Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat einen Krisenstab einberufen. 
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BerlinDie erste Skifahrt der Tempelherren-Grundschule platzt nicht wegen des Coronavirus. Am Donnerstagabend bricht der Lehrer Patrick Reich mit 19 Kindern aus den Klassenstufen 4 bis 6 mit dem Bus nach Norditalien auf. Mit dabei sind noch eine Kollegin und zwei begleitende Väter. Meransen, Südtirol, ist das Ziel – nicht im Risikogebiet, aber nahe genug, dass manche Eltern nervös geworden sind.

500 Euro pro Kind kosten acht Tage Skifahren, die Planungen liefen seit einem Jahr, berichtet Reich. Die Schule hatte am Mittwochabend mit den Eltern der kleinen Teilnehmer telefoniert und sich auf Zetteln am nächsten Morgen noch mal schriftlich bestätigen lassen: Mein Kind nimmt teil. Abgesprungen sei letzten Endes niemand. „Eine gute Entscheidung, wie ich finde“, sagt Reich. Für die Kinder sei die Fahrt das Highlight des Jahres, es seien Tränen geflossen bei der Aussicht, sie könne wieder abgesagt werden.

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Bildungsverwaltung: Schulen entscheiden eigenständig

Auch Schulleiter Frank Dieckmann ist erleichtert: Weil es für Südtirol keine Reisewarnung des Auswärtigen Amts gibt, wäre er bei einer Stornierung der Reise auf 80 Prozent der Kosten sitzen geblieben – fast 8000 Euro. Ob Klassenfahrten stattfinden oder nicht, entscheiden die Schulen laut der Bildungsverwaltung eigenständig. Orientieren sollen sie sich dabei an den Reisewarnungen. Dass es richtig ist, mit der Einwilligung der Eltern in den Schnee zu fahren, hat Dieckmann sich trotzdem vom Leiter der Schulaufsicht bestätigen lassen: „Herr Blume hat gesagt, wir hätten vorbildlich und völlig korrekt gehandelt.“

Außerordentliche Elternabende gab es dem Vernehmen nach auch vor der Skifahrt der 8. Klassen am Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf. Ziel: ebenfalls Südtirol. Stattgefunden hat sie trotzdem, wie vom Sekretariat zu erfahren ist. Am Freitagabend kommen die rund 150 Schüler zurück, bis auf zwei, die schon vorher von besorgten Eltern abgeholt worden waren. Man habe sich wegen der Rückreise mit dem Gesundheitsamt und dem Auswärtigen Amt abgesprochen, es gebe keinen Grund zur Sorge, heißt es aus der Schule.

Bitte tragen Sie die Informationen an die Schulen weiter und weisen Sie darauf hin, dass Panik und Hysterie dringend vermieden werden.

Christian Blume, Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Bildung, in einer Mail an die regionalen Schulaufsichten

Haben Berliner Eltern große Angst vor Corona? Der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Norman Heise, neigt nicht zu Hysterie. „Wir haben auch schon Schweinepest, Vogelpest und Rinderwahnsinn überlebt“, scherzt er. Sein Gremium hat bisher keine große Nervosität erreicht, nur eine „eher allgemein formulierte Anfrage“, so Heise.

Dass die Eltern gemeinsam beratschlagen und entscheiden, ob eine solche Klassenfahrt stattfinden soll oder nicht, findet er richtig. Wichtig sei aber, dass die Situation tagesaktuell bewertet werde. „Gegebenenfalls notwendige vorzeitige Rückholungen sollten organisatorisch geklärt sein“, sagt Heise.

Derzeit etwa 30 Schulgruppen mit Alpetours in Südtirol

Das sei der Fall, versichert Alpetour, der Reiseveranstalter der Tempelhofer Grundschule. Man stehe in ständigem Kontakt mit den Südtiroler Gesundheits- und Zivilschutzbehörden und allen Gruppen, die derzeit in Südtirol sind. „Wir behalten die Situation ständig im Auge. Wenn es kritisch wird, werden die Gruppen, die dort sind, in ihren Bussen sofort zurückgefahren und alle weiteren Reisen abgesagt.“ Derzeit, so ein Sprecher, seien etwa 30 Schulgruppen aus ganz Deutschland mit Alpetours in Südtirol. Wegen des Coronavirus abgesagt hätten zwei oder drei. Die Situation vor Ort sei jedoch entspannt.

