Berlins Schulsenatorin Sandra Scheeres.
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BerlinIn Berlin sollen die Abiturprüfungen am kommenden Montag starten. Das kündigte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Donnerstag an. Los gehe es zunächst mit dem Fach Latein, zwei weitere Prüfungen folgen dann im Lauf der Woche, sagte Scheeres im Interview mit dem RBB-Inforadio. 

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Scheeres verteidigte die Entscheidung, an den Abiturprüfungen festzuhalten. Es gehe darum, dass die Berliner Jugendlichen an den Hochschulen in ganz Deutschland studieren könnten. Berlins Schulen sollen dann schrittweise ab der Woche darauf öffnen: „Wir in Berlin werden am 27. April in den 10. Klassen anfangen“, erklärte die Senatorin. Die Zehntklässler sollten so genügend Vorbereitungszeit auf die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) bekommen, so Scheeres: Bei ihnen steht am 25. Mai die erste zentrale schriftliche Prüfung im Fach Mathematik an. Die Prüfung im Fach Deutsch, die ursprünglich am 13. Mai angesetzt war, werde auf den 3. Juni verschoben, erklärte Scheeres.

„In den Grundschulen werden wir am 4. Mai mit der sechsten Klasse an den Start gehen“, sagte Scheeres. Wie die Senatsschulverwaltung am Vormittag mitteilte, sollen ab dem 4. Mai außerdem die 11. Klassen der Gymnasien sowie die 9. und 12. Klassen der Integrierten Sekundarschulen (ISS) in die Schulen zurückkehren.

Scheeres versicherte, in den Schulen werde auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geachtet. So müssten beispielsweise die Tische der Schüler 1,50 Meter auseinanderstehen, es müsse auch genügend Seife für regelmäßiges Händewaschen zur Verfügung stehen. „Und es ist wichtig, dass die Schulen sehr gut gereinigt sind. Das werden auch die Schulträger gewährleisten.“ Chronisch kranke Schüler und Lehrkräfte würden nicht gezwungen, am Unterricht teilzunehmen.

Schulleiter: „Kann nicht garantieren, dass niemand infiziert wird“

Sven Zimmerschied, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Sekundarschulleiter (BISSS), zeigte sich gegenüber der Berliner Zeitung „regelrecht schockiert“ von den Aussagen der Senatorin. Damit, dass die Abiturprüfungen stattfinden, habe man sich mehr oder weniger abgefunden, so Zimmerschied. „Aber jetzt auch noch die MSA-Prüfungen knallhart durchzuziehen – das widerspricht allem, was die Schulleiterverbände, Landesschülerausschuss und auch die Elternvertretung wollen“, so Zimmerschied. Er sieht auch einen Widerspruch in der Entscheidung, am 27. April den Unterricht wieder aufzunehmen, wenn die Schulen eigentlich bis 3. Mai geschlossen bleiben sollen.

Die Schulleiterverbände für Gymnasien, Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen sowie der Landesschülerausschuss hatten sich in den vergangenen Wochen für die Absage der MSA-Prüfungen ausgesprochen; der Landeselternausschuss plädiert dafür, die Prüfungen nur für diejenigen durchzuführen, die nach der 10. Klasse die Schule abschließen wollen oder nicht in die Oberstufe versetzt werden.

An der Friedburg-Oberschule in Charlottenburg, die Zimmerschied leitet, ist der 10. Jahrgang mehr als 200 Schüler stark. „Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich als Schulleiter die Sicherheit meiner Prüflinge garantieren kann, dann muss ich ganz klar sagen: Nein. Ich kann nicht garantieren, dass während dieser MSA-Prüfung niemand infiziert wird“, so Zimmerschied. Das Einhalten von Abstandsregeln hält Zimmerschied gerade bei Zehntklässlern für unrealistisch: „Die Schüler haben Fragen, da muss man auch mal näher herantreten. Wer stellt dafür den Mundschutz bereit?“

Schüler wollen weiter protestieren

Auch das Kommunikationsverhalten der Senatsschulverwaltung kritisiert Zimmerschied scharf: Berlins Schulleitungen hatte noch keine offizielle Mitteilung der Senatsschulverwaltung erreicht, als Scheeres am Donnerstagmorgen ihr Radiointerview gab. „Dass wir das alles schon wieder aus der Presse erfahren mussten, ist äußerst problematisch. Ich kann Kollegium, Eltern und Schülerinnen und Schülern, die Fragen haben, keine verlässliche Auskunft geben“, sagte Zimmerschied.

Der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Miguel Góngora, der sich weiterhin vehement für die Absage der MSA-Prüfungen und die Aufhebung der Prüfungspflicht bei den Abiturprüfungen einsetzt, sagte der Berliner Zeitung am Vormittag: „Unserer Meinung nach hat Senatorin Scheeres den Verstand verloren. Die Berliner Schülerschaft hofft auf ein Wunder.“ Góngora ist selbst Abiturient und nennt Scheeres‘ Entscheidung „fahrlässig, gesundheitsgefährdend und ungerecht.“ Er fordert Berlins Schüler auf, die Senatorin zu verklagen, wenn sie sich bis Montag nicht umentscheidet. „Dem Regierenden Bürgermeister kann ich nur sagen, es werden Personen bei den Prüfungen erkranken und Frau Scheeres wird die Verantwortung dafür tragen müssen“, sagte Góngora.

Der Berliner Landeselternausschuss findet die geplante schrittweise Wiedereröffnung der Schulen im Grundsatz richtig, sieht aber auch noch viele offene Fragen: „Natürlich werden viele Familien froh darüber sein, dass sie endlich ihren Alltag wieder anders als bisher gestalten und Eltern wieder arbeiten gehen können“, sagte der Vorsitzende des Gremiums, Norman Heise, am Donnerstag. „Aber da gibt es auch Eltern, die Ansteckungsgefahr fürchten und sich fragen, wie soll das funktionieren mit den hygienischen Bedingungen an den Schulen.“

Geklärt werden müssen nach Heises Einschätzung räumliche und organisatorische Fragen, da Klassen wegen des Abstandsgebots wohl nicht mehr komplett unterrichtet werden können. Und: „Auch die Jahrgänge, die zunächst noch nicht starten, brauchen eine Perspektive.“

GEW fordert häufigere Reinigung

Eine Rückkehr zum gewohnten Schulunterricht ist aus Sicht der Berliner GEW-Vorsitzenden Doreen Siebernik in diesem Schuljahr unwahrscheinlich. Sie rechne nicht damit, dass vor den Sommerferien wieder alle Schüler wie zuvor unterrichtet werden, sagte Siebernik am Donnerstag.

In der Einstiegsphase sei es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen Bindungen knüpften, nicht Diktate oder Mathe-Arbeiten schreiben müssten. „Wir haben jetzt eine so besondere Situation. Da sollte die Notengebung nicht im Mittelpunkt stehen“, sagte Siebernik.

Während der Corona-Krise sollten die Berliner Schulen häufiger gereinigt werden, forderte Siebernik. Es müsse sichergestellt sein, dass Reinigungskräfte auch während des Tages arbeiteten und zum Beispiel die Toiletten putzen oder auch Türklinken abwischen könnten. (mit dpa)