Lehramtsstudentin Ilayda Kiziltan unterrichtet Englisch an der Sommerschule in der Wilma-Rudolph-Oberschule in Berlin.
Foto: DAVIDS/Tom Maelsa

BerlinEine gute Nachricht: Anfang dieser Woche sind die Sommerschulen gestartet. Durch sie bekommen Schülerinnen und Schülern in Berlin die Möglichkeit, einen Teil der Rückstände aus der Corona-Schließzeit wieder aufzuholen. Das Angebot ist freiwillig und richtet sich an Kinder aus sozial benachteiligten Familien – und an alle, die in der Phase des Homeschooling ins Hintertreffen geraten sind. 

Das Berliner Projekt war der Vorreiter in Deutschland: Angeboten wird die Sommernachhilfe für Erst- und Zweitklässler und in den weiterführenden Schulen für die Klassen 7 bis 9. Die sogenannten Willkommensschüler, also geflüchtete Kinder und Jugendliche, konnten unabhängig von der Jahrgangsstufe angemeldet werden. Die Resonanz ist gut: Laut Senatsschulverwaltung sind für die allgemeinbildenden Schulen 11.500 Anmeldungen eingegangen.

Über 1000 Lerngruppen sind diese Woche gestartet oder sollen in der zweiten Sommerferienhälfte beginnen. Rund 30 freie Bildungsträger führen die Sommerschule durch. Der Fokus liegt auf den Kernfächern: Zwei Wochen lang je eine Stunde Deutsch, Mathe und Englisch für die Älteren. In der Grundschule dauert das Programm drei Wochen, hier soll das Lesen, Schreiben und Rechnen geübt werden.

Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist stolz auf die Sommerschule: Man habe in vier Wochen ein Programm aus dem Boden gestampft, für das es sonst ein halbes Jahr Vorbereitungszeit bräuchte. „Land, Bezirke, die freien Träger: Alle haben an einem Strang gezogen, um das für unsere Kinder und Jugendlichen hinzubekommen“, so Scheeres bei einem gut besuchten Pressetermin an der Wilma-Rudolph-Oberschule in Zehlendorf. Dass es dabei in Einzelfällen organisatorische Schwierigkeiten gegeben habe, sei normal.

Probleme mit den Bildungsträgern

Doch die Probleme sind deutlich größer: Etliche Privatschulen sind wütend, weil sie in das Programm überhaupt nicht einbezogen wurden. Andreas Wegener von der Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen nennt das die „systematische Diskriminierung des Senats der Freien Schulen, die immer wieder durchbricht“. Scheeres‘ Anspruch, allen bedürftigen Kindern Zugang zur Sommerschule zu verschaffen, sieht er damit gescheitert – diese seien nämlich durchaus nicht nur an öffentlichen Schulen zu finden. Auch Jens Großpietsch von der Freien Freudberg-Gemeinschaftsschule ärgert sich: „Privatschulen werden in Berlin grundsätzlich hintenangestellt. Wir haben den Ruf, Schulen für Reiche zu sein. Das stimmt aber einfach nicht.“ Zwei syrische Willkommensschüler, die an seiner Schule im kommenden Jahr die zehnte Klasse besuchen sollen, hätte Großpietsch gerne für die Sommerschule angemeldet.

Doch auch an den öffentlichen Schulen gab es einiges Chaos. Lehrkräfte mehrerer Schulen berichten, der Unterricht sei nicht zustande gekommen, weil Bildungsträger wieder abgesprungen seien – in einigen Fällen so kurzfristig, dass Schülergruppen am Montag vor verschlossenen Türen standen. Gordon Lemm, SPD-Schulstadtrat in Marzahn-Hellersdorf, twitterte am Freitag:

Andere Schulen erhielten von der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg), die das gesamte Projekt koordiniert, gar keine Rückmeldung. Eine davon ist die Carl-Schurz-Grundschule in Spandau – trotz fristgerechter Anmeldung und eigenen Vorschlägen, welche Träger und Honorarkräfte die Sommerschule vor Ort durchführen könnten. Schulleiterin Constanze Rosengart ist frustriert: „Für die Kinder hätten wir uns das sehr gewünscht.“

Kurz vor Beginn der Sommerschule hieß es schon einmal, dass es hinter den Kulissen knirscht. Wie die Morgenpost berichtete, klagten Bildungsträger unter anderem über den hohen Verwaltungsaufwand und eine ungewohnte Bezahlungsmethode beschwert, mindestens vier wollten ihre Verträge nicht unterzeichnen. Die Bildungsverwaltung teilte daraufhin Mitte der vergangenen Woche mit, man habe sich doch noch einigen können, für alle angemeldeten Schüler stehe „nach jetzigem Stand“ ein Angebot bereit. Noch am Mittwoch behauptete Scheeres, es gebe für alle angemeldeten Kinder Plätze. Dem ist aber offenbar nicht so.