Das bestätigen auch die Südtiroler Behörden: Der einzige bestätigte Ansteckungsfall in der Region liegt isoliert in einem Bozener Krankenhaus, Hunderte Kilometer entfernt von den Skigebieten, in denen sich die deutschen Klassen tummeln. Der Mann hatte sich in der Lombardei, einem der Risikogebiete, angesteckt. Er hat aber nur eine niedrige Viruslast und zeigt bislang keine Symptome.

Doch auch abseits von Schulfahrten müssen sich Berlins Schulen vorbereiten auf mögliche Infektionen von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Mitarbeitern. „Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland“, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Mittwochabend verkündet.

Um besonders die Situation an Schulen und Kitas, wo Kinder und Jugendliche auf besonders engem Raum und mit viel Körperkontakt versammelt sind, im Blick zu behalten, hat die Bildungsverwaltung von Sandra Scheeres (SPD) einen eigenen Krisenstab gegründet – zusätzlich zu dem bereits existierenden in der Gesundheitsverwaltung. Am Donnerstag tagte er zum ersten Mal.

Besondere Hygienemaßnahmen auf den Toiletten

Die ersten Ergebnisse: In den nächsten Tagen soll ein Schreiben der Staatssekretärin Beate Stoffers an die Bezirke herausgehen. Diese sollen darauf achten, dass die hygienischen Bedingungen an den Schulen die richtigen sind, um den Virus im Zweifel in Schach zu halten. Dazu sollten alle Toiletten mit genügend Seife und Desinfektionsmitteln ausgestattet werden. Das entspricht auch den Anweisungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Weil die ansteckende Infektionskrankheiten am häufigsten über die Hände übertragen werden, ist simples, gründliches Händewaschen eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen.

Quelle: BZgA

Auch die Anweisungen an Schulleiter und Leiter von Kindertagesstätten und allen anderen Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche betreut werden, sind präzisiert worden. Mögliche Verdachtsfälle seien sofort dem Gesundheitsamt zu melden – allerdings „nur, wenn der Verdacht sowohl durch das klinische Bild als auch durch einen wahrscheinlichen epidemiologischen Zusammenhang begründet ist“.

Im Klartext bedeutet das: nur, wenn die betroffene Person Symptome zeigt und Kontakt mit jemandem hatte, der infiziert ist. Oder wenn die betroffene Person Symptome hat und sich in einem Risikogebiet aufgehalten hat. Schülern, Lehrern oder Mitarbeitern, auf die das zutrifft, soll nach Anweisung der Senatsbildungsverwaltung   von der Leitung sofort der Zutritt zu der jeweiligen Einrichtung verwehrt werden. Unter welchen Umständen eine Schule geschlossen werden könnte, war am Donnerstag noch nicht klar.

Quelle: BZgA

Hotline der Bildungsverwaltung bei „Klärungsfall“

Weiterhin gilt laut Bildungsverwaltung aber auch die Anweisung, die Hotline der Gesundheitsverwaltung anzurufen, wenn es einen „Klärungsfall“ gibt. Ein solcher tritt ein, wenn ein Kind, Lehrer oder Mitarbeiter innerhalb der letzten 14 Tage in einem Risikogebiet war oder Kontakt zu einer Person im Risikogebiet oder zu einem bestätigten Fall hatte. Diese Anweisung schickte Abteilungsleiter Christian Blume bereits am Mittwochabend an die regionalen Außenstellen der Schulaufsicht, verbunden allerdings mit dem Hinweis, „Panik und Hysterie“ müssten dringend vermieden werden.

Vermieden werden soll wohl eine Situation, wie sie am Mittwoch an einem Gymnasium in Wien entstanden war: Weil eine Lehrerin nach einem Italienurlaub erkrankt war, durften 600 Schüler stundenlang die Schule nicht verlassen. Auch die umliegenden Straßen waren abgeriegelt. Ein paar Stunden später war klar: Die Lehrerin war nicht infiziert. Und die Wiener Behörden schieben sich nun gegenseitig die Verantwortung für den drastischen Schritt zu.