Berlin - Wir treffen Marianne Burkert-Eulitz (Bündnis90/Die Grünen) und Paul Fresdorf (FDP) im Verlag. Mit einem Blick über die Dächer beginnen wir unser Streitgespräch über die Zukunft der Bildung in der Hauptstadt. Die Frage, die uns dabei vor allem umtreibt: Warum hat so eine tolle Stadt wie Berlin eigentlich so ein – freundlich ausgedrückt – mittelmäßiges Schulsystem? Und was kann man tun, um das zu ändern?

Frau Burkert-Eulitz, Herr Fresdorf, wie ist Ihre Bilanz nach 25 Jahren SPD-geführter Bildungspolitik? Was sind die größten Errungenschaften, Pleiten und Versäumnisse?

MARIANNE BURKERT-EULITZ:  Eine große Errungenschaft ist, dass der frühere Schulsenator Jürgen Zöllner die Hauptschule abgeschafft und so eine geringere Selektivität geschaffen hat. Doch muss man leider sagen: Als Behörde arbeitet die Bildungsverwaltung hochgradig ineffizient. Und eine Pleite ist definitiv die „Projekteritis“ – dass man für einzelne Probleme permanent neue Projekte macht und dadurch das große Ganze aus den Augen verliert, kein klares Ziel hat.

Es gab das erklärte Ziel, Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.

PAUL FRESDORF: Das wurde aber nicht konsequent verfolgt. Und durch die bescheidene Unterrichtsqualität hat man besonders die schwachen Schüler in Schwierigkeiten gebracht. Berlin gibt pro Schüler fast am meisten Geld aus und erzeugt fast die schlechtesten Leistungen. Also mir fällt bei 25 Jahren SPD-Bildungspolitik der Spruch ein: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.

Werten Sie, Herr Fresdorf, die Schulstrukturreform – mit der Abschaffung der Hauptschule  denn als Erfolg? 

FRESDORF: Man hat zugelassen, dass es in etlichen Sekundarschulen keine gute Durchmischung gibt und diese Schulen abgehängt wurden. Ein Problem ist: Wir haben zwar in jedem Bezirk richtig gute Schulen. Aber wir lernen nichts von ihnen. Was machen sie anders? Deshalb wollen wir als FPD eine Exzellenzinitiative starten und Leuchtturm-Schulen besonders fördern, um eine Strahlkraft dieser Schulen in den Bezirk zu erreichen.

Wie blicken Sie auf die vergangenen vier Jahre?

BURKERT-EULITZ: Wir haben ganz viele gute Prozesse angestoßen und müssen jetzt dranbleiben.

FRESDORF: Welche? Mir fällt da nichts ein.

BURKERT-EULITZ: Wir bauen jetzt Schulen. Wir haben Sozialarbeiter an allen Schulen, das ist ein großer Erfolg. Wir bezahlen die Grundschullehrkräfte gerechter. Wir haben das Quereinsteigerprogramm für Lehrkräfte gut aufgestellt und mehr Studienplätze geschaffen.

Gibt es denn genug Schulplätze für das nächste Jahr?

BURKERT-EULITZ: Wir bauen leider dem Bedarf hinterher. Die Räume reichen immer gerade so – aber alle Klassenzimmer und Besenkammern sind restlos vollgestopft, das wird leider auch einige Zeit noch so bleiben. Das muss besser werden.

Wie viele Schulen hat man denn eigentlich gebaut?

FRESDORF: Ich glaube, es sind drei.

Nur drei Schulen? Und wie viele wurden saniert?

FRESDORF: Etwa 400 Schulen sind in die Sanierung gegangen. Wie viele abgeschlossen sind, weiß ich nicht.

Bei der Sanierung muss man gleich an die Digitalisierung denken. Ehrlich gesagt waren wir ziemlich enttäuscht, wie wenig konkrete Vorschläge von Ihren Parteien gemacht wurden. Also wie können die Berliner Schulen schnell mit Infrastruktur, IT-Administratoren, Content und effektiven Formen der Lehrerfortbildung versorgt werden?

BURKERT-EULITZ: Wir haben jetzt die mobilen Router angeschafft, damit die Schulen schon mal schnelles Wlan haben. Doch die Kritik – dass die zu spät kamen – ist richtig.

FRESDORF: Katastrophe. Und die Ausschreibung für den Breitbandanschluss ist immer noch nicht fertig. Das mit den Routern ist übrigens durch die Opposition in Gang gekommen.

