Berlin - Ich habe 1991 Abitur gemacht – zwei Jahre zuvor war die Mauer gefallen und mit ihr der eiserne Vorhang. Unsere Generation erlebte eine beispiellose Öffnung der Welt. Überall taten sich Räume auf, die man erforschen, bereisen, mit seiner Fantasie neu besetzen konnte. Die jungen Ostdeutschen reisten in den Westen, die jungen Westdeutschen in den Osten. Jedenfalls diejenigen, die ein bisschen abenteuerlustig waren. In den Semesterferien fuhren wir per Anhalter durch Ungarn und Polen, machten Praktika in Prag und Bratislava, brachten Hilfslieferungen nach Minsk, lebten in billigen Wohnungen in Ost-Berlin, stolz darauf, die großen leeren Zimmer mit Kohleöfen zu heizen, stolz darauf, nichts weiter im Zimmer zu haben als einen Stapel Kleider, einen Stapel Bücher und eine Matratze.

Das Denken in ideologischen Blöcken löste sich auf und ließ Raum für Neues – gewiss, auch für einen entfesselten Neoliberalismus, aber das wurde für uns erst später sichtbar. Zunächst war da eine große Erleichterung, sich im Kopf endlich jenseits der amerikanisch-russischen Freund-Feind-Schemata bewegen zu können.

Und jetzt? Unser Sohn hat in diesem Jahr Abitur gemacht, ein Corona-Abitur. Und wie anders fühlt sich das an für ihn und seine Generation, von der Schule ausgespuckt zu werden – in einem Alter, in dem man hinaustreten will in die Welt, ist genau das plötzlich nicht mehr möglich. In einer Zeit, in der man seine Jugend genießen will, ist das Genießen plötzlich verboten und das Jungsein auch.

Spontan sein und Pläne schmieden? Kaum möglich

Denn was macht das Jungsein aus? Dass man spontan sein und dem Zufall Raum geben kann. Und dass man Pläne schmiedet, die ersten eigenen Pläne. Beides ist in der jetzigen Zeit kaum möglich.

Weil die Zukunft so unsicher ist, weil die Universitäten kaum noch Präsenzunterricht bieten. Weil die Unternehmen nicht wissen, ob die wirtschaftliche Lage es ihnen erlaubt, Stellen auszuschreiben. Weil nicht klar ist, ob es möglich sein wird, in die fremden Länder, die man zum Ziel seiner Sehnsucht erkoren hat, auch wirklich zu reisen.

Wie viele Pläne und Träume sind im vergangenen Jahr geplatzt? Und wie viele werden noch platzen? Geburtstagsfeiern mit Freunden, Reisen, Auslandsaufenthalte, Sprachkurse, in Aussicht gestellte Praktika und Ausbildungsplätze – auf den ersten Blick ist das alles nicht so schlimm. Aber auf den zweiten? Ich finde schon, dass Corona sehr stark und auf leise Weise brutal in die Lebensläufe der heute 15- bis 25-Jährigen eingreift.

Jung zu sein, das heißt doch reisen, feiern, auf fremde Menschen zugehen können. Willkommen und Abschied gehören dazu. Und die Liebe, die Möglichkeit, sich in der Liebe auszuprobieren, ohne dass die aktuelle Flamme sofort ein dauerhaftes Mitglied im eigenen Corona-Haushalt werden muss. Der Rausch gehört dazu, das Trinken und das Tanzen, die wilde Verbrüderung, die Entscheidung, um drei Uhr morgens mit der ganzen Clique bei einem Freund zu übernachten.

Doch all das steht jetzt unter Verdacht oder ist sowieso schon verboten – ist mit Nähe, Grenzüberschreitung, vielleicht dem Austausch von Körperflüssigkeiten verbunden, also mit Corona.

Jede Handlung wird moralisch aufgeladen

Mein Eindruck ist, dass besonders die sensiblen und verantwortungsvollen Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Corona leiden. Weil sie in jedem Augenblick wissen, dass sie Rücksicht nehmen müssen und dass sie den anderen, vor allem den älteren Mitgliedern in unserer Gesellschaft schaden, wenn sie tun, was junge Leute gerne tun: sich frei bewegen.

