Sie wurde zur „Vordenkerin 2020“ gewählt: die Unternehmerin und Buchautorin Verena Pausder zuhause in Friedrichshain.
Foto:: Carsten Koall/Berliner Zeitung

Ein Haus am Volkspark Friedrichshain. Klares Septemberlicht fällt durch die großen Fenster. Verena Pausder sitzt auf einem Vintage-Kino-Sessel und lässt sich fotografieren. Dann eilt sie auf High Heels zur Kaffeemaschine, um uns einen Americano anzubieten. Die Küche ist aufgeräumt – mit einem lebendigen Rest familiärer Unordnung auf den Arbeitsflächen. An der Wand hängt ein großgezogenes Foto von ihren Söhnen und ihrer Tochter. Pausder ist eine Frau, die Freude hat an der kraftvollen Performance, das spricht aus jedem ihrer schnellen Schritte, aus jedem ihrer schnellen Sätze. Unser Gespräch – zwei Taktstriche in ihrem durchgetakteten Tag. Wohlan, wir wollen keine Zeit verlieren!

Frau Pausder, Ihr Buch heißt „Das neue Land“ – wie stellen Sie es sich vor, dieses neue Land?

In seinen Umrissen ist es ja schon erkennbar: es ist digital, weltoffen und vernetzt, es schätzt Familie und Beziehungen, es ist kooperativ und innovativ, mobil und umweltbewusst, es kennt die Bildung von morgen, es riskiert etwas, es ist anständig und politisch.

Sie machen konkrete Vorschläge für Bildung, Politik, Gleichberechtigung, Unternehmertum, New Work, Klimaschutz, Chancengerechtigkeit und Digitalisierung. Warum steht Bildung für Sie am Anfang von allem?

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land und Bildung ist der Rohstoff von morgen. Bildung ist das, was unsere Kinder am dringendsten brauchen, um die Zukunft mitgestalten zu können.

Ihr Buch ist ein Manifest, ein Hier-bin-ich-Buch. Wollen Sie sich damit um ein politisches Amt bewerben?

Vielleicht, ich weiß es noch nicht. Aber ich weiß, dass ich gerne mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen würde. In einer komplexen Welt ist es nicht mehr genug,  dass jeder sich nur in einem Bereich auskennt – es braucht mehr Brückenbauer. Im vergangenen Jahr bin ich 40 geworden. Und ich glaube, mit 40 Jahren kann man eine gute Brückenbauerin sein – weil man einerseits die Ungeduld und den Gestaltungsdrang der Jugend nachvollziehen kann und andererseits auch weiß, dass es etablierte Strukturen gibt. Man hat genug Erfahrung und …

Genug Feuer!

(Lachend): Feuer und Ausdauer, um die Dinge auch zu Ende zu bringen.

Ihr Buch ist geschrieben wie eine einzige flammende Rede – beim Lesen sieht man die Atembögen. Warum das?

Es gibt so viele Sachbücher, die auf deutschen Nachttischen versauern: Klingt interessant, müsste ich mal lesen, aber abends bin ich so müde … Ich wollte die Leser mitreißen, deshalb habe ich diese Form gewählt!

Am Ende jedes Kapitels werden noch mal zwei konkrete Vorschläge herausgegriffen, die helfen könnten, unsere Welt ein bisschen besser zu machen. Im Bereich Politik ist das zum Beispiel ein Better-Politics-Index, der die Leistungen von Regierungen daran misst, wie sehr sie sich für langfristige Ziele einsetzen.

Ja, ich wollte zur Einmischung anregen. Ich sage nicht, wenn wir diese Vorschläge umsetzen, dann ist alles gut. Es sind nur erste Beispiele, meine Hoffnung ist, dass viele Menschen – unter #dasneueland – weiterdenken: Wie sieht denn eigentlich Verteidigung im neuen Land aus, wie Europa-Politik? Es geht mehr um Haltung, um Ideen, den Ausbruch aus der Expertokratie. In der Corona-Krise wurden viele Petitionen gestartet von Leuten, die keine Experten waren und trotzdem das Richtige gefordert haben.

Sie sagen, Corona sei ein genialer Nachhilfelehrer gewesen für unsere Schulen!

