Dicht an dicht sitzen Studentinnen und Studenten in den Hörsälen. Wenn sie überhaupt einen Platz finden.
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BerlinDie Berliner Hochschulen wirken in diesen Tagen, als sei die Überalterung der Gesellschaft nur ein böser Traum. Bei der Einführungsveranstaltung der Freien Universität (FU) für die Erstsemester vor wenigen Tagen reichte das Auditorium maximum bei weitem nicht aus. Die Reden der Dozenten wurden per Monitor in Nachbar-Hörsäle übertragen. Fast 195.000 Studierende sind in diesem Wintersemester an den Berliner Hochschulen eingeschrieben – ein Rekord.  

Der Ansturm auf Berlin hat allerdings eine Kehrseite. Mittlerweile sind die meisten Studienfächer mit einem Numerus clausus (NC) belegt. In ganz Deutschland sind durchschnittlich 40,7 Prozent aller Studiengänge zulassungsbeschränkt, in Berlin sind es 67 Prozent, das ist bundesweit der Spitzenplatz. Und bedeutet, dass für Studienanfänger in der Hauptstadt ein Einser-Abitur in vielen Fächern fast schon Pflicht ist, wenn man in der eigenen Stadt studieren will.

Berliner Unis: Lehramtsstudenten mussten abgewiesen werden

Oder man zeigt sich flexibel: Archäologie statt Geschichte, Iranistik statt Betriebswirtschaftslehre. Besonders kurios: Auch Lehramtsstudenten mussten abgewiesen werden – und das in einer Situation, in der Berliner Schulen mehr und mehr Quereinsteiger einstellen müssen, weil ausgebildete Pädagogen fehlen. Die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Catherina Pieroth, spricht denn auch von „Mangelverwaltung“ und stellt fest: „Wir haben zu wenig Studienplätze in Berlin.“

Der emeritierte Politikprofessor Peter Grottian forderte in einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung vor einigen Tagen, den Numerus clausus ganz abzuschaffen. „Weg mit dem Monster“, schrieb er und rechnete vor, dass ein entsprechendes Sonderprogramm 200 Millionen Euro jährlich kosten würde. Er berechnet dabei schematisch den Aufwand für das benötigte Lehrpersonal, wenn die schätzungsweise 275.000 abgelehnten Studienbewerber bundesweit doch zum Zuge kämen. Eine Regelung, von der man in der Verwaltung des Wissenschaftssenators und Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) nichts wissen will. „Es würde alle Kosten sprengen, wenn man alle Bewerber an den Berliner Hochschulen zulassen würde“, meint Sprecher Matthias Kuder. Die Hauptstadt sei mit 195.000 Studierenden an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.

Zulassung an Berliner Unis: Nicht nur die Abiturnote zählt

Müllers Sprecher verweist darauf, dass die elf staatlichen Hochschulen und die Charité Universitätsmedizin in den vergangenen Jahren mit einem jährlich steigenden Milliardenbetrag finanziert wurden. Die Summe, mit der Bund und Land die Hochschulen ausstatten, ist tatsächlich in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen: 2009 gaben Bund und Land 1,16 Milliarden Euro für die Berliner Unis aus, 2019 waren es 1,56 Milliarden, das ist eine Steigerung von 400 Millionen Euro. Eine hohe Summe, gewiss. Aber wenn man bedenkt, dass allein der Ankauf der 670 Wohnungen in der Karl-Marx-Allee durch das Land in diesem Jahr vermutlich 200 Millionen Euro gekostet hat, dann relativiert sie sich.

Kuder macht außerdem geltend, dass an den Berliner Unis nicht nur die Abiturnote zählt. So sei im Berliner Hochschulzulassungsrecht die Gewichtung außerschulischer Kompetenzen gestärkt worden. Auch für beruflich qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber, die über keine Hochschulzulassung verfügen, gebe es eine Vorabquote.

Studium in Berlin für Einheimische: Landeskinderbonus wäre verfassungswidrig

Das alles nützt Berliner Abiturienten mit einem mittelmäßigen Abitur wenig. Während jedes Jahr mehr Studierende nach Berlin kommen, bleibt ihnen oft nur das Ausweichen an eine Universität in einem anderen Bundesland. Die gute Nachricht: In den Bundesländern rings um die Hauptstadt sieht es sehr viel besser aus. So ist die Quote von Numerus-clausus-Fächern in Brandenburg mit 31 Prozent nicht einmal halb so hoch wie in der Hauptstadt. Noch besser sieht es in Mecklenburg-Vorpommern oder in Rheinland-Pfalz aus. Dass sich Abiturienten aus der Hauptstadt auf den Weg ins Land machen, während Kinder aus der Provinz ihr Glück in der Hauptstadt versuchen, muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein.

Auf einen sogenannten Landeskinderbonus, der Einheimischen das Studium in Berlin zugänglich macht, sollten Betroffene dagegen nicht hoffen. Er wäre nach Meinung aller Parteien verfassungswidrig. Die Linke würde den NC lieber gestern als heute abschaffen, sagt die Linken-Abgeordnete Franziska Brychcy, die im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses sitzt. „Aber solange es mehr Studienbewerberinnen und -bewerber als Studienplätze gibt, braucht es ein einigermaßen vergleichbares Auswahlkriterium.“

"Die hohe NC-Quote ist wirklich problematisch"

„Wir können keine Schutzmauern um unsere eigenen Abiturienten ziehen“, sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU, Dirk Stettner. Doch auch er findet, dass es wichtig ist, dass Berlin mehr Studienplätze schafft. „Die hohe NC-Quote ist wirklich problematisch.“

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft hält die Verdrängung Berliner Abiturienten aus der Stadt ohnehin für eine Mär. Die Statistik zeige, so Sprecher Kuder, dass rund 70 Prozent der Berliner Abiturienten einen Studienplatz in ihrer Heimatstadt ergatterten. Dass die getroffene Wahl dann aber oft eher der Zweit- oder Drittwunsch gewesen ist, vermutet man auch an der Freien Universität. Dort befragte man die Neuankömmlinge bei der Einführungsveranstaltung, ob sie im Wunschfach untergekommen sind. Eine Auswertung steht noch aus.