Berlin  - Am 20. Februar kam Carlotta Bubenik auf die Idee, an ihrer Schule in Tempelhof-Schöneberg ein Padlet (eine digitale Pinnwand) zu erstellen. Sie bat ihre Mitschüler, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sie in kurzen Texten an die Pinnwand zu heften. Im Laufe weniger Tage kamen über 90 Beiträge zusammen, die einen erschütternden Einblick geben in die Psyche der Jugendlichen. Die Berliner Zeitung hat berichtet. Viele fühlen sich zugeschüttet mit Aufgaben, die sie wie Maschinen erledigen müssen. Sie schreiben Sätze wie: Bitte gebt uns unser Leben zurück! Die Texte haben in ganz Deutschland großes Aufsehen erregt.

Carlotta, wie bist du auf die Idee mit dem Padlet gekommen?

Das war nach einer stressigen Woche. Ich war Anfang Februar öfter krank gewesen, weil ich so viel für die Schule zu tun hatte. Von einer Mitschülerin hatte ich irgendwann den Satz gehört: „Ich bin so überarbeitet, dass ich nur noch ganz langsam arbeiten kann.“ Und dieser Satz hat in mir gearbeitet. Dann kam der Sonnabend, der 20. Februar. Ich hatte wieder so viele Aufgaben, dass ich nicht wusste, wie ich das alles schaffen soll. Da kamen mir die Tränen und ich konnte mich einfach nicht überwinden, mich wieder an meinen Schreibtisch zu setzen. Dann bin ich zu meiner Mutter gegangen und habe ihr gesagt, was ich fühle. Es war ein gutes Gespräch. Erst dachte ich, es wäre gut, wenn die Schüler kleine Briefe an die Schulleitung schreiben – aber dann entstand die Idee mit dem Padlet, die ich dann noch am selben Tag umgesetzt habe … Und das war natürlich eine einfache und effektive Möglichkeit, um sich auszudrücken.

Was waren deine Motive?

Ich wollte, dass wir gesehen werden als Menschen. Und ich wollte auch, dass die Lehrer etwas verändern.

Und haben sie etwas geändert?

Ja, schon zwei Tage später haben die ersten Lehrer mit uns darüber gesprochen. Sie haben sich ein bisschen Zeit genommen, um zu verstehen. Die Menge an Videokonferenzen wurde reduziert und auch die Menge an Aufgaben.

Carlotta Bubenik

Sie ist 16 Jahre alt und geht in die elfte Klasse einer Oberschule in Tempelhof-Schöneberg, sie malt und liest gerne. Am 20. Februar kam sie auf die Idee, eine digitale Pinwand (ein Padlet) zu erstellen, wo die Schüler und Schülerinnen ihrer Schule in kurzen Texten über ihre Gefühle im Lockdown schreiben können. Schon nach einer knappen Woche gab es dort über 90 Beiträge, die von Leistungsdruck, Verzweiflung und Einsamkeit sprechen. Carlottas wohnt in Wilmersdorf, sie  betont, dass sie verständnisvolle Eltern hat und einen Bruder, der schon studiert und ihr in den Naturwissenschaften manche Zusammenhänge erklären kann. Dennoch erlebt auch sie die Zeit im Homeschooling als gewaltige Herausforderung.

Und war die Entscheidung, die Texte in anonymisierter Form einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, umstritten?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben allen Schülern dann noch Möglichkeit gegeben, ihre Beiträge zu löschen. Aber das hat niemand gemacht. Ich glaube, die meisten freuen sich, dass ihre Texte jetzt von sehr vielen Menschen gelesen werden.

Was war für dich die größte Herausforderung im Lockdown?

Dass mir beim Lernen der Sinn verloren ging. Ich hatte das Gefühl, ich muss nur noch mechanisch funktionieren: machen, abgeben, machen, abgeben. Manchmal hatte ich das Bild im Kopf von einem Zug, der losfährt – und ich schaffe es nicht mehr aufzuspringen.

Kann der Digitalunterricht den normalen Unterricht ersetzen?

Nein. Das, was schön ist beim Lernen, verschwindet. Das Miteinander, das Reden, Diskutieren, Ideenfinden. Das gemeinsame Denken, Sich-Ergänzen, Über-sich-Hinauswachsen.

Und was bleibt übrig?

Das Abarbeiten von Stoff, der auf dem Lehrplan steht.

Was war noch schwierig für dich?

Manchmal bin ich eine Wochen lang überhaupt nicht rausgegangen. Ich hatte einfach keine Lust, von meinem Bett aufzustehen.

Viele der Schüler schreiben, dass das Leben ihnen keinen Spaß mehr macht. Geht dir das auch so?

Ja, das ist das, was am meisten fehlt: der Spaß.

Hast du Angst vor dem Abitur?

Ich bin erst in der elften Klasse. Und ich bin sehr froh, dass ich nicht dieses Jahr Abitur schreiben muss. Aber die, die das müssen, haben riesige Sorgen, wie sie das schaffen sollen. Im letzten Jahr ging es ja nur um die Prüfungen, die komplette Vorbereitung hatte noch vor dem Lockdown stattgefunden. Aber dieser Jahrgang hat so viele Monate Vorbereitungszeit verloren.

Was wünschen sich die Abiturienten?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche wollen verschieben, manche nicht. Manche wollen eine leichtere Bewertung, manche nicht. Manche wollen, dass gar keine Prüfungen stattfinden sollen.

Nun haben die Padlet-Texte in ganz Deutschland hohe Wellen geschlagen. Freust du dich darüber?

Das macht mich total glücklich. Dass ich etwas dazu beitragen konnte, dass wir jetzt als Menschen gesehen werden. Und dass die Lehrer und Politiker besser verstehen, dass es auch für die großen Schüler alles andere als leicht ist, mit der aktuellen Situation umzugehen.