Glücklich in der Pfütze: Ein Mädchen prüft, ob ihr kleines Boot auch wirklich schwimmen kann. 
Foto: Jenko Ataman/ Stock Adobe

Cornelia Funke wohnt auf einer Avocado-Farm im kalifornischen Malibu. Dort hat Bernadette Conrad sie über Monate besucht, um über ihr Werk zu sprechen, über Kindheit und unsere verlorene Beziehung  zur Natur. 

Cornelia Funke, was ist denn Kindheit heute? Gibt es sie noch?

Wenn Erwachsene aus ihrer Kindheit erzählen, dann sagen sie: „Ich bin an den Fluss gegangen.“ Oder: „Wir haben immer im Wald gespielt.“ Oder: „Meine Eltern haben uns nur gesagt, dass wir vorm Dunkelwerden zu Hause sein sollen.“ Kindheit heute, das ist zu wenig unkontrollierte Zeit, das fällt mir tatsächlich zuerst ein. Es werden immer die digitalen Medien dafür verantwortlich gemacht, dass Kindheit verschwindet, aber es sind auch wir selbst, die wir mehr beaufsichtigen, weil wir überall Gefahren sehen. Wenn ein Kind erzählt, wie es den Eheschwierigkeiten der Eltern entkommt, indem es in den Wald geht und mit den Bäumen redet, dann ist darin ausgedrückt, wie wichtig es ist, der erwachsenen und der Menschenwelt entkommen zu können! Statistiken belegen, dass diese Art von Spiel und Freiheit sogar auf dem Land verschwindet. Nicht einmal dort dürfen die Kinder heute noch draußen allein spielen, allein in den Wald gehen … Aber was ist es denn, was uns wachsen lässt? Die eigenen Grenzen zu erfahren, sich selbst ohne andere zu erleben, im Austausch mit der Natur und sich in ihr zu finden. Dem zu begegnen, wovor man Angst hat und die Angst zu überwinden.

Zuerst fällt Ihnen auf diese Frage ein großes Zwenig ein: zu wenig unkontrollierte Zeit. Ist das nicht ein erstaunlicher Befund in einer wohlstandsgesättigten Welt, in der wir doch von allem eher zu viel haben?

Außer von Zeit! Die Schule nimmt ja immer mehr Lebenszeit ein. Da kommen dann erschöpfte Kinder nach Hause, die nichts mehr können, als sich vor den Fernseher oder den Screen zu setzen. Sie haben keine Kraft mehr für körperliche Bewegung, alles ist getaktet und organisiert. Ein Kind muss draußen im Schlamm stehen und die Welt entdecken können. Wenn Kinder ihre Entdeckersehnsucht nicht in der Wirklichkeit leben können, müssen sie es in der digitalen Welt tun. Und irgendwann wird die Wirklichkeit bedrohlich, weil sie fremd ist und jeder Käfer mehr Angst macht als die automatische Waffe im Videospiel.

Die Schule greift also in einer Weise auf die Kinder zu, dass sie Kindheit gefährdet?

Den Zugriff auf Kindheit gab es natürlich auch zu anderen Zeiten. Oder an anderen Orten. Da mussten Kinder auf den Feldern arbeiten. Die Erfindung von Kindheit bedeutet in sich ja schon ein Privileg. Aber dieses Privileg wird, scheint mir, heutzutage auf sehr problematische Weise rückgängig gemacht. Ich habe kürzlich gehört, dass Kindergarteneltern Anweisungsblätter erhalten, mit denen sie ihren Kindern beibringen sollen, wie eine bestimmte Geschichte analysiert werden soll. Die Mutter, die mir das erzählte, war empört – die Lesezeit, die für sie und ihre Kinder Zauberzeit war, wurde zur Arbeit gemacht. Wir haben Kinderarbeit abgeschafft, um unsere Kinder nun in der Schule zu verschleißen – und die Arbeit wird nicht mal bezahlt. Es ist ein Verbrechen, schon die Kindheit nur auf „Nutzbarkeit“ hin zu gestalten.

Wo könnten wir als Erwachsene denn unterstützend wirken in Richtung einer nicht schon früh „verwerteten“ Kindheit?

Mein Eindruck ist, dass alle immer mehr brauchen, um Zufriedenheit zu empfinden. Aber das wirkliche Glück braucht Zeit, Unverplantheit, Freiheit von Verantwortung, das Leben im Jetzt… Wenn man Kinder am Strand oder im Wald spielen sieht, und nur ganz aus der Ferne hält jemand sie im Blick, dann zeigt sich dieses Glück am reinen Spielen. Am Entdecken, Riechen, Schmecken, Ertasten all des natürlichen Reichtums dieser Welt.

