Lernen am Computer zu Hause: Nicht überall sind die Voraussetzungen gegeben.
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BerlinEs ist eine der merkwürdigen Wahrheiten der Corona-Krise, dass das Virus zwar nicht zwischen seinen Wirten diskriminiert, letztlich aber bestehende Ungleichheiten verschärft. Dies wird besonders deutlich an den Schulschließungen infolge der Pandemie. Wenngleich kaum jemand den Sinn der vorübergehenden Schließungen zur Eindämmung des Virus infrage stellt, zeigt sich doch: sie treffen ärmere und weniger privilegierte Schüler besonders hart.

 „Die Corona-Situation trifft Kinder und Jugendliche ganz unterschiedlich“, sagt die Bildungssprecherin der Grünen im Bundestag Margit Stumpp der Berliner Zeitung. „Wer in engen Wohnungen, ohne Garten, ohne Internetanschluss und ohne einen ruhigen Platz für die Hausaufgaben lebt, wer keine Eltern hat, die beim Lesen, bei Physik und Englisch helfen können, den treffen geschlossene Bildungseinrichtungen härter.“

Die globalen Schließungen seit Ausbruch des Virus sind beispiellos in Umfang und Dauer. Über 90 Prozent  der weltweit rund 1,5 Milliarden Schulkinder gehen laut Unesco-Angaben derzeit nicht zur Schule.

Dass dies auch die Produktivität der Eltern oder Erziehungsberechtigten einschränkt, die Kinder und Jugendliche zu Hause betreuen, lässt sich leicht ausmalen. Familien ohne Rücklagen oder Homeoffice-Möglichkeiten bekommen das am ärgsten zu spüren. Doch die Schließungen bedrohen die soziale Mobilität als solche.

Insbesondere in den sogenannten Entwicklungsländern übernehmen Schulen zudem auch Aufgaben, die Familien von sich aus oft nicht leisten können. In westafrikanischen Ländern hatten die Schulschließungen infolge des Ebola-Ausbruchs im Jahr 2014 teils verheerende Folgen. Sie führten zu einem rasanten Anstieg an Teenager-Schwangerschaften und Schulabbrüchen. Zudem ließen sie die Zahlen unterernährter Kinder und Jugendlicher in die Höhe schnellen. Viele der Schüler waren auf die kostenlosen oder ermäßigten Mahlzeiten angewiesen, die sie sonst in den Schulen bekamen.

Und sicherlich, über das Internet lässt sich Homeschooling, sprich Zugang zum Lernen online, heute trotz Ausgangssperren und Quarantänemaßnahmen einfacher organisieren als noch vor wenigen Jahren. Lernplattformen wie Moodle und Videoanbieter wie Zoom ermöglichen es Lehrkräften, sich digital mit Schülern zu verbinden, Inhalte zu kommunizieren und so die schulische Grundorganisation aufrechtzuerhalten. Die Voraussetzung dafür, nämlich ein videofähiger Computer oder zumindest ein Smartphone mit Internetanschluss, ist aber keineswegs überall gegeben – noch nicht einmal in Industrieländern.

Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge besitzen zwar fast 90 Prozent der Familien in Deutschland digitale Endgeräte, doch Geringverdiener und Familien mit Migrationshintergrund stehen im Vergleich schlechter da. Und weniger als die Hälfte der befragten Zwölf- bis 14-Jährigen hat alleinigen Zugriff auf einen PC oder Laptop. Ärmere Kinder und Jugendliche haben oft mehrere Geschwister und haben es daher schwer, sich die Nutzung dieser Geräte zu teilen. „Wir können nicht zulassen, dass ein Teil der Kinder und Jugendlichen abgehängt wird, weil die Ausstattung nicht stimmt“, kommentiert Stumpp. Es sei daher zu prüfen, ob Bundesmittel aus dem Digitalpakt für ein Sonderförderprogramm zur Anschaffung von digitalen Endgeräten umgeleitet werden können.

Dazu kommt, dass die Funktion der Schule als Rückzugsort vor innerfamiliären Konflikten wegfällt, was die Lernfähigkeit und Konzentration der ärmeren Schüler oft zusätzlich belastet. Häusliche Gewalt, die nach Aussage der Generalsekretärin des Europarats in Straßburg Marija Pejcinovic Buric seit Ausbruch der Corona-Pandemie rapide zugenommen hat, gefährdet derzeit viele Kinder und Jugendliche in ihrem eigenen Zuhause. Überhaupt sind es nicht alle Schüler gewohnt, unabhängig von Lehrkräften und sozialer Interaktion mit Mitschülern Aufgaben zu erledigen. Das sogenannte selbstregulierte Lernen, das in Ländern wie Estland und Japan zum Alltag gehört, ist in Ländern wie Italien und Spanien recht selten.

In weiten Teilen Chinas wurden Schulen bereits im Januar geschlossen. In Deutschland sollen sie nun Bundesland für Bundesland schrittweise  wieder öffnen. Abiturienten werden bereits im Mai und Juni ihre Prüfungen ablegen. Doch die Noten werden dabei teilweise auch von Vorhersagen der Lehrer beeinflusst, wie Schüler hätten abschneiden können, wäre Corona nicht gewesen. Dies schürt die Angst vor Ungleichbehandlung zusätzlich: Lehrer könnten weniger privilegierte Schüler, wenn auch unbewusst, diskriminieren. Stumpp empfiehlt, bald wieder Raum für das soziale Lernen und den Austausch im realen Raum zu bieten. „Wir brauchen vor allem kreative Lösungen und einen Austausch über gut funktionierende Konzepte. Auch müssen wir Flexibilität zeigen, indem wir den Schulen Handlungsspielräume gewähren, denn was für eine Schule gut klappt, ist in einer anderen eventuell nicht sinnvoll.“