Als die Bildungssenatorin ankündigte, dass im nächsten Schuljahr rund 1000 Lehrkräfte fehlen würden, hatte sie im gleichen Atemzug gesagt, dass bei der Stundentafel nicht gekürzt werden solle. Dass also die bisher verabredete Anzahl der Pflichtstunden in Fächern wie Deutsch, Mathe oder Geschichte weiterhin gilt und die Schulen nur überlegen können, ob sie bei den Profil- oder Förderstunden kürzen. Doch jetzt gibt es bei dem Thema Bewegung.

Diese Ankündigung hatte eine lebhafte Debatte ausgelöst über die Frage, wie man sich eine gute, inklusive und moderne Schule vorstellt. Während die Berliner CDU und Vertreter der Gymnasien die Stundentafel auf keinen Fall anrühren möchten, wurde im Lager der drei Regierungsparteien oft argumentiert, dass Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern eine zu umfangreiche Stundentafel habe – ein starres Korsett, das verhindere, dass die Schüler sich freier bewegen können und mehr Platz haben für ein zeitgemäßes Lernen.

Der frühere Lehrer Philipp Dehne, der sich bei der Berliner Linken engagiert, schrieb in der Berliner Zeitung: „Die Position der Bildungssenatorin klingt nach: Viel hilft viel. Aber stimmt es, dass Schüler mehr lernen, nur weil wir sie mit mehr 45-minütigen Bildungseinheiten in verschiedenen Fächern zuschmeißen?“

Die bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft der SPD hat in der vergangenen Woche davor gewarnt, einfach nur bei den Profil- und Förderstunden zu kürzen. Dies zu tun, bedeutet in den Augen der Bildungspolitikerin Maja Lasic, bestimmte Erfolge der SPD aus den letzten beiden Legislaturen  wieder zunichte zu machen.

Einerseits hatte man ja systematisch angefangen, die Brennpunktschulen mit mehr Ressourcen auszustatten und mehr Möglichkeiten zu schaffen für Sprachförderung, Inklusion, Doppelsteckung im Unterricht (zwei Lehrer kümmern sich zeitgleich um dieselbe Klasse). Und andererseits hatte man die Schulen ermutigt, ein eigenes Profil auszubilden, bestimmte Stärken zu entwickeln, die sie für die Schüler und ihre Eltern anziehend machen. Auch dafür waren die Profil- und Förderstunden gedacht.

Mit den Profilstunden kürzt man das, was eine Schule besonders macht

Diese Profilschärfung gilt in der Bildungsforschung sozusagen als das Einmaleins der gelungenen Schulentwicklung. „Und nun einer Schule, die zwei Profilstunden pro Woche anbietet, zu sagen, du kannst diese zwei Stunden kürzen, heißt: Du kannst gleich dein ganzes Profil wegkürzen“, sagte Maja Lasic der Berliner Zeitung.

„Das soll nicht passieren, wir wollen eigentlich mehr Spielraum schaffen für die eigenständige Schule und nicht weniger,“ sagte Marcel Hopp, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Deshalb nun der Vorschlag: Man möchte bei der Stundentafel sanfte Kürzungen vornehmen – und die frei werdenden Kapazitäten bei den Lehrkräften im Bereich der Profilbildung nutzen.

Außerdem möchte man sogenannte „Wochenstundenkontigente“ einführen, mit denen die Schulen in anderen Bundesländern schon gute Erfahrungen gemacht haben. Das Land gibt dann nicht mehr vor, dass jede Schule in der siebten Klasse genau vier Stunden Naturwissenschaften unterrichten muss, sondern mindestens drei und höchstens fünf.

Das „Wochenstundenkontingent“ als systemische Lösung

Dieser Korridor verschafft den Schulleitungen in Zeiten der Personalnot eine gewisse Flexibilität. Wenn sie aktuell zum Beispiel viele Biologielehrer haben, aber kaum Physiklehrer, sollten sie nicht gezwungen werden, genauso viele Stunden Biologie wie Physik zu unterrichten. Denn Physik müsste dann oft fachfremd unterrichtet werden, von Lehrern, die sonst vielleicht ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema Nachhaltigkeit hätten durchführen können.

Der Vorschlag von Lasic und Hopp wurde beim SPD-Parteitag am Wochenende beschlossen, und die anwesenden Vertreter der Bildungsverwaltung zeigten sich aufgeschlossen.

Ein Sprecher der Bildungsverwaltung monierte, dass in der öffentlichen Debatte eine Art „künstlicher Gegensatz aufgebaut“ worden sei – zwischen der Position der Senatorin und den Stimmen ihrer Kritiker. Schon immer hätten die Schulen individuell die Möglichkeit gehabt, bei der Stundentafel zu kürzen.

„Das Neue an unserem Vorschlag ist“, sagte Marcel Hopp, „dass wir eine systemische Lösungen vorschlagen, die dann für alle Berliner Schulen gilt – ohne dass 827 Schulleitungen einzelne Absprachen mit der Schulaufsicht treffen müssen.“

Die Grünen wollen Mangelfächer durch unbenotete Lernprojekte ersetzen

Auch die Grünen hatten vergangene Woche ein neues Strategiepapier in Umlauf gebracht. Wie schon der Landeselternausschuss fordern sie, noch im Juli einen runden Tisch einzuberufen, um gemeinsam mit Lehrern, Schülern, Schulleitungen, Schulaufsicht, Gewerkschaften, Vertretern der Wissenschaft und der Bildungsverwaltung zu diskutieren, wie man kurzfristig und qualitätswahrend mit dem Lehrkräftemangel umgeht.

Louis Krüger, der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, sagte: „Wir wollen keine Hierarchie in wichtigere und unwichtigere Fächer entstehen lassen – aber können uns gut vorstellen, einzelne Mangelfächer durch unbenotete Lernprojekte zu ersetzen, die beispielsweise mit Sportvereinen, Musikschulen oder Museumspädagogen zusammenarbeiten.“

Einzelne Schüler und Schulleitungen hatten enthusiastisch auf diesen Vorschlag reagiert, die Reaktion der Bildungsverwaltung war bisher eher verhalten. Ein Sprecher teilte mit, dass es gerade in der Corona-Zeit essenziell sei, „auch im Sportunterricht auf pädagogische Professionalität zu achten“.