Dadurch wird jede freie Bewegung – beziehungsweise der bewusste Verzicht auf sie – moralisch ungeheuer aufgeladen. Wird jede impulsive Handlung zensiert, was zu einer Lähmung führt und dem Gefühl, eingesperrt und ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein.

Diese Generation der heute 15- bis 25-Jährigen ist eine sehr moralische Generation. Ihre Ziele, ihre Sympathie für die Friday-for-Future-Bewegung zeigen das. Aber auch der Kampf gegen den Klimawandel bedeutet – auf die eigene Existenz heruntergebrochen – natürlich Verzicht: keine Flüge, kein Fleisch, keine Fast Fashion usw. Und das bedeutet, dass alles, was für andere Generationen Quell der Lebensfreude war, sowieso schon wegfällt beziehungsweise mit einem schlechten Gewissen verbunden ist, wenn der gute Vorsatz gebrochen wird. Und das nun im schweren Paket mit den Corona-Einschränkungen? Die Leichtigkeit des Seins fühlt sich anders an.

Wie können die jungen Leute es schaffen, in den kommenden Monaten ihre Lebensfreude zu behalten?

Mit Depressionen zurück ins Elternhaus

Eine Freundin erinnert sich an das Ende der ersten Lockdown-Zeit, als ihr 15-jähriger Sohn Leo* immer bis zwölf Uhr geschlafen hat und den ganzen Tag im Schlafanzug herumgelaufen ist. „Es herrschte die totale Verschlumpfung – schrecklich!“

Eine andere Freundin erzählte, dass ihre Tochter Marie* während des ersten Lockdowns eine Depression bekam. Sie wollte sich auf ihr Examen vorbereiten, ging täglich in die Bibliothek um zu lernen. Dann wurden die Bibliotheken geschlossen, ihr Tag verlor seine gewohnte Struktur. Und zu Hause, in ihrer kleinen WG, konnte sie sich nicht konzentrieren. Ihre Mitbewohnerin war frisch verliebt, ständig knutschte sie herum mit ihrem Freund, in der Küche, im Wohnzimmer, während Marie versuchte, sich diskret an dem Paar vorbeizudrücken. Irgendwann kam die Mutter mit dem Van, um Möbel und Klamotten der Tochter und natürlich auch die Fachliteratur in den Kofferraum zu laden.

Seit dem Sommer wohnt Marie nun wieder bei ihren Eltern, kümmert sich um die jüngeren Geschwister und geht regelmäßig zur Therapie. Auf die freundliche Fragen von Verwandten: „Wie geht es Dir? Was machst Du? Hast Du Dein Studium schon abgeschlossen? Weißt Du schon, was du danach machen willst?“, antwortet sie ausweichend.

Auch liegt sie stundenlang auf ihrem Bett und stöbert via Smartphone in den sozialen Netzwerken.

Total globalisiert, aber nur noch in zwei Dimensionen

Marie ist mit der Globalisierung aufgewachsen, sie hat in drei verschiedenen Ländern gelebt, war auf internationalen Schulen, hat Freunde in allen Zeitzonen. Aber was nützt diese Globalisierung, wenn sie jetzt nur noch die Abbilder der Welt über ihren Bildschirm flackern sieht? Wenn sich nur noch die Augen bewegen?

In einem Artikel der „Financial Times“, der sich auf seriöse Zahlen bezog, war zu lesen, dass Depressionen unter jungen Briten  zugenommen haben. Einer von fünf jungen Erwachsenen zwischen 16 und 34 habe im Monat Juni Symptome gezeigt. Vor Corona sei es nur einer von neun gewesen. Der Psychologe Tom Madders von der Organisation „YoungMinds“ beurteilte die Zahlen so: „Fast alle jungen Erwachsenen mussten auf dramatische Veränderungen reagieren – in ihrer Ausbildung, ihrer Arbeit, ihrer täglichen Routine und ihrem häuslichen Leben. Viele haben sehr gekämpft, um mit der sozialen Isolation fertig zu werden, mit Zukunftsängsten und dem Wegbrechen äußerer Strukturen.“