Ja, vorher haben wir immer arglos von Disruption gesprochen – und auf einmal wussten wir, was Disruption wirklich bedeutet. Die Missstände sind ans Licht gekommen, und zugleich entstand eine ungeheure Aufbruchsstimmung, die wir jetzt für die Modernisierung unseres Bildungssystems nutzen können.

Welche Missstände müssen zuerst behoben werden?

Seit letzter Woche ist klar: Von den fünf Milliarden für den Digitalpakt sind nur 15,7 Millionen abgeflossen. 99,7 Prozent sind nicht abgerufen und in acht Bundesländern haben Schulen noch keinen Cent bekommen. Also offensichtlich scheint der Abrufmechanismus nicht zu funktionieren. Und das liegt an den sehr komplexen Strukturen.

Viele Schulen waren mit der Aufgabe überfordert, ein Medienkonzept zu schreiben.

Die fertigen Konzepte werden an die Schulträger weitergereicht, viele reichen erst weiter, wenn alle Schulen eingereicht haben … Warum haben wir im Moment so viele Behörden hintereinander geschaltet? Und welchen Mehrwert kann ein Schulträger eigentlich für die Frage liefern, wie man die Schulen am besten digitalisiert? Ich glaube, wir haben zu viele Köche um einen Topf gestellt, die dieses Gericht noch nie gekocht haben.

Treffendes Bild!

Es ist ja ein unfassbar dickes Brett, die digitale Transformation eines Unternehmens oder einer Schule zu bewältigen. Schauen Sie sich an, wie die Großbanken gerade damit kämpfen! Deshalb lohnt es sich, dieses Brett mit der Kraft von allen zu bohren. Und nicht 43.000-mal! Denn in Deutschland gibt es 43.000 Schulen, die jetzt alle vor denselben Problemen stehen: Welches WLAN brauchen wir, welche Geräte, was wollen wir mit denen machen, wie bilden wir unsere Lehrer fort?

Wie kann man die Kräfte bündeln? Die Unternehmensberatung McKinsey hat zum Beispiel die Erarbeitung von Musterkonzepten vorgeschlagen, die die einzelnen Schulen dann an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen können.

Im Idealfall geben die Ländern vor, was angeschafft wird. Das bringt Geschwindigkeit, und ich bin für Standardisierung bei der Infrastruktur – aber nicht bei den Inhalten. Denn in Bayern wird ja nicht dasselbe gelernt wie in Berlin, nur weil man über die gleiche technische Infrastruktur verfügt. Wenn wir fünf Milliarden durch 43.000 Schulen teilen, dann bekommt jede Schule 125.000 Euro. Mal ehrlich: Damit kann man keine Raketen bauen! 40.000 braucht man für eine Glasfaser- oder Breitbandlösung. Bleiben noch 85.000 für Geräte. Und wenn die Länder ihre Einkaufsmacht bündeln, könnten sie viel sparen.

Was ist mit einer einheitlichen Schulcloud? Viele Schulen wissen ja im Moment nur, dass sie die Teams, Zoom und Google Classroom nicht nutzen sollen. Und zwar aus datenschutzrechtlichen Gründen.

Es gibt die vom Bund geförderte HPI-Cloud, die alle Bundesländer nutzen und individualisieren könnten. Das tun sie aber nicht, weil sie lieber mit dem Bund konkurrieren und auf ihre eigene Clouds setzen. Selbst dann, wenn sie, wie der Lernraum Berlin, höheren Ansprüchen nicht genügen.

Können die Unternehmen den Schulen mit ihrem Know-how unter die Arme greifen?

Ich plädiere für eine Systemadministratoren-Allianz. Größere Unternehmen könnten ihre Systemadministratoren einen Tag pro Monat an die Schulen ausleihen – für Beratung und Support. Und das solange bis die Schulen ihren eigenen Support haben.

