Berlin - Im Kampf gegen die rasante Ausbreitung der Virusmutation B1.1.7 schränkt der Berliner Senat nun auch den Kitabetrieb wieder ein. Ab Donnerstag (8. April) dürfen nur noch Kinder mit mindestens einem Elternteil in einem systemrelevanten Beruf die Notbetreuung besuchen. Einschränkungen des Schulbetriebs wurden bisher noch nicht angekündigt, sollen aber im Laufe dieser Woche geprüft werden.

Klar ist einerseits: Schon in Großbritannien hatte sich die dort erstmals nachgewiesene Mutation rasend schnell in den Kitas verbreitet. Andererseits gab es dort zum fraglichen Zeitpunkt kein umfassendes Testkonzept für Kita-Kinder. Ein solches Konzept soll in Berlin bald eingeführt werden. Allerdings scheint sich auch in Deutschland das B1.1.7-Virus immer mehr unter Kindern zu verbreiten, wie das RKI in seinem letzten Lagebericht mitteilte. Erschwerend kommt der Teil-Impfstopp für Astrazeneca hinzu. Der Impfstoff soll Erwachsenen unter 60 möglichst nicht mehr verabreicht werden. Mit ihm sollten die Erzieherinnen und Erzieher vornehmlich geimpft werden.

Die Liste der systemrelevanten Berufe ist lang, 31 Seiten, um genau zu sein. Das bedeutet einerseits, dass noch recht viele Kinder die Kita besuchen dürfen. Andererseits haben Kinder von Eltern in nicht systemrelevanten Berufen plötzlich keinen Anspruch mehr auf Angebote der frühkindlichen Bildung. Viele finden diese Lösung ungerecht. Kinder könnten schließlich nichts für die Jobs ihrer Eltern und leiden, wenn sie die Kita nicht mehr besuchen dürfen, sehr darunter, dass ihnen der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt.

Scharfe Kritik des Landeselternausschusses

Der Landeselternausschuss Berliner Kindertagesstätten (LEAK) findet kritische Worte für den Kurs der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Bei der Rückkehr zur Regelung der Notbetreuung für systemrelevante Berufe handele es sich „um eine willkürliche Maßnahme zur Reduzierung der allgemeinen Inzidenz, bei der der Einfachheit halber auf die Gruppe zurückgegriffen wird, die ihre Interessen selbst nicht nach außen vertreten kann“.

Der LEAK hat mehrere Forderungen an den Senat. Dazu gehört etwa das Aufheben der alleinigen Betreuung von Kindern mit Eltern in systemrelevanten Berufen ab Mitte April. Etwa zu diesem Zeitpunkt sollen laut dem 36. Trägerschreiben der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie „rund 500.000 Selbsttests für Kinder“ zur Verfügung gestellt werden. Die Bestellung sei bereits ausgelöst.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie teilte der Berliner Zeitung mit, die Notbetreuung so kurz wie möglich halten zu wollen. Angesichts der besorgniserregenden Infektionszahlen müsse man den Betrieb derzeit jedoch zunächst einschränken.

Der Wechselbetrieb als Alternative?

Auch der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DAKS) bezog Stellung zu der Entscheidung des Senats. Sprecher Roland Kern plädierte in einer Pressemitteilung für eine Art Mittelweg: „Wir hätten da auch noch was: Kita für alle, aber im betreuungszeit- und kontaktreduzierten Wechselbetrieb.“ Kern erläuterte der Berliner Zeitung den Vorschlag näher: Ein solches Wechselmodell biete vor allem für die Kinder mehr Sicherheit, sie hätten in diesem Modus jede Woche zumindest ein paar Kita-Tage. Das könne ähnlich wie in Schulen funktionieren: Montag bis Mittwoch komme die eine Gruppe, die andere Donnerstag und Freitag. So könnten ähnlich viele Kontakte reduziert werden wie bei der Betreuung von allen Kindern mit Eltern in systemrelevanten Berufen. 

Anders als andere Kritiker des Senats schätzt Kern die Lage in den Kitas im Hinblick auf die Verbreitung des Virus als durchaus brenzlig ein. „Natürlich verbreitet sich das Virus auch unter den Kindern und das muss man mit einberechnen. Deswegen finden wir eine Einschränkung des Betriebs prinzipiell richtig. Aber es muss so geschehen, dass das auch für die Kinder tragbar ist. Die Lösung ist nicht, ein Drittel der Kinder völlig von der Betreuung auszuschließen und alle anderen jeden Tag in die Kitas zu schicken.“