Die FDP verkündete in ihrem Wahlprogramm zunächst, dass jede Schule einen eigenen IT-Administrator bekommt. Das wäre eine echte Ansage gewesen. Doch im nächsten Satz steht dann leider: „Oder im Verbund mit anderen Schulen.“

BURKERT-EULITZ: Da rudert man dann gleich wieder zurück.

Der frühere Staatssekretär Mark Rackles, der das Problem des Lehrermangels gründlich erforscht hat, sagt, dass jedes Bundesland 4 bis 5 Prozent seines Lehrerbestandes pro Jahr ausbilden müsste. Würden Sie sich dafür einsetzen?

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person:

Marianne Burkert-Eulitz, 1972 in Lichtenberg geboren, studierte Jura, Erziehungswissenschaften, Geschichte und Politik an der HU Berlin. Seit 2011 ist sie im Berliner Abgeordnetenhaus für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Außerdem arbeitet sie als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Kinder-, Jugend- und Familienrecht. Sie hat zwei Kinder, die in die vierte und fünfte Klasse gehen.

FRESDORF: Also wir brauchen mehr Studienplätze an den Unis. Und auch auf Quereinsteiger werden wir nicht verzichten können. Es ist gut, dass wir jetzt dafür die Strukturen haben.

BURKERT-EULITZ: Das ist eine Errungenschaft der Legislatur, die wir uns hart erarbeitet haben, dass die Quereinsteiger jetzt eine bessere Ausbildung bekommen und Mentoren, die ihnen zur Seite stehen. Aber Herr Rackles hat recht, dass die Länder besser zusammenarbeiten müssen. Die Kultusministerkonferenz ist ein noch schwerfälligerer Tanker als die Berliner Senatsverwaltung.

Sollten die Berliner Lehrer verbeamtet werden?

BURKERT-EULITZ: Ich bin mir nicht sicher, dass man die Leute auf diese Weise gewinnen und halten kann. Aber als Grüne sind wir in diesem Punkt gesprächsbereit.

FRESDORF:  Als FDP sind wir ganz klar gegen die Verbeamtung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen für Lehrer attraktiver werden. Gibt es genug Ressourcen, stimmt die Atmosphäre? Wir brauchen 110 Prozent Personal an den Schulen.

Wie kann man die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften noch verbessern?

BURKERT-EULITZ: Multiprofessionelle Teams sind die Lösung. Verschiedene Berufe im Team Schule: IT-Cracks, Schulmanager, Sozialarbeiter, die die Lehrkräfte entlasten.

Multiprofessionalität scheint das neue Zauberwort zu sein.

FRESDORF: Ja, wenn ich einen Sozialarbeiter habe oder einen Psychologen, der mir hilft bei der Konfliktlösung, kann ich meinen Aufgaben als Lehrer besser gerecht werden. Das gilt auch für Unterstützung durch IT-Kräfte, Verwaltungskräfte und so weiter.

BURKERT-EULITZ: Ganztagsschulen müssen zu Lebensorten werden, an denen viel mehr stattfindet als klassischer Unterricht. Das können nicht alles die Lehrkräfte leisten. Und wir als Grüne wollen, dass alle Schülerinnen und Schüler, die einmal auf dem Gymnasium sind, auch dort bleiben können. Aber ohne professionelle Unterstützung können wir das den Lehrerinnen und Lehrern nicht zumuten.

FRESDORF:  Für die FDP sind Gymnasien Orte, wo leistungsstarke Kinder auf einem hohen Niveau unterrichtet werden sollen. Natürlich muss ich als Gymnasium die Möglichkeit haben, Schüler an andere Schulen abzugeben. Das kann ein schreckliches Gefühl sein, immer so hinterherzuhecheln. Ich selbst habe das Gymnasium nach der siebten Klasse verlassen, bei mir ist der Knoten später geplatzt, und ich habe dann auf der Gesamtschule mein Abitur gemacht. Als FDP wollen wir, dass Gymnasien materiell und personell so gut ausgestattet sind, dass hier echte Exzellenz entstehen kann.

BURKERT-EULITZ: Wenn man sich andere Länder ansieht, die gute Ergebnisse bei der Durchlässigkeit des Bildungssystems erzielen, stellt man fest: Das sind gerade nicht die Länder, die auf eine frühe Selektion der Schüler setzen.

Sie denken an Finnland?

BURKERT-EULITZ: Ja, dort gehen die Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam zur Schule. Es geht nicht um Gleichmacherei, ich kann in jahrgangsübergreifendem Lernen leistungsstarke Kinder fördern und gleichzeitig Kinder mit erheblichem sozialem Förderbedarf unterrichten. Wir wollen in der Schule ja nicht nur Stoff pauken, sondern auch sozial lernen, das geht nicht mit homogener sozialer Herkunft. Nur 1 Prozent der Kinder mit Förderbedarf findet sich an den Gymnasien.

