Homeschooling ist eine Herausforderung für Schüler und Eltern. Das schlägt sich auch in der Lernzeit nieder.
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BerlinCorona hat die Lernzeit deutscher Schüler mehr als halbiert. Dafür haben die Kinder und Jugendlichen deutlich mehr Zeit vor Bildschirmen verbracht. Das geht aus einer aktuellen Studie des Ifo-Instituts hervor. In der Studie wurden 1100 Eltern online zum Lern- und Freizeitverhalten ihrer Kinder befragt. Mädchen lernten durchschnittlich eine halbe Stunde länger als Jungen, die wiederum mehr Zeit mit Computerspielen verbrachten. Auffällig ist, dass der Rückgang der Lernzeit bei Akademikerkindern und Nicht-Akademikerkindern nahezu gleich ist. Allerdings sei es nicht möglich gewesen, die Intensität der Lernzeit zu messen, sagte Ludger Wößmann, Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo institut

Während Schüler vor den Schulschließungen durchschnittlich 7,4 Stunden täglich mit schulischen Aktivitäten verbrachten, waren es während der Homeschooling-Zeit nur 3,6 Stunden. Über ein Drittel der Schüler (38 Prozent) haben sogar nur maximal zwei Stunden am Tag für die Schule gelernt.

Deutlich erhöht haben sich hingegen die Zeiten vor Fernseher, Smartphone und Spielkonsolen. Waren es vor Corona noch durchschnittlich vier Stunden, die elektronische Geräte in Anspruch nahmen, stieg die Zahl während der Pandemie auf 5,2 Stunden. Insbesondere leistungsschwache Kinder haben der Studie zufolge den fehlenden Unterricht durch Bildschirmkonsum jeglicher Art in Höhe von 6,3 Zeitstunden täglich ersetzt, leistungsstarke Schüler kommen auf eine Bildschirmzeit von 4,8 Stunden. Ein Unterschied von einer Zeitstunde ist auch zwischen Kindern aus Akademiker-Haushalten und Nicht-Akademikerkindern zu verzeichnen. Demnach verbrachten leistungsschwache Jungen weiterführender Schulen aus Nicht-Akademiker-Haushalten die meiste Zeit vor elektronischen Endgeräten.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo institut

Der Anteil aktiver Freizeit mit Lesen, Sport und kreativen Tätigkeiten ist durchschnittlich nur minimal von 2,9 Stunden auf 3,2 Stunden gestiegen. Grundschulkinder hingegen haben mit 3,9 Stunden den größten Anteil zur aktiven Freizeitgestaltung genutzt und mit 3,7 Stunden die geringste Bildschirmzeit. Die Inhalte, die die Kinder lernten und konsumierten, konnten die Studienersteller jedoch nicht erfassen. „Wir befürchten, dass unsere Zahlen nur der obere Rand sind“, sagt Katharina Werner vom Ifo-Institut mit Blick auf Lernstandsunterschiede.

Die Eltern intensivierten der Studie nach ihre Bemühungen um den schulischen Fortschritt ihrer Kinder. So halfen sie vor Corona im Durchschnitt 30 Minuten täglich ihren Kindern bei den Schulaufgaben, während der Schulschließungen verdoppelten sie diese Lernzeit.


Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo institut

Eltern fordern Online-Fortbildungen für Lehrer

Dennoch ist den Eltern klar, dass ihre Kinder nicht die üblichen Lernfortschritte gemacht haben. So geben 67 Prozent der Eltern an, dass ihre Kinder viel weniger gelernt hätten als sonst. Die bereitgestellten Aufgaben durch Lehrkräfte bestanden zu 47 Prozent aus neuem Unterrichtsstoff, bei 45 Prozent bestand er aus Wiederholungen. Zwar wurden 87 Prozent der Schüler Aufgaben gestellt, eine persönliche Rückmeldung auf diese gab es jedoch nur für knapp 40 Prozent der Schüler. Regelmäßigen Videounterricht gab es für sechs Prozent der Schüler, 56 Prozent hingegen hatten weniger als einmal die Woche beziehungsweise gar keinen Videounterricht. 87 Prozent der Eltern wünschen sich dementsprechend verpflichtende Online-Fortbildungen für Lehrer, 80 Prozent wünschen sich verpflichtenden Online-Unterricht, wenn die Schule geschlossen ist.

Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht darin aber kein Allheilmittel. „Das Problem sind nicht die fehlenden Fortbildungen, sondern die fehlende technische Ausstattung.“ Viele Schüler verfügten zwar über ein Handy, aber nicht über einen Laptop oder ein Tablet mit Tastatur. Zudem seien rund 20 Prozent der Schüler für Lehrer nicht erreichbar gewesen. Dennoch hält er ein individuelles Feedback für jeden Schüler nur an Grundschulen für machbar. „Wenn man an einer weiterführenden Schule 200 Schüler in verschiedenen Kursen hat, ist die direkte Rückmeldung unmöglich.“

Die Spaltung zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern ist Meidinger zufolge auch nicht mit mehr Online-Unterricht zu schmälern. „Die leistungsschwachen Schüler brauchen die direkte Ansprache. Deren Rettung ist nur der Präsenzunterricht.“