BerlinBerlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist in den vergangenen Wochen und Monaten wegen des Angebots für den Schulunterricht zu Hause oft kritisiert worden. Der sogenannte Lernraum entspreche nicht den Ansprüchen der jungen Schüler-Generation war einer der Kritikpunkte, Zuverlässigkeit ein weiterer. Außerdem wurde die Datensicherheit bemängelt. Der dritte Punkt wird Anfang Januar geändert.

Während der Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs wurde bekannt, dass die Berliner Lernplattform in Zukunft bei Videokonferenzen auf das Open-Source-Angebot  BigBlueButton setzen wird. Der vorherige Anbieter Cisco WebEx hatte nicht den Ansprüchen der Berliner Datenschutzbehörde entsprochen. Die Behörde hatte im Sommer verschiedene Anbieter getestet und sie in drei Kategorien eingeteilt, WebEx landete im roten Bereich, dem schlechtesten. Rot waren die Anbieter markiert, bei denen Mängel vorliegen, die eine rechtskonforme Nutzung des Dienstes ausschließen, hieß es in der Erklärung. Anbieter aus den USA wie Teams und Zoom landeten in der gleichen Kategorie.

Die große Sorge im Hintergrund: Was passiert mit den Daten der Schüler? Die Berliner Behörde hat sich nun für das Videokonferenz-Tool BigBlueButton entschieden, die Idee ist aus einer internationalen Studenten-Initiative entstanden, es ist ein Open-Source-Projekt. Open Source verspricht eine große Transparenz. Es geht bei der Idee darum, dass der Quellcode für alle sichtbar ist, und wer will, kann auch jederzeit seine Expertise in Projekte einbringen. Für Programmierer ist das eine große Sache, denn nur wenn der Befehlstext, eigentlich Quellcode genannt, auch stimmt, funktionieren die Programme, läuft das System stabil und lässt sich erkennen, was mit den Daten passieren kann. Um möglichst große Datensicherheit herzustellen, wurde in Deutschland auch die Corona-Warn-App gemeinsam mit der Open-Source-Gemeinde entwickelt.

Zu dem Berliner Team, das sich der Sache angenommen hat, gehören Michael Merz, der in der Tech-Szene nur derMicha genannt wird, und sein Kollege Andreas Steinhauser, besser bekannt als Steini. Das Team hat bisher mit dem Senat schon im Bildungsbereich zusammengearbeitet und jetzt die infra-run GmbH gegründet.

Die Basis des Unternehmens ist die Initiative cyber4edu, die den Senat in digitalen Bildungsfragen berät. In der Gruppe sind fundierte Kompetenzen in den Bereichen Datenschutz, IT-Sicherheit, IT-Betrieb und Pädagogik vorhanden, heißt es auf der Website. Die Akteure sind in Schulen, Universitäten und IT-Unternehmen tätig. Gegründet wurde sie während eines Kongresses des Chaos Computer Clubs, deshalb wurde dort am Montag auch die Nachricht zum ersten Mal verbreitet, dass der Senat in Berlin jetzt auf BigBlueButton setzt.

Andreas Steinhauser hat sich übrigens bundesweit und darüber hinaus einen Namen gemacht, weil er zu den Gründern des Berliner Start-ups Gate 5 gehörte. Das ist irgendwann von Nokia gekauft worden, danach haben es die Automobilkonzerne Audi, BMW und Daimler übernommen. Inzwischen ist es unter Here bekannt, es geht um Navigationssysteme, in kaum einem deutschen Auto ist die Software nicht zu finden.

Aber ist BigBlueButton auch wirklich verlässlich? Im Oktober berichtete die Plattform golem.de über kritische Sicherheitslücken, die erst nach Monaten geschlossen wurden. Michael Merz spricht das Thema von sich aus an und sagt, dass gerade in Berlin intensiv an der Lösung des Problems gearbeitet worden sei. Und er sichert zu, dass die Daten in Deutschland gespeichert werden.

Mit der Nutzung von BigBlueButton beschreitet die Schulsenatorin weiter den Weg, auf die Open-Source-Idee zu setzen. Denn der Lernraum Berlin, also die zentrale Online-Lernplattform des Landes Berlin für die allgemeinbildenden Schulen, basiert auf Moodle, einer freien Open-Source-Lernplattform. Nach Angaben aus dem Dezember sind ungefähr 108.000 Nutzerinnen und Nutzer dort aktuell angemeldet. Nach Angaben des RBB wird das Programm von mehr als 600 Berliner Schulen zumindest teilweise genutzt, es kommen aber auch andere Systeme wie die vom Hasso-Plattner-Institut entwickelte Schulcloud zum Einsatz. Die Nutzung des Lernraum Berlin ist nicht verpflichtend, wird aber vom Land Berlin empfohlen.

Für die nächsten Wochen sind Schulungsmaßnahmen für die Lehrer geplant, im Netz gibt es für die Pädagogen eine Übersicht der wichtigen Fragen und Antworten, außerdem grundsätzliche Informationen und ein Erklärvideo. Um den Lehrern den Übergang zu erleichtern, wird es auch möglich sein, für einige Zeit zunächst WebEx weiter zu benutzen. Für die Bildungsverwaltung war es wichtig, dass die neue Technik nach der unterrichtsfreien Zeit zur Verfügung steht, damit der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern zumindest über den Bildschirm möglich sein kann. 

Das Projekt Lernraum steht seit 2005 allen Berliner Schulen zur Verfügung und wird als Leitprojekt des eEducation-Masterplans geführt. Die Daten werden in Berlin auf Servern im Zuse-Institut der TU-Berlin gespeichert. Datenschutzkonform, heißt es. Kurz vor Weihnachten sorgte die Plattform für Aufregung, weil sie auf einmal nicht mehr genutzt werden konnte. Das lag an Systemeinstellungen, teilte die Schulverwaltung mit, der Fehler konnte behoben werden.