Berlin - Als „schulorganisatorische Katastrophe“ bezeichneten Berliner Schulleiterverbände eine konfliktbeladene Änderung des Schulgesetzes, über die am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus abgestimmt wird. Es geht um das freiwillige Wiederholen von Klassen nach einem von der Pandemie gezeichneten Schuljahr. Die Änderung besteht darin, dass Eltern beziehungsweise Schüler über 18 Jahren –  ohne Zustimmung der Schule – über eine Klassenwiederholung entscheiden können sollen. Eine freiwillige Wiederholung ist in Berlin bereits möglich, allerdings in Absprache mit der Schule. Diese Regelung soll nun zugunsten einer anderen gekippt werden, bei der den Schulen jegliches Mitspracherecht bei Wiederholungswünschen von Schülern und ihren Eltern verweigert würde.

Die Schulleitungen kritisierten den Vorschlag in der gemeinsamen Presseerklärung „Berlins Schülerinnen und Schüler verdienen mehr!“ am Dienstag. Darin protestieren sie heftig gegen die Gesetzesänderung und nutzen die Gelegenheit für eine weitgehende Kritik: Sie fürchten, dass Klassen durch die vielen freiwilligen Sitzenbleiber überlastet werden und das Personal fehlt für die Klassen, die dann neu eingerichtet werden müssen, um die Menge an Schülern zu bewältigen. Gefordert wird stattdessen eine langfristige Strategie, um mit den Folgen der Pandemie umzugehen. Dazu gehörten etwa schnelle Impfungen für Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher sowie Breitbandanschlüsse für die Schulen.

Warum dürfen die Schulen bei der Wiederholung von Klassen nicht mehr mitreden? Die Schulleiter haben den Eindruck, dass man ihnen und ihrem pädagogischen Urteilsvermögen das Vertrauen entzieht. Auch sei das Vertrauensverhältnis zwischen Schulleitungen und Bildungspolitikern in Berlin ohnehin geschädigt. Es müsse, so ist es im Schlusssatz der Erklärung zu lesen, daran gearbeitet werden, dass die Zusammenarbeit von Vertrauen geprägt ist und die Schulpraktiker als Berater in die Entscheidungen der Bildungspolitik einbezogen werden.

„Es gäbe ein riesiges Chaos“

Astrid-Sabine Busse ist die langjährige Schulleiterin der Grundschule „Schule in der Köllnischen Heide“ in Neukölln und Vorsitzende des Interessenverbandes Berliner Schulleitungen. Auch sie gehört zu den Unterzeichnerinnen der Presseerklärung. Sie befürchtet dramatische Situationen, und zwar besonders in den jüngsten Jahrgängen: „Wenn wir hier bis zu 50 Prozent Wiederholer in der ersten Klasse haben, ist das schlicht nicht zu bewältigen. Das ist aber bei einer alleinigen Entscheidungskompetenz der Eltern eine realistische Zahl. Auch würden andere Klassen dann so sehr zusammenschrumpfen, dass man sie praktisch auflösen müsste. Es gäbe ein riesiges Chaos.“

Auch sieht Busse bei schwachen Leistungen in einzelnen Fächern nicht zwingend die Notwendigkeit, gleich die ganze Klasse zu wiederholen. Es sollten stattdessen unter anderem temporäre Lernsituationen geschaffen werden, in denen Schülerinnen und Schüler den verpassten Stoff in den Fächern aufholen können.
Ermöglicht werden sollen solche Lernsettings – so die Meinung der Schulleitungen – durch mehr befristete Einstellungen. Das ist eine der wichtigsten Forderungen, die unter der Frage „Was wäre derzeit bildungspolitisch wirklich nötig?“ summiert werden. Weitere Forderungen waren die Erhöhung der Quote der Einstellung von Lehrkräften, die ein Lehramt studiert haben, und die Wiedereinführung der Verbeamtung von Lehrkräften in Berlin, um den Standortnachteil Berlins zu beenden.