Zur Person: 

Das Weltwirtschaftsforum wählte sie zum „Young Global Leader“ und das Handelsblatt zur „Vordenkerin 2020“. Geboren wurde Verena Pausder 1979 in Hamburg. Sie stammt aus einer Textil-Unternehmerdynastie. Schon als junge Frau gründete sie ihre ersten Unternehmen: Ein Sushi-Restaurant und ein Salatbar-Franchise, letzteres ein grandioser Flop. Bekannt wurde sie als erfolgreiche Gründerin von „Fox & Sheep“ – einem Unternehmen, das hochwertige Apps für Kinder entwickelt. Nach dem Verkauf an die „HABA Digitalwerkstätten“ blieb sie bis 2019 Geschäftsführerin. Pausder ist Vorstand des Vereins „Digitale Bildung für Alle“, während der Pandemie initiierte sie die Webseite: homeschooling-corona.com und den #wirfürschule-Hackathon. Pausder ist zum zweiten Mal verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Berlin. „Das neue Land“ ist ihr erstes Buch.

Aber noch mal einen Schritt zurück: Das, was ich im digitalen Zeitalter am meisten bedroht sehe, ist die menschliche Konzentrationsfähigkeit. Ich beobachte das an mir und auch an meinen Kindern. Wie schafft man es, sich für ein paar Stunden auf das Verfassen einen tiefergehenden Textes zu konzentrieren oder auf das Lösen einer kniffligen Rechenaufgabe, wenn man ständig auf x Kanälen kleine Nachrichten ansehen und beantworten muss? – Und schafft man es noch, wenn die Schulen erst einmal vollständig mit Geräten ausgestattet sind, die produktive Nutzung von der destruktiven zu trennen?

Aber „Bring your own device!“ bedeutet nicht „Bring your own smartphone!“, wo Whatsapp und Tiktok warten und alle möglichen Kanäle, die funken. Deshalb bin ich für die klare Ansage: Liebe Schülerinnen und Schüler, euer privates Handy wandert von 7.45 Uhr bis 15 Uhr ins Schließfach. Damit ihr euch auf den Unterricht konzentrieren könnt. Und wenn es früher hieß, dass man im Unterricht nicht sein eigenes Buch oder Comic lesen durfte, darf man heute nicht sein eigenes Smartphone unterm Tisch haben!

Und was ist mit den schuleigenen Laptops? Sobald ich eine Suchmaschine habe, kann ich doch alles Mögliche damit anstellen.

Man kann Filter ansetzen, Facebook blocken, Youtube blocken – und die Kinder dazu anregen, nicht nur passive Konsumenten zu sein.

Neulich sagte ein Kollege: Die Wahrheit ist, dass diese digitalen Geräte die Klugen klüger und die Dummen dümmer machen.

Ja, die soziale Schere geht auseinander: Die einen werden mit dem Auto zum Programmieren gefahren und die anderen verwahrlosen unkontrolliert beim Zocken. Deswegen muss das Thema Medienkompetenz und digitale Bildung in die Schule! 

Es gab neulich diese Aufsehen erregende Studie des ifo-Instituts. Sie besagte, dass der Bildschirmmedienkonsum von Schülern durch Corona wahnsinnig gestiegen ist: Von 4 Stunden Nutzungsdauer auf 5,2 Stunden – und bei leistungsschwachen Schülern sogar auf 6,3 Stunden pro Tag.

6, 3 Stunden pro Tag – und dann noch Schule. Da bleibt ja dann nicht mehr viel übrig!

Ja, das ganze Leben ist weg … Muss man da nicht eigentlich dafür kämpfen, dass die Kinder wenigstens in der Schule bildschirmfrei haben?

Wenn ich Lehrerin wäre, dann würde ich mit den Kindern einen Vertragsentwurf vorbereiten, den die Kinder mit ihren Eltern zu Hause diskutieren können: Wie wollen wir als Familie das handhaben? Wie viel Bildschirmzeit pro Tag ist erlaubt, unterteilt nach den Kategorien: Kommunikation, Spiele, Internetrecherche … Und wenn dann ein Kind kommt mit sechs Stunden „Fortnite“, dann fang ich an zu argumentieren und aufzuklären: Hey, sechs Stunden, das ist verdammt viel!

Aber sind die Kontrollmöglichkeiten nicht sehr begrenzt?

Aber sind sie besser, wenn wir‘ s aus der Schule fernhalten? Ich glaube, es ist wichtig, in diesen Dialog mit Schülern und Eltern einzutreten. Nicht der romantischen Vorstellung nachhängen: Unsere Kinder sollen genauso aufwachsen wie wir! Sondern sie für die Welt von Morgen vorbereiten, Wilhelm von Humboldt folgen und sagen: Wir bilden in der Schule die mündigen Bürger der Zukunft aus.

