Berlin -  Langsam ist die Erkenntnis in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Eine erfolgreiche moderne Wissensgesellschaft muss darauf setzen, dass Menschen bereit sind, lebenslang zu lernen, und sie muss dafür sorgen, dass jene auch die Gelegenheit dazu bekommen.

Um so erstaunlicher ist es, dass die Institutionen, die dieses lebenslange Lernen ermöglichen, bisher oft im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Das soll sich nun ändern mit dem ersten Berliner Erwachsenenbildungsgesetz, das am 1. August 2021 in Kraft treten soll. Das Gesetz soll dazu beitragen, die Berliner Weiterbildungslandschaft sichtbarer zu machen und zu stärken. Das Land Berlin vollzieht damit nach, was anderenorts schon Standard ist: In 14 von 16 Bundesländern gibt es ein solches Gesetz bereits.

Für Senatorin Sandra Scheeres (SPD) ist das Gesetz „ein wichtiger Beitrag zu einem gelingenden lebenslangen Lernen in Berlin und wird diesen Bildungsbereich auf eine neue Grundlage stellen. Ich freue mich, dass dieses Gesetz nach langer Vorarbeit nun vorliegt.“

Zunächst einmal werden die zwölf Volkshochschulen in den zwölf Berliner Bezirken in ihrer Existenz strukturell abgesichert. Das gleiche gilt für die Landeszentrale für politische Bildung, die vor ihrem Umzug ins Amerikahaus schon einmal fast abgeschafft worden wäre. Eine solche Schließung wäre mit dem neuen Gesetz undenkbar. Nun werden im Erwachsenenbildungsgesetz auch Festlegungen zum Angebot, zu Qualitätsstandards und zur Förderung der Weiterbildungsberatung getroffen. Menschen in biographischen Umbruchssituationen werde von unparteiischen Stellen beraten, wie sie sich durch Weiterbildung beruflich neu aufstellen können.

Foto: Thabo Thindi
Das geht nicht online: menschliche Begegnung bei einem Volkshochschulkurs.

Jenseits der Volkshochschulen gibt es aber noch viele andere Organisationen in der Hauptstadt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Erwachsene auf gute und innovative Weise weiterzubilden. Diese dürfen sich jetzt beim Senat  als „Anerkannte Einrichtung der Erwachsenenbildung in Berlin“ zertifizieren lassen und im Anschluss um Gelder aus einem neuen Fördertopf bewerben. Das ist ein cleveres Verfahren, „um die ganze Weiterbildungslandschaft in Berlin in den Blick zu bekommen“, sagt Dr. Ulrich Raiser. Er leitet das Referat für Erwachsenenbildung in der Senatsverwaltung und ist einer der wichtigsten Architekten des Gesetzes. Durch gezielte Förderung von innovativen Projekten – zum Beispiel zum Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ – können Politik und Verwaltung hier mehr inhaltliche Impulse setzen.

Volkshochschulen: Wichtiger Beitrag mit Sprachkursen in der Flüchtlingskrise

Die Berliner Volkshochschulen sind heute viel besser und moderner als ihr Ruf. Viele denken noch, dort würden vor allem Makramee-Kurse für ältere Damen angeboten. Doch dieses Klischee entspricht nicht mehr der Wirklichkeit. 60 bis 70 Prozent des Kursangebots sind Sprachkurse, darunter viele Kurse für Deutsch als Fremdsprache, die einen enormen Beitrag leisten zur Integration von Migranten. Denn diese Kurse haben eine hohe Qualität und sind im Vergleich zu privaten Angeboten extrem günstig. In der Flüchtlingskrise zum Beispiel haben die Berliner Volkshochschulen eine wahrhaft heldenhafte Rolle gespielt. In wenigen Wochen wurde ein großes Kursangebot aus dem Boden gestampft – und über 10.000 Lernende wurden so auf die Schnelle mit einem Deutschkurs versorgt.

Eine andere bedeutsame Aufgabe der Volkshochschulen besteht in der Alphabetisierung: In Berlin gibt es schätzungsweise 300.000 erwachsene Menschen, die funktionale Analphabeten sind. Das bedeutet, dass sie nur auf dem Niveau von Drittklässlern lesen und am öffentlichen Leben kaum teilnehmen können. Manche trauen sich gar nicht mehr, vor die Tür zu gehen oder die Straßenbahn zu nehmen. Im „Lernhaus“, einem wegweisenden Projekt der Volkshochschule Neukölln, hilft man ihnen, Selbstbewusstsein zu gewinnen und sich auf einen Beruf vorzubereiten. Dort sind sie menschlich aufgehoben in einer Gruppe, lernen und kochen zusammen, sprechen über Politik und Gesellschaft.

Für Michael Weiss, den Leiter der Volkshochschule Mitte, ist das Gesetz „ein großer Schritt. Wir verlassen zum ersten Mal den Bereich des ‚Nice to have‘ – Weiterbildung wird zu Pflichtaufgabe des Landes. Und das heißt hoffentlich auch, dass die Volkshochschulen sich im Kampf um knappe Ressourcen besser behaupten können.“