Das Coronavirus zeigt, dass der Großteil der Berliner Schulen in Sachen Digitalisierung noch nicht weit gekommen ist.
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BerlinSeit Freitag darf Markus Fuchs (Namen von der Redaktion geändert) sein Zuhause nicht mehr verlassen. Coronaverdacht. Der 18-Jährige steht unter Quarantäne – genau wie rund 20 weitere Schüler des Schulverbunds Grünauer Gemeinschaftsschule/Schule an der Dahme, die am Freitag von einer Kursfahrt nach Südtirol zurückgekehrt sind.

Zurückgekehrt in eine Stadt, in der sich mehr und mehr Schulen mit den immer gleichen Fragen beschäftigen: Bleiben die Klassenzimmer weiter offen? Und wenn nein, wie könnte der Unterricht anders organisiert werden?

Die Technik und Lehrkräfte sind nicht vorbereitet

Berlin hat eine sogenannte E-Learning-Plattform, mit denen ein virtueller Unterricht gestaltet werden kann. „Lernraum Berlin“ hat nun einen eigenen Coronavirus-Reiter, auf dem die Bildungsverwaltung ankündigt, in den nächsten Tagen „konkrete Lösungen“ anzubieten. „Kommunikation mit Schülerinnen und Schülern und deren Eltern bis hin zu Lösungen des Unterrichtens ohne Präsenz in der Schule“ werden versprochen.

Allerdings ist im Moment noch völlig unklar, wie viele Schulen bereits an das System angeschlossen sind. Oder ob diese Schulen den „Lernraum Berlin“ bereits aktiv nutzen, also routiniert genug sind, zum Beispiel per Livestream einen vernünftigen Unterricht zu organisieren.

An vielen Schulen fehlt es noch an der nötigen Technik für virtuellen Unterricht – und an Lehrkräften, die sie bedienen können.“ 

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses sieht genau dort das Problem: Einige Schulen seien in Sachen E-Learning „schon ganz gut unterwegs“, sagt Norman Heise, aber in der Breite sieht es seiner Ansicht nach schlecht aus. „An vielen Schulen fehlt es an der nötigen Technik“, sagt Heise. „Und an Lehrkräften, die sie bedienen können“.

Auch Markus Fuchs, der 18-Jährige in Quarantäne, hat „Lernraum Berlin“ noch nie verwendet. Bei ihm steht eine wichtige Mathe-Klausur an, er müsste lernen, doch bisher hat er nur ein paar Aufgaben bekommen – mit der Ansage: „Das haben wir behandelt, und auf den Seiten könnt ihr versuchen, das nachzuholen“. Dabei ist Mathe ein Fach, „in dem man eine Lehrkraft vor sich braucht. Da muss man sich was erklären lassen“, sagt der 18-Jährige.

Immer mehr Schulen schließen

Das Coronavirus treibt das Berliner Schulsystem schon jetzt an seine Grenzen. Dabei ist damit zu rechnen, dass es zu weiteren Schulschließungen kommen wird, dass mehr und mehr Schüler dezentral unterrichtet werden müssen.

Am Mittwoch bleibt die Zuckmayer-Sekundarschule in Neukölln geschlossen. Nach Auskunft der Senatsschulverwaltung muss dort geklärt werden, wie viele Kontaktpersonen eine infizierte Lehrkraft hatte. Ob die Schule am Donnerstag wieder öffnet, ist noch nicht klar. Und auch die SchuleEins, eine freie Schule in Pankow, hat es getroffen: Sie bleibt bis zum 23. März zu, weil sich eine Lehrkraft infiziert hat.

Die Emanuel-Lasker-Schule in Friedrichshain bleibt bis zum 16. März gesperrt, dort sind ein Lehrer und eine Schülerin mit dem Coronavirus infiziert. Beide haben sich auf einer Südtirol-Schulfahrt angesteckt. In häuslicher Isolation befinden sich außerdem rund 30 Grundschüler aus Tempelhof und rund 30 Oberstufler aus Lichtenberg und Treptow-Köpenick, die am Freitag der vergangenen Woche ebenfalls von Skifahrten aus Südtirol zurückgekommen waren. Zu ihnen zählt auch Markus Fuchs.

Es bleibt eine Einzelfallentscheidung

Flächendeckende Kita- und Schulschließungen wie in Italien zeichnen sich derzeit in Deutschland noch nicht ab – auch wenn einige Virologen genau solche Maßnahmen fordern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte wiederholt die Befürchtung, dass dann zu viele Menschen für die Betreuung der Kinder zu Hause bleiben müssten, die dann wieder im Gesundheitswesen fehlen würden.

Diese Position vertritt auch die Berliner Senatsschulverwaltung. Deswegen wird weiterhin je nach Einzelfall entschieden, ob die komplette Schule schließen muss, oder ob es reicht, einzelne Schüler und Lehrkräfte unter Quarantäne zu stellen.

So oder so rückt die Frage nach einer Neuorganisation des Unterrichtes in den Mittelpunkt der schulischen Corona-Diskussion. An der Tempelherren-Grundschule setzt Schulleiter Frank Dieckmann weiterhin auf einen eher analogen Unterricht.

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Die Abschlussprüfungen rücken immer näher

Er hat seine Lehrkräfte gebeten, Lernempfehlungen zusammenzustellen, die an die Eltern der unter Isolation stehenden 19 Südtirol-Heimkehrer geschickt werden. Der Schwerpunkt liege vorrangig auf Wiederholung und Festigung von bereits Gelerntem, so Dieckmann. E-Learning-Plattformen seien derzeit nicht seine „vorrangigen Überlegungen“. Bei „Lernraum Berlin“ sei die Tempelherren-Grundschule zwar angemeldet, aber inaktiv.

Andernorts drängt die Zeit wegen der nahenden Prüfungstermine. An der noch bis 16. März geschlossenen Emanuel-Lasker-Schule zum Beispiel stehen für verschiedene Jahrgänge bald die Abschlussprüfungen für die Berufsbildungsreife, den Mittleren Schulabschluss und auch das Abitur an. Man setze alles daran, dass „noch ausstehende Klausuren im 13. Jahrgang geschrieben und korrigiert werden können, um die Teilnahme am Abitur nicht zu gefährden“, heißt es auf der Homepage der Schule.

Markus Fuchs will unterdessen schnellstmöglich wieder zurück auf die Schulbank. Inzwischen hat er auch das Ergebnis seines Corona-Schnelltests. Negativ. Er hofft nun darauf, dass das Gesundheitsamt seine Isolation schon früher als am 23. März beendet, wenn er weiter symptomfrei bleibt. Damit es bald weitergehen kann mit Mathe.