Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin bei einer Aufführung im Jahr 2017.
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BerlinAuch die von der Bildungsverwaltung eingesetzte, unabhängige Clearingstelle kommt nach drei Monaten Arbeit zu der Auffassung, dass es gravierende Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik (SBB/SfA) gibt. Am Donnerstag präsentierten Arthur Kröhnert und Elke Nowotny, beide Kinderschutz-Experten, erste Zwischenergebnisse. Teile ihres Berichts waren vergangene Woche bereits im Zwischenbericht der Kommission zitiert worden, die die Schule strukturell untersuchen soll.

In Gesprächen hätten ihnen Kinder und Jugendliche der Schule, aber auch Fachkräfte der Schule von Vorfällen körperlicher Übergriffe, emotionaler und psychischer Gewalt, sexualisierter Äußerungen und Grenzüberschreitungen durch Lehrkräfte und vernachlässigter Fürsorge- und Aufsichtspflicht berichtet, so Kröhnert und Nowotny. Eine Schülerin habe beispielsweise gesagt, es gehöre für sie dermaßen zum Alltag, durchdringend angeschrien zu werden, dass sie das „schon gar nicht mehr höre“. Erzieherinnen des Internats, das zu der Schule gehört, hätten berichtet, sie könnten oft nur mühevoll oder gar nicht verhindern, dass kranke Schülerinnen und Schüler zu Auftritten geschickt würden. Auch sei Schülerinnen und Schülern von medizinischen Untersuchgen abgeraten worden, damit sie auftreten können.

Aus ihren Gesprächen erscheine die Ballett- und Artistikschule als ein „geschlossenes, hierarchisches System“ mit einem „traditionell autokratischen Führungsprinzip“, berichteten Kröhnert und Nowotny. Lehrkräfte hätten berichtet, dass bestimmte Kolleginnen und Kollegen begünstigt, andere ausgeschlossen und dann kritisiert würden, weil sie Vorgaben der Schulleitung nicht umgesetzt hätten. Versuche, sich mit Vorschlägen und Konzepten einzubringen, seien abgebügelt worden. Die Beurteilung bei Prüfungen erfolge durch unklare Kriterien und häufig gegen die Einschätzung der Fachkräfte. Nowotny und Kröhner wiesen auch darauf hin, dass viele an der Schule sich persönlich schon sehr lange kennen, zum Teil sogar familiär verbunden seien. Daraus entstünden „Dynamiken der Abhängigkeit“.

Nowotny und Kröhnert betonten am Donnerstag allerdings auch, dass die Clearingstelle keine Ermittlungsbehörde sei; zu ihren Aufgaben habe es nicht gehört, „explorative Fragen“ zu stellen. Insgesamt hatten sich bis zum 30. April 203 Personen an die Clearingstelle gewandt. Das, was Nowotny und Kröhnert in ausführlicheren Gesprächen mit 108 Menschen – darunter 27 aktive und ehemalige Schüler, 32 Mütter und Väter sowie 30 Lehrkräfte, 16 Angehörige des sonstigen Personals und drei Externe – gehört haben, hielten sie aber größtenteils für authentisch: „Das ist nicht zusammengesponnen“, sagte Nowotny.

Unklar blieb am Donnerstag, wie viele der Gesprächspartner ein positives Bild der Schule gezeichnet haben: Dass die Atmosphäre an der Schule stark polarisiert erscheine, berichteten allerdings auch Kröhnert und Nowotny. „Wir haben auch mit vielen gesprochen, die uns mit Fug und Recht ganz positive Eindrücke und Berichte geben“, sagte Nowotny, „und das darf auch sein, denn es ist tatsächlich eine besondere Schule.“ Ihr Eindruck sei aber, dass sich vor allem schulexterne Personen uneingeschränkt positiv äußerten. Bei längeren Gesprächen hätten sich auch bei den meisten Gesprächspartnern, die die Schule verteidigten, Kritikpunkte und Änderungswünsche ergeben. Die vielen eingesandten schriftlichen Statements sind in den aktuellen Stand der Ergebnisse der Clearingstelle noch nicht eingeflossen.

Expertenkommission und Clearingstelle wollen im Herbst ihre Abschlussberichte vorlegen. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte den Schulleiter sowie den künstlerischen Leiter der Ballettschule, Ralf Stabel und Gregor Seyffert, am 17. Februar freigestellt, beide gehen gerichtlich dagegen vor.