Wenn man Kinder am Strand oder im Wald spielen sieht, und nur ganz aus der Ferne hält jemand sie im Blick, dann zeigt sich dieses Glück am reinen Spielen.

Cornelia Funke

Aber das ist eine  Realitätserfahrung, die am Verschwinden ist. Nicht nur in den USA behüten, beaufsichtigen und verplanen Eltern ihre Kinder viel zu viel. Das Leben (und der Tod), selbst die Arbeit findet immer mehr hinter verschlossenen Türen statt. Kinder wissen nicht, was ihre Eltern tagsüber treiben. Oder wie all das gemacht wird, was sie jeden Tag benutzen oder verbrauchen.

Gelingt Ihnen das selbst, dieses Glück im Moment?

Ja, schon  … vielleicht weil ich immer noch wie ein Kind über den Schrecken und die Schönheit dieser Welt staune… Mein Umzug nach Amerika hat das nur verstärkt, denn hier existiert ja noch wirkliche Wildnis, Landschaften, die nicht von Menschen gemacht sind wie die Kulturlandschaft, die mir aus Europa vertraut ist. Ich merke jeden Tag, was mir diese Konfrontation mit der natürlichen Welt über unsere Existenz und die eigene Menschlichkeit beibringt. Und all die Erinnerungen an meine Kindheit in Brombeergebüschen und auf wilden Wiesen kommen zurück.

Also doch ein bisschen eine Huckleberry Finn-Kindheit … Warum ist denn Natur für Kinder so wichtig?

Nur in der Natur kann man lernen, dass der Mensch lediglich eine Daseinsform auf diesem Planeten ist und wie begrenzt unsere Erfahrung dieser Welt ist. Wir sind umgeben von Lebensformen, und doch sind sie uns fremd wie Außerirdische, was ihre Sinne und Bedürfnisse betrifft. Wir träumen uns Fabelwesen herbei und sind blind für die, die um uns herum leben, weil wir das Wissen über sie nicht mehr brauchen, um zu überleben. Bei all unserem Fortschritt wissen wir oft weniger über diese Welt als unsere Vorfahren.

Zwei Autorinnen: Cornelia Funke und Bernadette Conrad
Foto: Dominik Butzmann

Viele Ihrer Bücher gestalten ja genau das: Glück im Erleben von Natur, aber auch Glück als Freundschafts- und Gemeinschaftserfahrung. Ich denke da an „Die wilden Hühner“.

Ich bin zu den „Wilden Hühnern“ über die Umwege meiner eigenen Berufsfindung gekommen. Meinen ersten Job als Pädagogin hatte ich auf einem Bauspielplatz. Dort habe ich Kinder in ihrem Sich-selbst-Überlassensein erlebt, in ihrer Begabung zur Selbstorganisation. Ich bin auf völlig andere soziale Strukturen gestoßen, die ich als braves Mittelschichtkind gar nicht kannte.

Ihre „Wilden Hühner“stehen ja mit einem Fuß noch in Zeiten der „alten“ Kindheit. Astrid Lindgren liegt nicht so fern.

Ja, das stimmt. Aber die Kinder im 21. Jahrhundert können sich im Unterschied zu meiner Kindheit sehr leicht mit ihren Freunden austauschen, auch wenn die weit entfernt wohnen oder es zu spät ist, einander zu besuchen… Und natürlich haben sie schon früh viel mehr Zugriff auf Informationen aller Art, sie können sich selber schlau machen, werden unabhängiger, nutzen andere und jüngere Quellen im Internet. Sie erleben Austausch, wo sie früher vielleicht einsam zuhause gehockt hätten. Aber die Schattenseite des Mobbens und Quälens in sozialen Medien existiert natürlich auch… Es zweifelt wohl niemand ernsthaft daran, dass unsere Kinder mit einer vollkommen anderen Welt zurechtkommen müssen.

Es zweifelt wohl niemand daran, dass unsere Kinder mit einer vollkommen anderen Welt zurechtkommen müssen.

Cornelia Funke

Weshalb es absurd ist, sie auf diese Welt schulisch mit denselben Methoden und Inhalten vorzubereiten, die früheren Generationen vermittelt wurden. Kindheit ist nicht einfach. Sie ist so abhängig von dem, was Erwachsene durch ihre Entscheidungen aus dem Leben ihrer Kinder machen. Scheidung, Geschwisterneid, häusliche Gewalt… all das definiert natürlich auch heute noch das Leben unserer Kinder. Veraltet sind die Bücher vor allem in zwei Hinsichten: Die „Hühner“ haben keine Handys. Und sie haben allesamt einen deutschen Familienhintergrund. Bei den „wilden Hühnern“ von heute müsste z. B. ein syrisches Kind oder ein türkisches Kind dabei sein. Vor allem das Multinationale nehme ich als entscheidend anders wahr.

