Durch die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung der Schulen einen großen Schub erfahren. Aber nicht nur die Schulen selbst, auch die Menschen, die dort zusammenkommen, die Lehrer, Schüler und Eltern. Viele Berührungsängste in den Kollegien sind durch die Nöte der Lockdownsituation überwunden worden, selbst Lehrkräfte, die bisher nicht gerade als „digitalaffin“ galten, haben sich auf den Weg gemacht und auch gespürt, wie viel Potenzial die digitalen Arbeitsformen für das Lehren und Lernen entfalten können.

Damit dieser wichtige Prozess nicht abbricht, hat sich die Bildungsverwaltung etwas Gutes ausgedacht: Im Sommer 2021 startete sie den „Schulversuch hybrides Lernen und Lehren“. 18 Berliner Schulen waren dem allgemeinen Aufruf gefolgt, hatten Konzepte eingereicht und wurden in den Schulversuch aufgenommen, den die Bildungsverwaltung mit rund 800.000 Euro über einen Zeitraum von drei Jahren fördert.

Die Idee ist, dass die Schulen selbst mit digitalen Lernformen experimentieren, in diesem Prozess aber professionell begleitet werden. Da gibt es zum einen das learninglab aus Köln, das seit vielen Jahren Schulnetzwerke zur Schulentwicklung im digitalen Wandel unterstützt. Durch Schulbesuche, Coachings, durch die Vermittlung von Experten und vor allem dadurch, dass sie den Austausch der Berliner Akteure ermöglicht.

Und da gibt es zum anderen die Berliner Humboldt-Universität, die den Schulversuch mithilfe von Fragebögen und Interviews evaluiert – und zwar nicht nur am Ende, sondern kontinuierlich, damit die Ergebnisse die Art und Weise, wie die Schulen experimentieren, gleich beeinflussen können.

Anders als bei den Diskussionen um den Digitalpakt steht dabei nicht die technische Ausstattung im Vordergrund, sondern die didaktischen und pädagogischen Fragen: Wie können digitale Plattformen und Werkzeuge sinnvoll in die Lernprozesse von Schülern integriert werden? Was brauchen Lehrkräfte, um diese Lernprozesse wirksam zu begleiten? An welchen Orten kann gelernt werden?

Den Schulen wird die Möglichkeit gegeben, aus ihren Erfahrungen in der Corona-Zeit Schlüsse zu ziehen. Neben den Lernprozessen werden auch das professionelle Miteinander der Lehrkräfte sowie die Schulorganisation in den Blick genommen. Nicht zuletzt setzen sich die Schulen mit neuen Prüfungsformaten auseinander. Dabei haben sie im Rahmen des Schulversuchs auch die Möglichkeit, von den gültigen Rechtsvorschriften – zum Beispiel von Prüfungsordnungen – abzuweichen.

Digitales Lernen - Wenn Lehrer zu Perlentauchern im Netz werden

Am Mittwochnachmittag haben die beteiligten Berliner Schulen ihre Arbeitsergebnisse in einem Online-Barcamp präsentiert. Ein Barcamp ist eine offene Tagung mit offenen Workshops, die von den „Teilgebern“ zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden – in bewusster Abgrenzung zur klassischen Konferenz, wo die Abläufe vorher stärker festgelegt sind.

Neben Vertretern der 18 Schulen, die am Schulversuch teilnehmen, gab es auch noch Schulleiter und Lehrkräfte von anderen Schulen, die zuhörten, ihre Ideen und Probleme zur Diskussion stellten. Und das ist ja auch der Sinn der Sache: dass eine Gemeinschaft von Interessierten entsteht, die sich gemeinsam auf die Reise macht – von Holzwegen berichtet und von erfolgreichen Modellen, die von anderen nachgeahmt werden können.

Anthanasios Vassiliou vom Gymnasium Steglitz erzählte, wie das Gymnasium in den Randstunden den Schülern erlaube, zu Hause zu lernen. Er traf sich in seinem Erkenntnisinteresse mit Peter Lang von den freien Kant-Schulen, der findet, dass der schulische Ganztag nicht durchgehend im Inneren der Schule organisiert werden sollte. In seiner Session sprachen mehrere Schulleiter darüber, dass man sich bei der Suche nach guten digitalen Unterrichtsmaterialien manchmal so wie ein „Perlentaucher“ fühle. Sie stellten sich die Frage, wie man die gefundenen Materialien dann sicher und für alle sichtbar digital ablegen könne.

Darauf gab Nico Wirtz Antworten, der seit vielen Jahren die digitale Schulentwicklung am John-Lennon-Gymnasium voranbringt. Er sprach darüber, wie man schulinterne OERs und Curricula auf der Lernplattform speichern kann. OER ist die Abkürzung für Open Educational Ressources, das sind kostenlose digitale Lernmaterialien  – wie Youtube-Videos oder selbst hergestellte Arbeitsblätter. Für sein Kollegium hat er einen Weg gefunden, wie jeder Fachbereich besonders gute Materialien kuratieren und auf der Lernplattform ablegen kann, sodass jeder Lehrer sie mit einem Click kopieren und für seine eigene Stundenvorbereitung nutzen und anpassen kann.

„Früher gab es da vielleicht einen schweren Leitzordner und einen armen Referendar, der entmutigt war angesichts der Dichte der Informationen. Das ist jetzt viel besser. Aber das setzt natürlich ein aufgeschlossenes Kollegium voraus und zwei, drei Jahre kontinuierliche Arbeit. So viel Zeit braucht man schon, bis alle Lehrkräfte an dem Punkt sind, dass sie sich die Zustände von früher auf keinen Fall zurückwünschen.“