Schulen müssen vorarbeiten

Der Sprecher einer kleinen Bildungsinitiative, der ungenannt bleiben möchte, kann sich vorstellen, warum weitere Träger abgesprungen sein könnten: Seine Organisation führt das Programm nur an einer Schule durch, mit der die Kooperation schon vorher eng war, als Gefallen sozusagen. „Weitere Schulen zu übernehmen haben wir abgelehnt. Es rechnet sich einfach nicht“, sagte der Mann der Berliner Zeitung. Über Scheeres' Aussage, man finanziere sehr gut und außerdem gehe es „um Kinder und Jugendliche und nicht darum, dass einzelne Träger Profit herausschlagen“, kann er nur lachen. Die Verträge seien viel zu knapp kalkuliert, enthielten im Grunde nur die Honorare für die Lehrkräfte und eine Verwaltungspauschale von 15 Prozent. „Um die Sommerschule an unserer Kooperationsschule so durchführen zu können, wie wir das gut finden, stecken wir zusätzlich ehrenamtliche Arbeit rein“, so der Sprecher. Neben der umfangreichen Dokumentation des Programms hat sein Verein die Lernbedarfe der angemeldeten Schüler ermittelt, Aufgaben erstellt und sich um eine zusätzliche Begleitung vor Ort gekümmert.

Wie viel Aufwand die Sommerschule für die Träger bedeutet hängt sehr vom Engagement und Organisationsgrad der einzelnen Schulen ab – und davon, wie früh diese wiederum von dem Programm erfahren haben. Meike Massaro, Schulleiterin der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Moabit, hatte einen ersten Entwurf schon im Mai gesehen und die Sommerschulen generalstabsmäßig durchorganisiert: „Die Klassenleitungen haben die Eltern der Kinder kontaktiert und das Grundstufenteam und die Lehrkräfte haben sich zusammengesetzt und Materialien erarbeitet.“ Dass der große Sozialträger „Frecher Spatz e.V.“, der an ihrer Schule die Sommerschulen anbietet, sowieso schon eng mit der Schule kooperiert, machte die Verständigung unkompliziert.

Andere Schulen haben laut Geschäftsführer Michael Wiesemann-Wagenhuber weniger Vorarbeit geleistet: „Da hat das Programm dann weniger Substanz.“ Etwas mehr Vorbereitungszeit wäre gut gewesen, sagt er. Mit der Finanzierung kommt „Frecher Spatz“ als gemeinnütziger Verein zurecht, aber der Verwaltungsaufwand sei wirklich „überbordend“, sagt auch Wiesemann-Wagenhuber: „Da werde ich noch sehr viel Zeit reinstecken müssen. Für einen kleinen Träger ist dieses Programm sicher nichts.“

Das Wissen wieder aufwecken

Doch wenn die Umsetzung so gelingt wie an der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule, ist die Sommerschule eine gute Sache. Janek Brehm und Julia Bartkowiak, beide Studierende, unterrichten hier im Auftrag von „Frecher Spatz“ eine gemischte Gruppe von Erst- und Zweitklässlern. Und erkennen Fortschritte schon nach den ersten fünf Tagen: „Das Lesen klappt bei vielen schon wieder viel besser“, sagt Bartkowiak. „Das Wissen ist da, aber wir müssen es wieder aufwecken.“

Gerade die Jüngeren brauchen allerdings noch so viel mehr als Lesen, Schreiben, Rechnen: „Machen wir heute Sport?“ lautet die erste Frage am Freitagmorgen. Kurz darauf hüpfen die sieben Kleinen und die zwei Studierenden durchs Zimmer, machen Hampelmänner und Liegestütze, jeder darf sich etwas wünschen. Jawaad sagt, er komme gerne in die Schule, auch wenn gerade Sommerferien sind. Zu Hause findet der Zweitklässler es langweilig: „Da gibt es nichts zu tun.“ In den letzten Monaten hat er den Unterricht sehr vermisst, auch wenn das mit dem Lernen zu Hause bei ihm ganz gut geklappt hat. Anderen in der Gruppe merkt Erzieherin Funda Alici an, wie sehr ihnen die wochenlangen Schulschließungen geschadet haben: „Gerade bei den Kindern nichtdeutscher Herkunft hat die Sprache total nachgelassen. Manche Kinder haben zehn Wochen lang nur ihre Muttersprache gesprochen, wir konnten sie kaum noch verstehen, als sie wieder in die Schule kamen.“

Die Sommerschule bietet die Chance, die Kinder sprachlich in die Schule zurückzuholen, bevor der „richtige“ Unterricht wieder losgeht. Das schätzt auch Janek Brehm: Für den Lehramtsstudenten ist die Sommerschule eine Gelegenheit, wertvolle Unterrichtserfahrung zu sammeln. Außerdem gefällt ihm, dass die Lerngruppen so klein sind, dass er und Bartkowiak individuell auf die Kinder eingehen können: „Wir können hier Bedürfnisse stillen, die im normalen Schulbetrieb vielleicht untergehen würden. Manche dieser Kinder brauchen Nähe, Eins-zu-eins-Betreuung und Gespräche noch viel mehr als klassischen Unterricht.“