Wer an seinem Job keinen Spaß mehr hat, bei dem sollten die Alarmglocken läuten.
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BerlinHaben Sie auch das Gefühl, dass heutzutage jeder von seinem Job gestresst ist? Überall gibt es zu wenig Personal. Jeder jammert über mangelnde Ressourcen. Aber arbeiten wir wirklich alle am Limit? Und wenn ja, wie lange halten wir das noch durch?

Hans Jürgen Kraux ist Leiter des Psychologenteams am Sana Krankenhaus Lichtenberg. Er weiß: "Für eine Antwort auf diese Frage muss man ein Stück weit auf die inneren Werte schauen. Innere Werte sind fest in uns verankert. Die kommen von der Erziehung, durch eigenes Interesse, Bücher oder Weltanschauungen. Und ein Wert, der heutzutage stark vorgegeben wird von der Gesellschaft, ist: Sei allzeit stark!"

So lange der Job Spaß macht, ist alles gut

Und wie demonstriert man eigene Stärke am besten? "In dem ich sage, ich bin wahnsinnig im Stress. Ich habe wahnsinnig viel zu tun. Wir müssten eigentlich doppelt so viele Mitarbeiter hier sein. Aber wir schaffen das trotzdem."

Jawohl, ich schaffe das! Und eigentlich macht der Job ja auch Spaß. So sollte es sein. Stress brauchen wir, um uns weiterzuentwickeln. Es gibt positiven Stress, den Eustress. Nur wer Druck als Belastung empfindet, der droht in die Mühle des negativen Stresses zu kommen.

Hans Jürgen Kraux: "Wer wirklich richtig doll gestresst ist, geht nicht mehr gern auf die Arbeit. Der freut sich nicht mehr drauf. Der fühlt: ich werde immer zugeschüttet, mein Chef lagert immer alle Aufgaben bei mir ab, mein Stapel wird immer größer, ich schaffe das nicht mehr."

Wer wirklich richtig doll gestresst ist, geht nicht mehr gern auf die Arbeit.

Psychologe Hans Jürgen Kraux

Es ist keine Momentaufnahme. Das geht über Jahre. Ein paar schlechte Wochen hat jeder mal. Auch ein halbes Jahr lang oder im Rückblick mit der Feststellung: 2017 war ich kurz davor zu kündigen. "Zeitliche Rahmen sind aber immer sehr schwer zu stecken", betont Psychologe Hans Jürgen Kraux. "Sie können nicht für jeden als Orientierung dienen. Für manche Menschen ist ein halbes Jahr zu viel." Dabei ist Stress im Job kein neues Phänomen. Stress gab es schon immer. Aber früher haben die Menschen weniger darüber nachgedacht, was sie ganz konkret dagegen tun können

Das hat sich längst geändert. Firmen bieten Anti-Stress-Seminare an und kümmern sich um Burnout-Prävention. Nur warum wird der gefühlte Stress dann trotzdem immer größer?

"Sei perfekt. Sei schnell. Sei stark. Sei beliebt."

"Jeder hat innere Antreiber, die eine stressige Situation noch stressiger machen. Sei perfekt. Sei schnell. Sei stark. Sei beliebt. Das sind Sachen, die es noch schwerer machen, sich Hilfe zu holen. Diese inneren Antreiber sollte man kennen, denn der Chef zielt darauf ab", mein Hans Jürgen Kraux. Weiß der Chef beispielsweise, dass sich ein Mitarbeiter nicht traut, nein zu sagen, weil er überall beliebt sein will, weiß er auch , wem er die nächste unbeliebte Aufgabe gibt.

Wichtig ist es, die Notbremse rechtzeitig zu ziehen: Die Grundvoraussetzung dafür ist jedoch, zu erkennen, dass es so nicht weitergeht. Man muss zu sich selber nett sein wollen. "Man muss sich innerlich aufwerten. Sich sagen: ich bin mir kostbar", meint der Psychologe. Etwas Kostbares kann man gut verteidigen. Mit der Kostbarkeit einher geht die Gesundheit. Wer merkt, dass seine Gesundheit angegriffen wird, sollte sie verteidigen.

Und dann geht es Schritt für Schritt: Man muss zugeben, dass man gestresst ist. "Das ist aber gar nicht so einfach, weil es bedeutet: Ich bin nicht belastbar, schwach, nicht leistungsstark." Man muss bereit sind, Hilfe anzunehmen.

Man muss sich innerlich aufwerten. Sich sagen: ich bin mir kostbar.

Psychologe Hans Jürgen Kraux

Als nächstes muss man schauen, was einen stresst. Sind es die vielen Aufgaben? Sind es Störungen, sodass ich meine Arbeit nicht zu Ende bringen kann, weil ständig einer was von mir will? Sind es mangelnde Ressourcen, muss ich ständig jedem Kugelschreiber hinterherrennen? Das kostet Zeit. Sind es unklare Anweisungen oder Aufgabenstellungen? Werde ich in meinen Entscheidungen, wie ich Aufgaben erledige, gestört? Ist mein Chef gar nicht präsent für mich?

"Dann muss man mit dem Chef reden", mahnt der Psychologe. Und ihm die Frage stellen: Was kann er ändern?

Passiert nichts, sollte man für sich etwas ändern - sich in letzter Konsequenz auch einen neuen Job suchen. Immer in dem Bewusstsein, dass andernfalls der Stress den eigenen Körper kaputt machen kann.