Wer Kritik äußert, sollte auch auf seine Körpersprache achten – wer aggressiv und einschüchternd auftritt, bewirkt selten etwas Gutes.
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BerlinKritik ist allgegenwärtig und weit mehr, als das bloße Herumhacken auf Fehlern. Denn was vielen nicht bewusst ist: Auch ein Lob ist Kritik. Doch selbst wenn der Ton ernster wird und man mit dem Kollegen oder der Kollegin über Macken sprechen muss, muss das nicht immer verletzend und unangenehm sein. Konstruktive Kritik heißt das Stichwort – und die kann wirklich jeder lernen. Davon ist zumindest Coach Ulrich Kern überzeugt. Im Interview erklärt er, welche Arten der Kritik es gibt und wie wir sie richtig und zielführend äußern können.

Kritik ist ein fester Bestandteil im Berufsleben, aber was genau ist Kritik überhaupt und von welchen Faktoren ist diese abhängig?

Kritik gehört zum täglichen Leben und ist nicht alleine nur im Berufsleben präsent. Per se handelt es sich bei Kritik um nichts weiter als die Bewertung und Beurteilung einer Person, einer Arbeit oder eines Ergebnisses. Unsere Gesellschaft ist aus meiner Sicht auf „Finde den Fehler“ programmiert. Insoweit wird Kritik logischerweise in der Regel auch im negativen Kontext gesehen, aber auch ein Lob ist Kritik.

Gibt es denn auch positive Kritik von außen?

Ja, jedes lobende Wort und jede wertschätzende Geste vom privaten oder beruflichen Umfeld ist positive Kritik. Leider wird diese aus meiner Erfahrung nur selten so wahrgenommen.

Man unterscheidet zwischen konstruktiver und destruktiver Kritik – was ist der Unterschied?

Die konstruktive Kritik bietet die Möglichkeit der Reflexion und beinhaltet Verbesserungsvorschläge. Hierbei macht der Ton die Musik. Sie ist respektvoll und wertschätzend, bringt die Dinge auf den Punkt und ermöglicht den Perspektivwechsel und damit auch neue Lösungsmöglichkeiten. Die destruktive Kritik ist in der Regel unsachlich, eindeutig wertend und nicht lösungsorientiert. Sie zielt darauf ab, Schuld zuzuweisen und untergräbt das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl des Kritisierten.

Wie wichtig ist es, im Berufsleben mal inne zu halten und über sein Tun und Handeln nachzudenken, sprich Selbstkritik auszuüben?

Persönlich halte ich die Reflexion des eigenen Handelns für unerlässlich, denn nur so kann man sich weiterentwickeln und wachsen. Dabei ist es wichtig, dass man mit sich selbst konstruktiv umgeht. Unerbittliche Selbstkritik zerstört die eigene Zufriedenheit und macht unglücklich. Unser schärfster Kritiker sind wir oft selbst. Kein anderer kennt uns so gut und keinem anderen können wir so wenig vormachen.

Wann übe ich konstruktive Kritik an einer anderen Person aus – gibt es einen richtigen Zeitpunkt?

Es gibt nur einen richtigen Zeitpunkt, und zwar „jetzt“. Es bringt nichts, die Kritik auf die lange Bank zu schieben. Zum einen ist es für den Kritiker anstrengend, sich die Einzelheiten der Kritik vielleicht über Tage oder gar Wochen zu behalten. Zum anderen hilft es demjenigen, der die Kritik bezieht, nicht weiter. Denn der Vorfall ist längst vergessen und in der Zwischenzeit besteht die Möglichkeit, dass sich die „Fehler“ wiederholen.

Welche häufigen Fehler werden beim Kritisieren begangen und wie kann man diese vermeiden?

Grundsätzlich sollte man Vorwürfe vermeiden. Fügen wir dann noch Verallgemeinerungen mit hinzu, entfalten die Vorwürfe eine destruktive Kraft, die ein lösungsorientierte Kommunikation unmöglich machen. Hilfreich ist es, sich vor der Kritik an Anderen vor Augen zu führen, dass man selbst ein Mensch ist, der auch täglich Fehler macht. So lässt sich schon im Vorfeld vermeiden, dass man persönlich, emotional und möglicherweise verletzend wird. Mit hoher Emotionalität die Kritik zu äußern, ist die denkbar schlechteste Grundlage für ein sachliches Gespräch. Wenn Kritik angebracht ist, dann sollte man diese auch möglichst zeitnah ansprechen. Auch eine positive Kritik, sprich das Lob, verpufft, wenn es nach mehreren Tagen oder Wochen gegeben wird.

Welche Rolle spielt die Mimik und Gestik beim Kritisieren?

Die Körpersprache spielt eine große Rolle, nicht nur, wenn es um Kritik geht. Schätzungen zufolge sind 65 bis 90 Prozent unserer Kommunikation non-verbaler Art. Man sollte auf jeden Fall seine Emotionen im Griff halten und eine aggressive Körpersprache vermeiden. Sonst geht der Kritisierte automatisch in Verteidigungshaltung und man erreicht rein gar nichts.

Kann jeder konstruktives Kritisieren erlernen oder üben? Welche Tipps haben Sie?

Die Hirnforschung hat in den letzten zwanzig Jahren erstaunliche Erkenntnisse über die Lernfähigkeit von uns Menschen gewonnen. Jeder Mensch ist in der Lage, selbst bis ins hohe Alter, Neues zu lernen und zu integrieren. Insoweit kann auch jeder konstruktive Kritik erlernen. Um die Voraussetzung dafür zu schaffen, ist zunächst die Reflexion der eigenen Ergebnisse im Umgang mit Kritik nötig. Oft hilft es, wenn man sich in Ruhe hinsetzt und sich die Fakten bewusst macht und die Emotionen außen vorlässt. Emotional geführte Gespräche, gerade wenn es um gewisse Fehler geht, bergen eine Menge Explosionsstoff. Aus meiner Sicht geht es immer von uns selbst aus, wie unser Umfeld reagiert. Der wertvollste Tipp für Kritik ist immer noch: „Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu“.