Schüler arbeiten mit Laptops im Unterricht.
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BerlinWie kann es sein, dass die Berliner Schulleistungen weiterhin so schlecht sind und die Schulabbrecherquote mit 7,2 Prozent noch immer so hoch? Und das, obwohl die finanzielle Ausstattung der Berliner Schulen besser ist als in fast allen anderen Bundesländern? Mit 10.400 Euro pro Schüler gibt man in Berlin zum Beispiel deutlich mehr aus als in Sachsen, die nur 7800 Euro investieren.

„Also an der Ausstattung kann es nicht liegen“, sagte die Bildungssenatorin bei einer Pressekonferenz im Rathaus Mitte. Um die wahren Gründe für die schwache Performance der Berliner Schulen zu erfahren, hat sie 2019 eine Expertenkommission um den renommierten Kieler Bildungsforscher Olaf Köller beauftragt.

Bewusst hat sie sich einen Wissenschaftler ausgesucht, der einen kritischen Blick von außen auf die Realität des Berliner Bildungssystems werfen kann. Bei der Vorstellung des Kommissionsberichts am Mittwoch sagte Köller: „Es ist ungewöhnlich, dass eine Senatorin bereit ist, sich so umfänglich in die Karten schauen zu lassen.“ Das spräche sehr für Sandra Scheeres und ihr Vertrauen der Politik in die Wissenschaft, so Köller.

Der Expertenkommission wurde eine Praxiskommission an die Seite gestellt: In Berlin ansässige Eltern, Lehrer und Gewerkschaftler konnten ihre Erfahrungen einbringen. Nach über einem Jahr intensiver Arbeit liegt ein 101-Seiten starker Bericht vor. Nun, was hat er herausgefunden? Und welche Empfehlungen hat er für Sandra Scheeres im Gepäck?

In der frühkindlichen Bildung gilt es, den Betreuungsschlüssel noch weiter zu verbessern. Trotz guter Fortschritte hat Senatorin Scheeres hier den Ehrgeiz, bei den Unter-Zweijährigen einen Schlüssel von 1:3 zu erreichen und so den Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung zu entsprechen.

Außerdem sagte Köller, müsste die Kitas ihrem Bildungsanspruch noch stärker genügen – und zwar ohne schon Schule zu spielen. Es müssten spielerische Formen gefunden werden, um sprachliche und mathematische Fähigkeiten zu wecken.

Es ist ja inzwischen ein offenes Geheimnis, dass Kinder mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Familien bei der Einschulung oft schon zwei Jahre „Rückstand“ haben. Die Bildungsschere spreizt sich – und die angehenden Lehrer müssen besser auf diese soziale Heterogenität eingeschworen werden.

Zur Verbesserung der Lehrerausbildung schlägt Köller vor, die verschiedenen Berliner Institute zusammenzuführen: Die MINT-Akademie, das Zentrum der Sprachförderung, ISQ und Lisum sollen jetzt gemeinsam daran arbeiten, die junge Generation auf die Zukunft vorzubereiten.

Außerdem empfiehlt die Kommission, die Gelder nicht mehr „mit der Gießkanne“ zu verteilen, sondern sie stärker in diejenigen Kindergärten und Schulen zu investieren, die besonders viele „Kinder mit besonderen Herausforderungen“ beherbergen.

Erzieher und Lehrer müssen in Diagnostik geschult werden. Und diverse Testverfahren sollen helfen, die Leistungsstände und die Defizite der Schülerschaft zu ermitteln. 

Wenn Defizite bestehen, müssen Förderprogramme angeboten werden. Und anschließend muss man auch sicherstellen, dass die Schulen die dafür veranschlagten Gelder tatsächlich für diese Förderprogramme ausgeben. Das klingt so einfach, aber das Berliner Bildungssystem krankt an der fehlenden Qualitätskontrolle. Deshalb plädierte Köller immer wieder für ein höheres Maß an „Verbindlichkeit“.

Ein Leitmotiv von Köller könnte man in der Formel zusammenfassen: Lasst uns Daten für Taten nutzen! Denn es geht ihm darum, die Performance der Schüler, der Schulen und des Senats regelmäßig zu evaluieren – und die Ergebnisse für wirksames Handeln zu nutzen.

Foto: Berliner Zeitung/ Susanne Gudath
Zur Person: 

Professor Dr. Olaf Köller, 1969 geboren, ist ein deutscher Psychologe und Bildungsforscher. 2004 wurde er Gründungsdirektor des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen Berlin (IQB) und Professor für Empirische Bildungsforschung an der Humboldt-Universität. Zurzeit leitet er das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Bekannt wurde er einer breiteren Öffentlichkeit, weil er dazu beigetragen hat, die Qualität des Mathematikunterrichts an Hamburger Schulen deutlich zu steigern.

Ein zweites Leitmotiv ist der Wille, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Schule muss sicherstellen, dass alle Schüler in den neun bis dreizehn Jahren ihrer Schulzeit gut lesen, schreiben und rechnen lernen. Auf den Leistungen in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik liegt deshalb Köllers besonderes Augenmerk.

Das klingt zwar nicht besonders visionär und aufregend, ist aber wahrscheinlich die richtige Antwort auf die Zeichen der Zeit. Denn – und nun halten Sie sich bitte fest: 33,9 Prozent der Berliner Schüler erreichen am Ende ihrer Schulkarriere nicht die Mindeststandards in Mathematik. Und es gibt vereinzelte Schulen in der Hauptstadt, die seit Jahren Abbrecherquoten von 30 oder 40 Prozent der Schülerschaft haben und daraus anscheinend keinerlei Konsequenzen ziehen.

Hier sollte sich – so Köller – der Senat das zugleich ambitionierte und realistische Ziel setzen, die Zahl der Schüler, die die Mindeststandards in Mathematik verfehlen, in fünf Jahren um fünf Prozent zu reduzieren.

Diskret wurde von Köller konstatiert: Dass die Berliner Senatsverwaltung für Bildung zwar sehr engagiert sei, aber etwas ineffizient und kopflos. Es gäbe zwar viele Feuerwehreinsätze zur Lösung brandaktueller Probleme, doch zu wenig langfristiges und strategisches Handeln. Der Wissenschaftler weiß natürlich, dass Sandra Scheeres nur noch wenig Zeit hat, seine Ratschläge eigenhändig umzusetzen. Deshalb forderte er die dauerhafte Einrichtung einer Berliner Bildungskommission: Sie soll – über  das Ende dieser Legislaturperiode hinaus – die politischen Prozesse begleiten und kontinuierlich vorantreiben.