Berlin - Vor wenigen Wochen haben Studierende an verschiedenen Berliner Hochschulen die Initiative #NichtNurOnline gegründet. Sie wunderten sich, warum die dramatische Situation an den Universitäten in der öffentlichen Debatte fast keine Rolle spielt und die Leiden und Opfer, die die junge Generation für die älteren Generationen bringt, nicht gesehen werden. Ihr Argument: Beim jetzigen Digitalunterricht geht die soziale Dimension des Lernens und Lehrens vollständig verloren – und damit auch die Motivation der Studierenden und die Möglichkeit, ihr Studium erfolgreich fortzuführen.

In einem offenen Brief, dessen Wortlaut wir hier wiedergeben, wenden sie sich an den Senat und an die Hochschulleitungen. Rund 1000 Studenten haben bereits eine Petition unterschrieben und sich den Forderungen angeschlossen. An diesem Montag wird vor dem Haupteingang der Humboldt-Universität eine erste Kundgebung stattfinden. Das Universitäts-Gebäude soll symbolisch versteigert werden – denn, so fragen die Studierenden provokant: „Welche öffentliche Funktion hat dieses Gebäude jetzt noch?“

Offener Brief für die Wiederaufnahme der Präsenzlehre an den Berliner Universitäten

„An den Senat von Berlin
An alle Berliner Hochschulleitungen

Als Student:innen, studentische Hilfskräfte und Dozent:innen fordern wir den vorsichtigen und selbstverantwortlichen Übergang zur Präsenzlehre ab dem Sommersemester 2021. Universitäten sind Orte des lebendigen Austausches, der Kritik und der Erkenntnis. Die virtuelle Lehre kann dies nicht ersetzen. Wir fordern deshalb für alle Berliner Universitäten die Ermöglichung von Präsenzlehre und den Zugang zu Arbeitsplätzen unter den vom RKI empfohlenen Hygiene- und Verhaltensregeln.

Viele Student:innen leiden sehr unter der ausschließlich digitalen Lehre. Die komplette Isolation führt zu einer erheblichen physischen wie psychischen gesundheitlichen Belastung, die sich innerhalb der virtuellen Welt nicht beheben lässt. Zusätzlich wird diese Situation durch ständige technische Probleme erschwert – und in der kleinen Wohnung oder WG sind die Bedingungen für konzentriertes Arbeiten nicht gegeben. Student:innen ist es teilweise nicht möglich an Seminarsitzungen teilzunehmen und ihre Motivation schwindet. Gerade für Studienanfänger:innen ist ein weiteres rein digitales Semester nicht zumutbar. Mit mindestens drei Semestern im Homeoffice sehen wir den gesellschaftlichen Bildungsauftrag der Hochschulen gefährdet. Denn wer ausschließlich online studiert, hat nicht wirklich studiert.

Wir sind uns bewusst, dass Corona eine sehr ansteckende und gefährliche Krankheit ist. Auch Studierende und Dozierende gehören selbst zur Risikogruppe oder arbeiten oder leben mit Personen zusammen, die zu dieser gehören. Deswegen muss die Präsenzlehre durch digitale Formate unterstützt werden und unbedingt auf Freiwilligkeit beruhen. Wir fordern also für alle Berliner Universitäten die Ermöglichung von Präsenzlehre für kleine Seminare, Tutorien und Colloquien mit den vom RKI empfohlenen Hygienemaßnahmen. Dazu bedarf es der Bereitstellung der Vorlesungssäle samt zeitgemäßer Ausstattung: der Technik zur eventuellen simultanen digitalen Teilnahme und zu öffnender Fenster. Seminarräume wiederum sollten als Arbeitsräume zur Verfügung gestellt werden.

Das Hybridsemester, das für das Wintersemester 2020/21 angedacht war, soll für das Sommersemester 2021 realisiert werden. Uns ist bewusst, dass Präsenzlehre nur möglich ist, wenn sich Berlin nicht in einem kompletten (oder einem solidarischen) Lockdown befindet. Doch für die Universitäten sollten nicht länger Sonderregelungen gelten. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Universitäten geschlossen gehalten werden, entbehrt jeder Rechtfertigung: Es gibt keinen Grund, warum – parallel zum Online-Angebot – in den geräumigen Vorlesungssälen keine Seminare oder Tutorien stattfinden können. Das Sommersemester bietet außerdem die Möglichkeit, für kleine Kurse auch die Außenräume zu nutzen: Es könnte grundsätzlich den Dozierenden und Studierenden die Möglichkeit und Wahl gegeben werden, einzelne Sitzungen auch in den Innenhöfen der Universitäten abzuhalten.

Die Wiederaufnahme der Präsenzlehre muss auch mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung von Seiten der Student:innen, studentischen Hilfskräfte und Dozent:innen einhergehen. Es ist selbstverständlich, dass in der Universität für alle die gängigen, vom RKI empfohlenen Hygiene- und Verhaltensregeln verbindlich sind. Im Falle einer Infektion muss dem:r jeweiligen Lehrenden Bescheid gegeben werden, woraufhin das Seminar bzw. das Tutorium digital weitergeführt wird.

Die Regeln sind inzwischen gut eingespielt und bleiben für sämtliche Teilnehmer:innen verpflichtend. Gewiss ist dies noch nicht die erhoffte Rückkehr zur Normalität des studentischen Lebens als notwendiger Voraussetzung für die Entfaltung geistiger Fähigkeiten. Doch können wir der Verödung der Universität und der Vereinsamung der Student:innen nicht länger tatenlos zusehen. Die Universität ist ein wichtiger Ort nicht nur der Wissensvermittlung und darüber hinaus der demokratischen Öffentlichkeit, sondern auch des sozialen Lebens, an dem Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen werden. Nach einem Jahr der Lehre im Homeoffice ist der Zeitpunkt gekommen, Corona nicht als Begründung für einen neuen Normalzustand ohne Universität zu missbrauchen, sondern kreative Lösungen für Präsenzlehre zu diskutieren und umzusetzen. Die Universitäten dürfen nicht länger en bloc geschlossen gehalten werden.

Wir fordern die Berliner Hochschulleitungen und den Senat von Berlin auf, Student:innen Präsenzlehre auch unter Corona zu ermöglichen.“