Verena Pausder auf einem Kinosessel in ihrem Haus in Friedrichshain.

Foto: Carsten Koall/Berliner Zeitung

Es gibt ja den schönen Begriff der Medienmündigkeit. Bei der Medienkompetenz geht es um das Beherrschen der Benutzeroberflächen. Bei Medienmündigkeit geht es um mehr, nämlich um Aufklärung – und Einsicht in die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Weiß ein Jugendlicher um die Marktmacht der Internetriesen, um den Handel mit den Daten und die Werbe-Interessen der YouTuber?

(Ihr Sohn kommt durch die Veranda-Tür, mit Schulranzen und Maske. Ein Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, die Performance schweigt für einen Augenblick.) Hallo!

Sohn: Hallo! (Er trinkt ein Glas Saft, schaut und geht dann die Treppe hinauf in sein Zimmer.)

Können Sie mir ein Beispiel nennen für kreativen Unterricht, der digitale Mittel sinnvoll einsetzt?

Mein Sohn sollte für die Schule ein Gedicht auswendig lernen – Herr von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland. Und weil er es durch Corona nicht live vortragen konnte, hat er einen Hintergrund gebastelt, sich eine Birne genommen und einen Strohhut aufgesetzt. Sein kleiner Bruder hat ein Video gedreht. Sie haben es geschnitten, mit Musik hinterlegt, Filter ausgesucht.  So hat er dieses schöne Gedicht gelernt und außerdem noch viele Dinge durchexerziert, die er in Zukunft brauchen wird. 

Schön, aber wie kann man in der Schule Medienmündigkeit fördern?

Beispiel Faktencheck: Der Lehrer bittet die Kinder im Sozialkunde-Unterricht, ihnen die drei Videos zu zeigen, die in ihrem Sozial-Media-Feed in den letzten Tagen am meisten Aufmerksamkeit bekommen haben. Der Lehrer schmeißt sie an die Wand und sagt: So, und nun findet mal heraus, ob das stimmt, was Attila Hildmann da gesagt hat!

Ja, das weckt vielleicht das kritische Bewusstsein der Schüler.

Das kann jedoch nur ein Lehrer leisten, der ein Gerät hat, gelernt hat, mit diesem Gerät umzugehen und sich intensiv mit der Lebensrealität seiner Schüler zu beschäftigen. Deshalb müssen wir den Rest des Weges erst einmal gehen – die Infrastruktur schaffen, die Lehrer fortbilden. Und am Ende muss herauskommen, dass die Kinder in ihrer eigenen Lebenswelt mündig werden. Und dass sie nicht für bare Münze nehmen, was irgendein YouTuber zwischen Tür und Angel in die Kamera blubbert!

Dafür kann es aber auch hilfreich sein, sich mit antiker Philosophie zu beschäftigen oder mit Quellen aus der Weimarer Republik.

Natürlich. Denn nur eine gute Allgemeinbildung kann ja dazu führen, dass man sofort einordnen kann, was beispielsweise bei der Corona-Demonstration am Reichstag passiert ist. Aber gar nicht einzugehen auf das tägliche Umfeld der Schüler? Und nur zu sagen: Schaut in eure Lateinbücher!

Apropos Latein: Für Sie ist Coding das neue Latein!

Ja, es schult das logische Denken, es hilft, Probleme zu analysieren und zu lösen. Für mich ist Coding eine Grundfähigkeit, um die Welt von Morgen zu verstehen – es sollte ein selbstverständlicher Teil unserer Curricula werden.

Ein erster Schritt in das neue Land?

Ja. Denn kennen Sie zufällig eine einzige bedeutsame digitale Innovation, die aus Europa kommt? Im Moment sind wir dazu verdammt, in jedem Bereich die außereuropäischen Lösungen zu nutzen. Und wir nutzen sie als völlig unmündige Konsumenten. Wir geben überall fröhlich unsere Daten ab und schauen zu, wie andere das große Geld damit verdienen. Und es liegt auch daran, dass viele kleine und große Menschen in unserem Land technische Analphabeten sind. Das sollten wir ändern. 

Das Gespräch führte Eva Corino.


Verena Pausder: Das neue Land. Murmann Verlag, 198 S., 20 Euro.