Sie engagieren sich sehr stark für den Umweltschutz. Seit wann?

Nicht erst, seit der derzeitige Präsident der USA die Umweltschutzgesetze brutal abbaut. Die rücksichtslose Plünderung dieses Planeten zeigt, dass „Homo sapiens“ wirklich eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung ist für unserer Art. Ich brauche das Nicht-Menschliche als Inspiration für meine Kunst und auch ganz schlichtweg zum Leben, und engagiere mich deshalb für den Naturschutz. Die Frage, warum wir Menschen überhaupt so viel Materielles und Künstliches zum Leben brauchen, hat mich schon immer beschäftigt. Ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir nicht jeden Tag nach Essen suchen oder uns davor fürchten müssen, gefressen zu werden, nicht doch sehr hoch? Wie wäre es, wie ein Tier zu leben, ohne Arbeit, ohne feste Zeitabläufe, im Einklang mit der Welt, die uns geboren hat? Etwas in uns beneidet Tiere um diese Ganzheit. Wir brauchen so viele Hilfsmittel, um zu leben. Mir ist bewusst, dass solche Gedanken leicht romantisieren und dass ich meine Pinsel und Notizbücher, ganz zu schweigen von der Musik auf meinem Computer, sehr vermissen würde, wenn ich wie eine Füchsin in ihrem Bau leben würde.

Malls, Fitness-Studios, Freizeitzentren, was bedeutet dies Überhandnehmen künstlicher Welten für Kinder?

Ich glaube, dass unsere Vorstellungskraft verkümmert, wenn wir uns ständig in rein menschengemachten Umgebungen aufhalten. Werden unsere Kinder irgendwann nicht mehr sagen: „Ich fühle mich leicht wie ein Vogel oder ich bin so hungrig wie ein Wolf"? Was macht es mit ihrer Vorstellungskraft, wenn sie die Jahreszeiten nicht mehr wahrnehmen, wenn Tag und Nacht sich kaum noch unterscheiden? George Orwell hat einmal über den Zusammenhang zwischen Reflektion und geschlossenen Räumen gesprochen. Nicht nur sind wir andere Menschen, wenn wir draußen leben; draußen stellt sich auch ein anderer Geisteszustand ein, ein anderes Denken. Für mich verarmen unsere Kinder dramatisch, weil sie immer seltener direkte Erfahrungen machen, ob mit Pflanzen, Tieren oder in der Wildnis. Das löst sie aus dem Zusammenhang der Welt und ich glaube, dass das eine große Verlorenheit und sehr viel Angst zur Folge hat.

Direkte Erfahrung bedeutet zunächst ganz schlicht: Mit ihnen rausgehen, sie später auch allein draußen sein lassen.

Vogelschwärmen nachsehen, Bienen den Pollen aus einer Blüte sammeln sehen, Wind und Regen spüren. Je nachdem, wo man lebt, sind Wald oder Meer Umgebungen, in denen man mit Kindern sehr einfache gemeinsame Abenteuer erleben kann, wenn sie klein sind – und wenn sie größer sind, dann muss man sie gehen lassen und ihnen Zeit geben für ihre eigenen Abenteuer.

Kinder an die Natur heranzuführen, ist schwieriger als in unserer eigenen Kindheit, als die Naturräume noch viel selbstverständlicher vorhanden waren.

Ich nehme diese unglaubliche Beschleunigung wahr, mit der Arten und Lebensräume am Verschwinden sind. Das ist ein schmerzhafter Widerspruch. Dem man sich aber, denke ich, aussetzen muss: dasitzen und wilden Papageien zuhören – sich verzaubern lassen und zugleich nicht verdrängen, wie bedroht sie sind. Für ein Kind mag sich diese Erfahrung anfühlen wie: Gerade hat es fasziniert ein Tier entdeckt, und sieht einen Moment später den Jäger aus dem Wald kommen.

Aber Kinder müssen Natur lieben lernen – ohne ihre Liebe zur Natur wird es später keinen Umweltschutz mehr geben.

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Bernadette Conrad, „Groß und stark werden. Kinder unterwegs ins Leben. Gespräche mit Cornelia Funke“, Verlag btb 2019, 304 S., 20 Euro.