre 2020 und 2021, die nicht aus den Mitteln des Digitalpakts stammen. Uwe Schramm würde gerne einen Raum mit neuen Schulservern einrichten. Doch zweifelt er, ob sich das wirklich lohnt, wenn das Schulgebäude in drei Jahren von Grund auf saniert werden soll. Am Beispiel des Primo-Levi-Gymnasiums sieht man also, wie die verschiedenen Reformprozesse ineinander greifen oder eben nicht. Wenn die Schulbauoffensive stockt, die Umsetzung der Wlan-Maßnahme und des Digitalpaktes.

Immerhin sind am Primo-Levi-Gymnasium, das zu den größten Schulen Berlins gehört, 13 Leih-Tablets für bedürftige Schüler eingetroffen. Denn der Bund hat ja noch einmal 500 Millionen für die Sofortausstattung der Schulen spendiert, davon gehen stattliche 25 Millionen nach Berlin. Wollen wir hoffen, dass sie schnell ausgegeben und bis August noch viele Tablets angeschafft werden. Für das „Blended Learning“ nach den Sommerferien! 

In Berlin arbeiten 35.000 Lehrerinnen und Lehrer, die sich gerne fortbilden würden.  Aber nicht in diesem piefigen Sinne, der dem Wort Fortbildung noch anhaftet. Nein, ein Volkshochschulkurs ist nicht genug. Was die Lehrer und wir alle brauchen, ist eine inspirierte Debatte über die Frage: Wie kann digitale Bildung aussehen und wann setzen wir ganz bewusst auf analoge Formen des Lernens?