Wollen die Grünen die grundständigen Gymnasien in Berlin wirklich abschaffen, sodass es nicht mehr möglich wäre, ab der fünften Klasse auf das Gymnasium zu gehen?

BURKERT-EULITZ: Nö, doch die Grundschulen sollen so attraktiv werden, dass auch die leistungsstarken Fünft- und Sechstklässler dort bleiben wollen.

FRESDORF: Aber Ihr Ziel ist die Gemeinschaftsschule von der ersten Klasse bis zum Abitur, wenn ich das richtig gelesen habe.

BURKERT-EULITZ: Am Ende des Tages soll es da irgendwann einmal hingehen.

Man beobachtet in Berlin leider eine wachsende Segregation. Eine Frage, der sich die Grünen intensiv widmen. Sie schlagen vor, beim Übergang an die weiterführenden Schulen mit Losen und Notenkohorten zu arbeiten.

BURKERT-EULITZ: Genau, es gibt Sekundarschulen mit der Überschrift „Schule für alle“, an denen die Schülerinnen und Schüler mit einem Notendurchschnitt von 1,5 gerade noch so aufgenommen werden. Das sind richtig gute Schulen, an denen es keine Durchmischung gibt. Deshalb wollen wir, dass mindestens 50 Prozent der Plätze ausgelost werden. Es geht darum, dass alle Bewerberinnen und Bewerber eine Chance haben, aufgenommen zu werden.

FRESDORF: Früher an den Gemeinschaftsschulen konnte man sagen: Es funktioniert gut, wenn ich je ein Drittel Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten hatte.

BURKERT-EULITZ: Ja, aber das muss man eben organisieren.

FRESDORF: Ich würde das trotzdem nicht vorgeben wollen, sondern den Schulen überlassen. Wir wollen schließlich Schulautonomie, eine Flagge, die auch Rot-Rot-Grün vor sich her durch die Stadt trägt.

Die FDP will, dass das staatliche Geld den Schülern folgt, was ist damit gemeint, Herr Fresdorf? 

FRESDORF:  Egal auf welche Schule ein Kind geht, es bringt seinen Kostensatz mit und damit ist der Schulplatz ausfinanziert, so lautet unser Vorschlag. Die freien Schulen kriegen derzeit circa 60 Prozent der Gesamtkosten. Wir wollen ihre Finanzierung auf eine vernünftige Basis stellen, um Vielfalt zu gewährleisten. Warum sollte ein Kind auf einer privaten Schule dem Staat weniger Geld wert sein als eines auf einer öffentlichen?

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person:

Paul Fresdorf, 1978 in Spandau geboren, studierte Rechtswissenschaft an der FU Berlin und Wirtschaftsrecht an der Hochschule für Technik und Wirtschaft. 2011 wurde Fresdorf Bezirksvorsitzender der FDP Spandau. Zuvor arbeitete er in der HR-Abteilung einer Bank, die ihn 2016 für die Ausübung seines Mandates freistellte. Auch er hat zwei Kinder, die die zweite und fünfte Klasse besuchen.

Auf diese Weise wollen Sie den Wettbewerb zwischen den Schulen fördern?

FRESDORF: Ja. Wenn ich als Schule attraktiv bin, ziehe ich mehr Schüler an. Unsere Schulen sind zu hierarchisch organisiert und es fehlt an unternehmerischem Denken.

BURKERT-EULITZ: Aber um das zu fördern, brauche ich nicht unbedingt Geld.

FRESDORF: Doch, Schulen brauchen Geld für Infrastruktur, Ausstattung, zusätzliches Personal.

BURKERT-EULITZ: Aber wollen Sie, dass noch mehr Geld in Schulen fließt, die ohnehin schon privilegiert sind? Und dass diejenigen, die am Boden liegen, sich nicht mehr aufrichten können? Die Grünen wollen, dass das meiste Geld in die Schulen fließt, die den höchsten Entwicklungsbedarf haben.

„Beste Schulen in schwieriger Lage“ – das ist ja eine Vision, die die Grünen mit der SPD teilen. Gibt es bei der FDP ein Äquivalent?

FRESDORF: Wir wollen auch, dass die Schulen im Brennpunkt etwas mehr Budget bekommen.

Das Gespräch führten Eva Corino und Friedrich Conradi.