Berlin - Seit Wochen tobt eine heftige Debatte darüber, ob man angesichts der hohen Infektionszahlen noch am Regelbetrieb der Schulen festhalten oder sie auf ein Hybridmodell umstellen sollte. Fast täglich erscheinen neue Studien, die entweder für die eine oder für die andere Lösung sprechen. Die Tatsache, dass sie sich widersprechen, deutet darauf hin, dass die wissenschaftlichen Daten zum Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen – und zur Ansteckungsgefahr im Inneren der Schulen – noch immer nicht ausreichen und somit für die Politik keine verlässliche Entscheidungsgrundlage sind.

Soeben erschien eine Studie der Berliner Forscherin Clara von Bismarck-Osten, die zeigt, dass weder der Schulbetrieb noch die Schulferien bei der Verbreitung des Coronavirus eine besondere Rolle spielen. Und vor wenigen Tagen meldete sich der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte zu Wort: Die Ärzte hatten im Rahmen einer breit angelegten Datenauswertung keine Hinweise auf eine hohe Corona-Dunkelziffer unter Kindern gefunden. Auf der anderen Seite sind die hohen Infektionszahlen unter den 15- bis 19-Jährigen in Berlin durchaus ein Grund zur Beunruhigung.

Die Forderungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind in den vergangenen Tagen immer schriller geworden. Viele Lehrer, so heißt es, fühlten sich im Schulalltag nicht mehr ausreichend geschützt. In Frankfurt am Main wollen Schüler am kommenden Montag sogar streiken und für das Hybridmodell auf die Straße gehen.

Bei der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel sich dafür eingesetzt, dass ab einem Inzidenzwert von 200, also bei 200 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner, alle Klassen (ab Klasse 8) geteilt und auf Hybridunterricht umgestellt werden. Warum ab einer Inzidenz von 200 und nicht von 50 – wie das RKI schon vor einiger Zeit gefordert hatte? Vermutlich, weil es die mit Studien untermauerte Hypothese gibt, dass das Infektionsgeschehen innerhalb der nach dem Hygieneplan agierenden Schulen geringer ist als außerhalb: siehe oben.

Bei den Ländern stieß Merkel mit ihrem Plädoyer auf erheblichen Widerstand. Daher wurde für die Schulen ein Kompromiss ausgehandelt. Die Kanzlerin empfindet ihn offenbar als zu weich. In ihrer Regierungserklärung am Donnerstag setzte sie nach: Zumindest in den „Hotspots der Hotspots“ müsse das Hybridmodell durchgesetzt werden, sagte sie.

Der Berliner Senat hat in einer Sondersitzung am Donnerstag folgendes beschlossen: Solange das Land Berlin eine Inzidenz von mehr als 200 Neuninfektionen pro 100.000 Einwohnern aufweist, besteht für die Schulen die freiwillige Möglichkeit, in den Jahrgangsstufen 8 und 11 an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen sowie in den Jahrgangsstufen 8 und 9 an den allgemeinbildenden Gymnasien in das Hybridmodell zu wechseln. Voraussetzung dafür ist ein Beschluss der Schulkonferenz sowie ein tragfähiges Konzept für das Alternativszenario.

Besorgten Eltern dürfte die partielle Rückkehr zum Homeschooling willkommen sein. Unerschrockene Eltern werden eher mit dem Kopf schütteln – und sich vor der erneuten Belastung fürchten, die Familien bevorsteht.

Die Abschlussjahrgänge, die für das Abitur, den mittleren Schulabschluss (MSA) und die Berufsbildungsreife (BBR) relevant sind, sollen nicht hybrid lernen. Es leuchtet ein, dass diejenigen Schüler, die im nächsten Frühling und Sommer wichtige Prüfungen ablegen, durch einen kontinuierlichen Präsenzunterricht darauf vorbereitet werden sollen. Auch in den beruflichen Schulen wird es weiterhin ausschließlich Präsenzunterricht geben.

„Sehr zu begrüßen ist die Regelung, dass die Abschlussjahrgänge grundsätzlich im Präsenzunterricht bleiben,“ sagte Sandra Scheeres der Berliner Zeitung. „Wir haben die Maskenpflicht an weiterführenden Schulen bereits vor fast zwei Wochen eingeführt. An unseren Grundschulen ist eine noch striktere Handhabung möglich.“ In der Sondersenatssitzung wurde deshalb beschlossen, dass auch in den fünften und sechsten Klassen eine generelle Maskenpflicht gelten soll – jedenfalls in den Bezirken, wo die Inzidenz über 200 liegt.

Die neuen Maßnahmen sollen bis einschließlich 8. Januar gelten und treten ab dem 7. Dezember in Kraft. Freiwillig können Schulen diese aber auch schon früher einführen.

Für Schüler, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, und ihre Lerngruppen soll es einheitliche Regeln geben. Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder verständigten sich darauf, dass positiv getestete Schüler gemeinsam mit ihren Mitschülern sofort in eine fünftägige Quarantäne geschickt werden. Die Tage am Wochenende zählen mit. Nach fünf Tagen sollen die betroffenen Schüler einen Schnelltest machen. Wer negativ ist, darf wieder in die Schule. Wer positiv ist, soll alle drei Tage erneut getestet werden, bis der Test negativ ausfällt.

Mit der Frage, wie die Schnelltests möglichst rasch beschafft und an den Berliner Schulen eingesetzt werden können, werde sich der Hygienebeirat in den kommenden Tagen beschäftigen, teilte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung mit.