Eine dritte Freundin hat ihre Tochter Claire* inzwischen wieder nach London gebracht. Claire studiert dort Ökonomie, braucht es aber für ihren Ausgleich, regelmäßig tanzen zu gehen. Weil die Tanzstudios im Moment alle geschlossen sind, zieht sie sich abends ihr Trikot und ihre Tanzschuhe an und tanzt in ihrem winzigen Zimmer zwischen Schreibtisch und Bettkante. Das Bild von diesem Tanz (ich stelle sie mir vor, 24 Jahre alt, braune Haare, rotes Trikot!) – steht für das stille Aufbegehren der eingesperrten Generation.

Lukas*, der Freund meines Sohnes, hat im Sommer sein erstes Semester in Berlin absolviert. Alle Vorlesungen, Seminare und Tutorien wurden online gehalten. Mit den Studenten, die mit ihm zusammen die Übungsaufgaben bearbeiteten, stand er zwar über digitale Kanäle in Kontakt. Aber aus dieser ziemlich zielgerichteten Online-Kommunikation sind keine Freundschaften entstanden. Das Innere seiner Alma Mater hat Lukas erst ganz am Ende des Semesters gesehen, als er maskiert in einem fast leeren Hörsaal saß, um eine dreistündige Klausur zu schreiben.

Gerade kam Lukas von der Einführungswoche an der Universität in einer anderen Studentenstadt zurück. Voller Vorfreude auf mehr Präsenzunterricht hatte er seine Koffer gepackt. Er hatte gehofft, im Vorkurs endlich neue Leute kennenlernen zu können. Aber dann gab es einen Corona-Verdachtsfall – und alles war wieder nur online.

Und zum Semesterstart: Eine „virtuelle Kneipentour“

Keine Erstsemesterfete, nur eine „virtuelle Kneipentour“ durch die Altstadt – schon das Wort war ein schlechter Witz!

Das Internet kann viel, neue Beziehungen stiftet es eher nicht. Es fehlt irgendetwas sehr Entscheidendes, das bei der körperlichen Begegnung im Raum viel leichter entsteht – ein Fluidum, das Überraschende der Wechselrede, befreiendes Gelächter.

Lukas überlegt, für die zweite Welle wieder in sein Elternhaus zurückzukehren. Überall ist zu spüren, dass die Familie als Lebensform durch Corona gerade wieder eine Renaissance erlebt. Mit all ihren Macken erscheint die eigene Familie auf einmal so ungleich viel attraktiver als ein Singleleben in kümmerlichen Studentenbuden, weil sie eine Grundversorgung an Wärme, Austausch und Abwechslung verspricht.

Das fühlen auch die jungen Erwachsenen, die plötzlich wieder in ihre Kinderzimmer ziehen. Trotzdem ist es nicht immer leicht, wieder daheim zu sein in einer Zeit, in der man anfangen will, sein eigenes Leben zu leben, unbehelligt von den Blicken der Eltern – und von den Urteilen, die sie heimlich transportieren.

Viele erleben diese Rückkehr durchaus als Kränkung, als Infantilisierung. Vor allem dann, wenn sie in wenig wandlungsfähigen Familien wohnen, wo alle – auch nach Jahren des Getrenntwohnens – in ihre alten Rollen zurückfallen. Ich habe aber auch von Familien gehört, die die gemeinsame Corona-Zeit als schön und produktiv empfunden haben. Die, gerade weil man sich nicht aus dem Weg gehen konnte, fruchtbare Diskussionen geführt und ein neues Rollengefüge hervorgebracht haben.

Kinder sind erwachsen geworden, weil sie ihre Eltern an der Belastungsgrenze sahen und für sie eingesprungen sind. Junge Erwachsene versuchen, ihre Zuversicht aus Büchern und aus sich selbst zu schöpfen, weil sie von der äußeren Welt gerade wenig zu erwarten zu haben. Wir sollten ihnen mit Respekt begegnen und darauf achten, dass sie ihre Neugier und Lebenslust in der zweiten Corona-Welle nicht verlieren.

* Namen geändert