BerlinHomeschooling ist derzeit die einzige Form des Unterrichts. Wir haben eine Lehrerin aus einer Sekundarschule aus Hohenschönhausen gesprochen, die anonym bleiben möchte, um freier sprechen zu können. Es geht vor allem um die Probleme an Schulen, in denen nicht alle Schüler aus sozial starken Familien kommen und wo nicht alle mit ausreichend Laptops ausgestattet sind. Es geht um die Realität des Digitalunterrichts mit mangelnder technischer Ausstattung. Hier nun das Protokoll der Lehrerin:

Vor Corona hatten wir nie Onlineunterricht. Das war ja damals gar nicht nötig und technisch auch gar nicht möglich. Aber leider hat sich bislang an den technischen Voraussetzungen auch nicht allzu viel geändert, obwohl wir doch alle fast nur noch über das Internet mit unseren Schülern Kontakt halten können. Es ist wirklich eine harte Zeit. Für uns Lehrer, aber vor allem für die Schüler.

Ich bin 38 Jahre alt und stehe seit zehn Jahren vor Schulklassen, erst in Wilmersdorf, nun in einer Sekundarschule in Hohenschönhausen mit mehr als 400 Schülern. Ich unterrichte in den Klassen 7 bis 10 die Fächer Mathe, Sport und Geschichte.

Durch die neue Form des Lehrens hat sich die Arbeitszeit deutlich geändert. Ich versuche, alle meine Klassen online zu treffen, ich kontrolliere Hausaufgaben und bin auch online für Nachfragen der Schüler da. Ich habe das Gefühl, die ganze Zeit im Arbeitsmodus zu sein, und bin von 9 bis 18 Uhr verfügbar. Dadurch habe ich weniger Zeit für die Familien, die eigenen zwei Kinder.

Das Hauptproblem ist die technische Ausstattung in unserer Schule. Es gibt Kollegen, die schon vor Corona angefangen haben, alles vorzubereiten, damit wir vom Digitalpakt des Senats profitieren können. Aber bislang hatten wir in der Schule kein Internet, nur in den PC-Räumen und im Lehrerzimmer – aber nicht in den Klassenräumen. Das wäre die Voraussetzung, um von der Schule aus Digitalunterricht machen zu können. So muss ich zu Hause arbeiten.

Das klingt für Laien vielleicht unproblematisch, ist es aber nicht. In der Schule wäre eine Tafel da oder ein Smartboard. Dort könnte ich den Unterrichtstoff besser erklären. Zu Hause am Laptop muss ich meinen Bildschirm teilen oder ich kann den Stoff mit Gegenständen und Händen erklären. Ich kann also nicht so agieren wie im klassischen Unterricht. Zum Nachteil der Schüler.

Homeschooling - 

Eine Chance, die Schulen in die Zukunft zu katapultieren. Wie geht es mit der Digitalisierung voran? Wo bleibt die neue Lernkultur? Wie läuft es zu Hause? Eine Serie der Berliner Zeitung

Dazu kommen noch andere Probleme: Im ersten Lockdown haben viele Lehrer Unterricht über die Plattform Zoom gemacht. Sie wollten einfach den Kontakt zu ihren Schülern halten. Dann hieß es: Das dürft ihr nicht – wegen des Datenschutzes. Das war nicht gerade motivierend.

Auch die Ausstattung mit Computern und Laptops ist in unserer Schule sehr schwach. Anfangs, als Corona losging und im ersten Lockdown von der Politik die großen Versprechungen kamen, dachten wir natürlich, dass alles viel schneller geht mit dem Weg in die neue Zeit. Es wurde versprochen, dass alle Lehrer einen Laptop bekommen. Unsere Schule hat auch einiges bekommen, aber es ist ein sehr langwieriger Prozess. Derzeit haben vielleicht zehn von 60 Lehrern ein Dienstgerät. Ich arbeite mit meinem Laptop, hatte auch schon vor Corona eine eigene dienstliche Mailadresse. Aber ich kenne viele Kolleginnen, die fangen erst jetzt damit an.

Auch Schüler sollten Laptops oder Tablets bekommen, aber da kam noch nichts. Ohne die Technik ist die Arbeit richtig schwierig. Denn wir haben ein sehr unterschiedliches Schülerklientel: Wir sind nun mal ein Bezirk, wo nicht alle Eltern aus sozial starken Verhältnissen kommen. Etliche Eltern kümmern sich nicht, lassen die Kinder allein. Das ist bestimmt ein Fünftel der Schülerschaft. Es gibt Schüler, die auch vor Corona keinen Bock hatten. Die haben sich dann nicht auf den Plattformen angemeldet, sind nicht im Online-Unterricht dabei, reagieren nicht auf Briefe, nicht auf Anrufe. Als nach dem ersten Lockdown und vor dem zweiten eine Weile lang Präsenzunterricht war, kamen einige von denen immer mal wieder. Aber jetzt sind viele wieder ganz weg. Bei mir sind teilweise etwa 50 Prozent nicht dabei, bei anderen Fächern sind aber mitunter fast alle da.

Und immer ist die Technik das Problem. Ein Bespiel: In einer großen Klasse mit 26 Schülern können nicht alle ihre Kamera im Unterricht anlassen, weil sonst die Verbindung zu schlecht ist oder zusammenbricht. Also bitte ich die Schüler, die Kameras nach der Begrüßung auszuschalten. Ich mache dann den Unterricht, rede oder schreibe über die Tastatur auch Antworten auf Zwischenfragen, aber ich sehe nicht, was die Schüler machen. Ich weiß nicht, ob sie noch da sind oder Tee trinken. Also frage ich dann: „Na Jan, was sagst du dazu?“

Natürlich ist auch die Kontrolle schwierig. Einige Kollegen wollen nun Klassenarbeiten digital schreiben, aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll. Selbst bei Hausaufgaben, die sie mir vorbeibringen, weiß ich nicht, ob sie die allein gemacht haben. Ich ahne nur, was los ist, wenn ein Fehler bei mehreren auftaucht.

Aber natürlich ist Digitalunterricht besser als gar kein Unterricht. Die Schüler nehmen etwas mit, aber es ist keine echte Alternative, sondern das notwendige Mittel, um überhaupt Unterricht zu machen. Aber ich habe viel Hoffnung, weil nun immer mehr neue junge Kolleginnen in die Schulen kommen. Die sind es gewöhnt, in der digitalen Welt präsent zu sein, für sie ist es selbstverständlich. Dadurch kann sich nach Corona viel ändern. Doch wie stark die digitale Reform der Schule wird, hängt auch davon ab, wie viel Geld die Politik für die neue technische Ausstattung unserer Schulen bereitstellt.

Und die Arbeit macht weiterhin Spaß, denn wir merken, dass es viele Schüler gibt, die sich wirklich freuen, wenn sie zu unserer Beratung in die Schule kommen. Viele waren nach dem ersten Lockdown richtig glücklich, mal wieder im echten Unterricht zu sein.

Protokolliert von Jens Blankennagel.

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