Der allgemeine Zustand vieler Schulen ist mit ein Grund, warum Berliner Schüler oft im Dreck lernen.
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BerlinBerliner Schulen sind dreckig – manche so sehr, dass normaler Unterricht unmöglich ist. Im November musste die Reinhold-Burger-Schule in Pankow wegen verschmutzter Toiletten für einen Tag schließen. Wenige Wochen zuvor schrieben 30 Schulleiter, mehrheitlich von Grundschulen, einen Brandbrief an das zuständige Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Die hygienischen Zustände seien so katastrophal, dass ein „vermeidbares Gesundheitsrisiko für die Kinder billigend in Kauf genommen“ werde. Es gibt zahlreiche Berichte von Kindern, die sich so sehr vor den Schulklos ekeln, dass sie in den Pausen ins nächste Einkaufszentrum laufen. An manchen Schulen putzen inzwischen Eltern ehrenamtlich gegen den Verfall an.

Die Kritik an den Reinigungsfirmen, den zuständigen Bezirksschulämtern, aber auch der mittelzuweisenden Landespolitik ist groß. So groß, dass sie zurzeit in Landes- und Bezirkshaushalten mehr Geld lockert und neue Diskussionen zum Beenden des Hygiene-Notstands befördert. 16 Millionen Euro zusätzlich für die Schulreinigung wurden gerade in den Doppelhaushalt 2020/2021 eingestellt. Sie sollen in Schulen fließen, die besonders betroffen sind und in Zukunft zwei- statt einmal pro Tag gereinigt werden sollen.

Probleme: Allgemein schlechte Verfassung und überfüllte Klassenräume

Kritiker sind sich einig: ein erster Schritt – aber das wird nicht reichen. Das Problem sei systemisch bedingt, und gründet auch in der allgemein schlechten Verfassung und Überfüllung vieler Klassenräume. „Wir alle wissen, dass die Schulen voll sind“, sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. „Sie wurden vollgemacht.“ Mehr Schüler, mehr Schmutz – das sei eine logische Folge, die in den Reinigungsplänen insgesamt bisher keinerlei Berücksichtigung finde.

„Das ist eine große Baustelle“, sagt auch Roland Kern, Sprecher des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden, Interessenvertretung für Kitas, Horte und freie Schulen. Auch die Zahl der Hortkinder sei extrem gestiegen, Gebäude und Reinigungspläne seien aber nicht für die ganztätige Nutzung konzipiert. Die Reinigung der Hort- und Klassenräume einmal pro Tag sei absoluter Mindeststandard, der schon jetzt an vielen Schulen gerissen werde, so Kern. Sanitärbereich und Mensen zum Beispiel müssten eigentlich dringend mehrfach pro Tag gereinigt werden.

Reinigungsfirmen machen keine gute Arbeit

Der Hygieneplan für die Berliner Schulen schreibt vor, dass Toiletten, Flure und die Böden in stark frequentierten Räumen täglich zu reinigen sind. Immer wieder machen die Reinigungsfirmen dabei keine gute Arbeit – was vor allem auch daran liege, dass die zuständigen Bezirksschulämter bei der Vergabe der Aufträge zu oft lediglich nach dem Preis entschieden und der Zeitdruck für das Personal zu hoch sei, lautet die oft geäußerte Kritik von Schulleitern, Elternvertretern und Initiativen wie „Schulen in Not“.

Die Bezirke wiederum verweisen auf die Landesebene: Die stelle nur Gelder für den Mindeststandard zur Verfügung. Wer mehr Qualität will, muss aus dem Bezirkshaushalt Gelder zusteuern. Manche Bezirke tun das, was zur Folge hat, dass jeder Berliner Bezirk seine Schulen anders reinigt: Treptow-Köpenick reinigt seine Toiletten schon länger – wie vom Landeselternausschuss gefordert – zwei Mal pro Tag. Marzahn-Hellersdorf will jetzt bezirksweit nachziehen. Auch Neukölln hat mehr Mittel in den Haushalt 2020/2021 eingestellt und steuert nach.

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In Lichtenberg wünscht man sich nicht so sehr mehr Mittel, als einen ganz anderen Stil der Reinigung und Auftragsvergabe. „Wir würden die Reinigung gerne wieder reprivatisieren, zurück in die eigene Verantwortung nehmen“, sagt Fabian Peter, Referent im Bezirksschulamt Lichtenberg. Viele Reinigungskräfte täten ihr bestes, aber die Firmen verlangten schlicht zu viel von ihren Mitarbeitern. „Es gibt eine natürliche Grenze, wie schnell man sein kann.“

Idee: Festangestellte Reinigungskräfte an jeder Schule

Peters Wunsch: festangestellte, beim Land beschäftigte Reinigungskräfte an jeder Schule, die direkt vom Schulleiter angewiesen werden können – denn zurzeit hake es oft in der Kommunikation. Vorstellbar sei, mit mehreren Bezirken zu kooperieren, um das Personal über eine Landesgesellschaft anzustellen. Doch: Das wiederum sei Landessache. „Wir würden als Pilotbezirk sofort zur Verfügung stehen.“

Für Abgeordnete wie Silke Gebel (Grüne), Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, ist der Flickenteppich der Berliner Schulhygiene nicht mehr haltbar. „Berlin braucht dringend verbindliche landesweite Sauberkeitsstandards für die Schulen“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Ehrenamtliche Eltern-Putztrupps darf es nicht geben.“ Die Frequenz der Reinigung müsse dem Bedarf der Schule entsprechen, dafür bräuchte es die Schulen stärker in der Steuerung. Wie der Weg dahin aber genau zu erreichen sei, dazu würden sich die bildungspolitischen Sprecher der Koalition in den nächsten Wochen mit Vertretern von Eltern, Schulen und Bezirken an einen Tisch setzen.