Ein Abitur ohne Prüfungen? Wäre möglich, sagt der Vorsitzende der Berliner Oberstudiendirektoren.
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BerlinDie Maßnahmen, um die Corona-Pandemie einzudämmen, werden immer restriktiver – und lassen in Berlin die Frage laut werden, ob Abschlussprüfungen in diesem Schuljahr überhaupt noch möglich sind. Am Sonnabend hatte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) bestimmt, dass alle mündlichen und schriftlichen Prüfungen für Abitur und Mittleren Schulabschluss verschoben werden müssen – sofern sie vor den Osterferien angesetzt waren, die am 6. April beginnen.

An den Prüfungsterminen nach den Osterferien hält die Senatsschulverwaltung noch fest: Offiziell sollen Berliner Kitas und Schulen am 20. April wieder öffnen, daran hat sich bislang nichts geändert. Doch Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter bereiten sich schon längst auf die Möglichkeit vor, dass Schulschließungen und Kontaktverbote länger andauern.

Abitur ohne Prüfungen: So könnte es funktionieren

Es gibt Vorschläge, die Abiturprüfungen in den Sommerferien nachzuholen, die in Berlin schon am 25. Juni beginnen, oder zu Beginn des nächsten Schuljahres. Eine weitere Option wäre es, ganz auf sie zu verzichten – dafür plädiert Ralf Treptow. Er ist Leiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren. Sein Appell an Scheeres: „Sie müssen aufhören, auf Sicht zu fahren und jetzt entscheiden, was mit den Prüfungen passieren soll.“

Andernfalls, so Treptow, verwehre man es einer ganzen Schülergeneration, ihre Zukunft zu planen. „Die Senatsschulverwaltung sollte den jetzt noch verfügbaren Handlungsspielraum nutzen“, sagte Treptow der Berliner Zeitung. Das sei aber nur möglich, wenn man sich von der Vorstellung verabschiede, die Prüfungen könnten noch stattfinden – „und zwar, bevor die Umstände es erzwingen“.

Treptows Vorschlag: Berlin trifft eine Grundsatzentscheidung, das Abitur in diesem Schuljahr auf Grundlage der erbrachten Leistungen in den vier Qualifikationssemestern zu verleihen. Die bisher erreichten Punkte würden dann um den Faktor 1,5 multipliziert – um die fehlenden Punkte aus den Abschlussprüfungen auszugleichen, die normalerweise ein Drittel der Abiturnote ausmachen. „Und falls es doch noch möglich sein sollte, dass einzelne Abiturientinnen und Abiturienten an einzelnen von den fünf Prüfungen teilnehmen könnten, dann werden wir für jeden von ihnen eine Möglichkeit finden, die Ergebnisse dieser Prüfungen in die Abschlussnote einfließen zu lassen“, so Treptow.

Landesschülerausschuss fürchtet Nachteile

Robert Rauh, Lehrer am Lichtenberger Barnim-Gymnasium und Preisträger des „Deutschen Lehrerpreises“, plädiert nur für die Aussetzung der MSA-Prüfungen: „Der Mittlere Schulabschluss könnte auch auf der Grundlage der Halbjahreszeugnisse verliehen werden.“

Den völligen Verzicht auf Abiturprüfungen hingegen hält er für problematisch, weil die Schülerinnen und Schüler sich unter ganz anderen Voraussetzungen vorbereitet hätten. Rauhs Vorschlag: ein leichter zu organisierendes „Kurzabitur“, in dem nur die Leistungskursfächer geprüft werden – also zwei Fächer statt der üblichen fünf. Und das in ganz Deutschland: „Die Länder müssen angesichts dieses Ausnahmezustandes über ihren kleinstaatlichen Schatten springen und in der Kultusministerkonferenz eine bundesweite Regelung beschließen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden“, plädiert Rauh.

Auch der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Miguel Góngora fürchtet Nachteile für die Schülerinnen und Schüler, sollten die Abiturprüfungen ganz entfallen: „Man müsste dann Maßnahmen einplanen, damit die, die sich stärker auf die Abiturprüfungen fokussieren wollten, trotzdem noch die Möglichkeit haben, die gleichen Ergebnisse zu erreichen.“

Petition für bundesweite Absage der Abiturprüfungen gestartet

Ein Account mit dem Namen „Zwei Hamburger Schüler“ hingegen hat Ende der vergangenen Woche eine Online-Petition gestartet, in der sich die Initiatoren für eine bundesweite Absage der Prüfungen aussprechen. Ihr Vorschlag ähnelt dem Treptows: Verleihung des Abschlusses auf der Grundlage der bereits erbrachten Leistungen, plus eine mündliche Prüfung. Die Petition läuft unter Namen „Abi 2020 Umdenken: Durchschnittsabitur“ und hat bereits mehrere tausend Unterschriften gesammelt. Darin wird argumentiert, die gesundheitliche, psychologische und gesellschaftliche Belastung sei für die Schülerinnen und Schüler zu hoch, als dass Abiturprüfungen noch realistisch wären.

Aus der Bildungsverwaltung hieß es, man bereite sich derzeit auf verschiedene Eventualitäten vor. „Die Frage, ob die Schulschließungen wie bisher geplant lediglich bis zum Ende der Osterferien andauern werden, ist dabei natürlich ein entscheidender Faktor“, sagte ein Sprecher. Scheeres sei derzeit in engem Austausch mit ihren Amtskollegen aus Brandenburg, Hamburg und Schleswig-Holstein, wo die Sommerferien ebenfalls schon im Juni beginnen. Zu der Frage, welche Optionen die Kultusminister diskutieren, gab die Bildungsverwaltung keine Auskunft.

Kultusministerkonferenz verspricht Anerkennung aller Abschlüsse

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte in der vergangenen Woche erneut den Beschluss vom 12. März bekräftigt: „Keinem Schüler, keiner Schülerin soll aus der derzeitigen Situation ein Nachteil erwachsen. Das Abitur 2020 wird unter den Ländern gegenseitig anerkannt.“ Ein Sprecher bestätigte der Berliner Zeitung, dass dies ausdrücklich auch für ein Abitur ohne Prüfungen gälte.

Offiziell hält man aber auch in der KMK noch daran fest, dass die Prüfungen stattfinden können. Nachdem Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Baden-Württemberg mit der Verschiebung ihrer Termine vorgeprescht sind, versucht das Gremium derzeit, neue Ländergruppen zu bilden, die ihre Prüfungen zu den gleichen Terminen durchführen sollen.

Die Durchführung der Abiturprüfung ist zwar grundsätzlich Ländersache. Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch werden aber seit einigen Jahren zu gemeinsamen Terminen und mit einem gemeinsamen Aufgabenpool geprüft, um die Vergleichbarkeit zu erhöhen.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde am 23. März um 14:51 Uhr um die Position der Kultusministerkonferenz und Informationen zu der Onlinepetition ergänzt.