Kenia, Nairobi: Die 10-jährige Joy liest ihr Schulbuch während ihre 17-jährige Schwester Mary ihr hilft. 
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Die Schule von Joy und Dorkas besteht derzeit aus den paar Quadratmetern ihres Hauses in einem Slum von Nairobi. Auf dem Tisch liegen einige Schulbücher, in der Ecke ist ein kleiner Fernseher und an der Wand hängen zwei Tabellen, die die Zahlen bis 100 und die Namen von Tieren auf Englisch aufzeigen. Das ist alles, was die beiden zehn und vier Jahre alten Mädchen haben, um zu lernen. „Ich bin traurig, dass die Schulen geschlossen sind“, sagt Joy.

Die Corona-Pandemie „hat eine Bildungs-Krise ausgelöst, die zu unseren Lebzeiten beispiellos ist", sagt Mohamed Fall, der Leiter des UN-Kinderhilfswerks (Unicef) in Ost- und im südlichen Afrika. Schulen wurden weltweit wegen des Coronavirus abrupt geschlossen. Doch Afrika, wo das Bildungsniveau ohnehin niedriger ist als in anderen Regionen, trifft dies besonders hart. Zu Beginn der Pandemie waren Unicef zufolge mehr als 127 Millionen Schüler in Ost- und im südlichem Afrika nicht in der Schule, Ende Juli waren es noch immer rund 75 Millionen.

In einer kontroversen Entscheidung strich Kenias Regierung wegen Corona sogar das gesamte Schuljahr 2020. Erst im Januar 2021 soll es in Klassenzimmern wieder Unterricht geben. Das Bildungsministerium stellte schnell TV- und Radioprogramme und eine Onlineplattform auf die Beine, die den Schülern das Lernen zu Hause ermöglichen soll. „In Anbetracht der Umstände, finde ich, wurden lobenswerte Anstrengungen unternommen, um sicherzugehen, dass Schüler weiterhin lernen", meint Bildungsexperte Moses Ngware.

Doch die kleine Nachbarschaft im Slum Njathaini offenbart, wie unterschiedlich Kenianer damit zurecht kommen – und wie anders die Zukunft ihrer Kinder nach Corona aussehen wird. Hannah Mburu bemüht sich, dass ihre Töchter Joy und Dorkas weiter lernen. Aber sie tut sich mit dem Curriculum der 10-Jährigen schwer. Und sie kann nicht immer da sein, um sie zu betreuen; sie muss Arbeit suchen gehen. Für die Kleiderwäscherin ist das in der Corona-Krise sehr schwer.

Hannas Nachbarin Faith Wangui dagegen verdient als Schneiderin etwas besser. Ihr ist die Bildung ihrer 13-jährigen Tochter Quinte extrem wichtig. „Das ist unser Erbe, was wir ihr hinterlassen können.“ Dafür bringen sie und ihr Mann große Opfer. Während die Schulen geschlossen sind, zahlen sie einem Lehrer täglich umgerechnet rund 40 Euro-Cents, damit er Quinte und andere Kinder für ein paar Stunden unterrichtet. Für Bewohner von Njathaini ist das viel Geld.

Nebenan wohnt Beth Nanjala. Die alleinstehende Mutter stellt den ganzen Tag mit ihren bloßen Händen Kohle-Briketts her, womit sie sich und ihre sieben Kinder ernährt. „Ich habe keine Kapazitäten, ihnen beim Lernen zu helfen.“ Zu Hause ist kein Fernseher oder Radio, Beth hat auch kein Handy, was ihre Kinder nutzen könnten. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Und zu arbeiten. Neben Beth schaufeln zwei ihrer Jungs im Alter von zehn und zwölf Kohle.

So geht es etlichen Kindern in Afrika. Einer am Donnerstag veröffentlichten Unicef-Studie zufolge konnte die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler südlich der Sahara nicht an irgendeiner Art des Fernunterrichts teilnehmen. Die Region sei somit stärker betroffen als jede andere auf der Welt. In Kenia zeigt eine Umfrage der Statistikbehörde, dass Schüler während der Corona-Zeit in nur knapp 19 Prozent der befragten Haushalte einen Fernseher nutzen, um zu lernen, 15 Prozent nutzen Radio und 12 Prozent das Internet. Vor allem in ländlichen Regionen hätte ein Großteil der Kinder keinen Zugang zu diesen Mitteln, sagt Anne Waichinga von der Organisation World Vision. „Diese Kinder werden komplett ausgelassen.“

Wie das in der Realität aussieht, weiß Naomi Rotich. Sie ist Lehrerin auf dem Land im Bezirk Narok im Westen Kenias. „Die meisten Häuser hier haben keinen Strom.“ Deshalb besucht sie ihre Schüler, die sie im Rahmen eines Programms von World Vision während der Corona-Schulschließungen betreut, tagsüber. Doch dann seien die Schüler manchmal nicht vorzufinden, weil sie auf die Schafe oder Kühe der Familie aufpassen müssten. Die meisten Eltern können demnach ihren Kindern auch nicht beim Lernen helfen, weil sie nicht lesen oder schreiben können.

Durch die Corona-Krise werde die Schere zwischen armen und reichen Kindern in Sachen Bildung immer größer werden, befürchtet die 32-jährige Lehrerin. Daher meinen einige, die Entscheidung Kenias, das gesamte Schuljahr zu streichen, sei ein großer Gleichmacher: Ob man in Corona-Zeiten zu hause lernen kann oder nicht, alle Schüler fangen im Januar 2021 von Neuem an und wiederholen ihre Klasse.

Doch die Verluste durch die Schulschließungen gehen weit über die Bildung hinaus. Die Schule ist in den meisten afrikanischen Ländern nicht nur ein Ort, an dem gelernt wird. Viele Kinder kriegen dort eine warme Mahlzeit. Sie haben erwachsene Ansprechpartner. Und die Schule „ist ein Schutzschirm“ für Mädchen, sagt Rotich. Seitdem die Schulen in Kenia im März geschlossen wurden, seien bereits einige ihrer Schülerinnen schwanger geworden oder verheiratet worden. „Ich mache mir Sorgen, dass weniger Mädchen in die Schule zurückkehren werden, wenn die im Januar wieder aufmachen.“ Unicef-Chef Fall sagt, bis zu 25 Prozent aller Kinder würden nach den Schließungen womöglich nicht ins Klassenzimmer zurückkehren. Das habe die Ebola-Krise in Westafrika gezeigt. „Dies könnte eine verlorene Generation werden.“