Leeres Vogelnest. 
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Berlin-SchönebergAn ihren Umrissen erkennt man sie noch, die Wohnung der einst fünfköpfigen Familie. Nachdem ihre drei Töchter ausgezogen waren, hat die Berliner Autorin Adelheid Müller-Lissner die Kinderzimmer in Arbeits- und Gästezimmer verwandelt.

Frau Müller-Lissner, Sie haben mit Eltern über die Lebensphase nach dem Ausziehen der Kinder gesprochen. Dabei haben Sie in viele „leere Nester“ geschaut. Was ist Ihnen aufgefallen?

Oft gibt es das „Umnutzen“ eines früheren Kinderzimmers zu einem „Zimmer für sich allein“, das man als Mutter vorher nie beansprucht hatte. Aber Eltern gehen sehr unterschiedlich mit den leeren Zimmern um. Einige räumen ganz schnell um, andere wollen das „gelebte Leben“ in dem verlassenen Zimmer noch spüren und ändern erst einmal nichts.

Bedeutet der Auszug der Kinder, vor allem des letzten Kindes, denn immer eine Krise?

Es ist ein bedeutsamer Übergang im Leben, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte, ohne ihn zu pathologisieren wie im Amerika der 1970er-Jahre, als der Begriff „Empty Nest Syndrome“ von der Pharmaindustrie kräftig gepusht wurde. Damals hatte man die noch relativ jungen Mütter vor Augen, die keinerlei berufliche Ausbildung hatten und plötzlich ohne ihre Lebensaufgabe dastanden. Wenig überraschend, dass sie dann oft in eine Identitätskrise stürzten. Der „leeren Frau“, wie eine Psychologin sie im Jahr 1977 provozierend nannte, sollten dann „mother’s little helpers“ in Form von Psychopharmaka und Antidepressiva helfen. Aber das ist ja nicht mehr unsere heutige Situation.

Wobei das alte westdeutsche Modell der Hausfrau ja noch fortlebt. Mütter mit erwachsenen Kindern, die keine Erwerbstätigkeit mehr aufnehmen können oder wollen … Ich kenne es von meiner eigenen Mutter, wie war das bei Ihnen?

Meine Mutter hat Medizin studiert, nicht unbedingt typisch für eine Frau, die 1923 geboren ist. Sie hatte fünf Kinder und keine Möglichkeit, ihren Beruf auszuüben. Für mich als Tochter gab es beim Blick auf sie durchaus ein Bedauern, und das klare Gefühl: So möchte ich das nicht haben. Als Kind fand ich diese Situation aber normal, jemand musste ja auf uns aufpassen. Und kaum war das letzte Kind aus dem Haus, kam schon das erste Enkelkind. Für die kinderreichen Frauen früherer Generationen war die Empty-Nest-Phase nur kurz.

Was ja heute anders ist …

Geradezu gegensätzlich! Noch nie war für die zurückbleibenden Eltern die Empty-Nest-Phase so lang wie heute – was einerseits mit der höheren Lebenserwartung zu tun hat, aber auch damit, dass die Enkel oft spät kommen, wenn überhaupt. Als Frau meiner Generation kann ich sagen, dass ich in meiner eigenen Lebenszeit eine enorme Entwicklung in Sachen weiblicher Verselbstständigung erlebt habe; ein Fortschritt, der mich als Mutter dreier Töchter und Großmutter von vier Enkelinnen ganz glücklich macht.

Für Ihr Buch haben Sie mit vielen Elternpaaren gesprochen, haben sich aber auch an Experten gewandt: an Psychologen, Paartherapeuten, Philosophen und sogar an eine Vogelkundlerin. Warum war es Ihnen wichtig, ein vielstimmiges Buch zu schreiben?

Viele Mütter und Väter fragen sich, was sie nach dem Ende der Famillienphase mit sich anfangen sollen? Und obwohl heute deutlich mehr Mütter berufstätig sind als in den 70er-Jahren, ist das immer noch ein kritischer Moment. Deshalb wollte ich meine eigenen Erfahrungen weitergeben, die Erfahrungen anderer Eltern und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Nachdenken anregen – zum Beispiel über die Frage, was Elternliebe eigentlich ausmacht.

Laut einer Shell-Studie ist die Harmonie zwischen Eltern und ihren jugendlichen Kindern heute sehr hoch: 90 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern zu haben. Neigen unsere zufriedenen Kinder – gegenüber Kindern anderer Generationen – eher zum Nesthocken?

Nein, oft ist der Auszug durch Ausbildungswünsche vorgegeben; sie müssen den Ort wechseln. Und oft erstreckt sich das Verlassen des Elternhauses über einen längeren Zeitraum. Nach einem Auslandsjahr ziehen die Kinder kurzzeitig wieder ein, bevor sie das Studium am neuen Ort fortsetzen. In diesen Phasen übt man das Ohne-einander-sein schon ein.

Haben Sie denn nur trauernde Eltern erlebt? Oder gibt es auch Familien, in denen beide Seiten aufatmen?

Ja, es gibt auch Eltern, die über die zurückgewonnene Freiheit triumphieren. Aber die meisten vermissen ihre Kinder und trauern um die ganz besondere Farbe, die sie in ihr Leben gebracht haben, trauern um die Vitalität und den „Jungbrunnen der Auseinandersetzung“. Da entsteht eine Lücke, die sich auch mit neuen Ehrenämtern, mehr Arbeit und weiten Reisen nicht füllen lässt. Diese Qualität ist unersetzlich, aber tröstlich vielleicht die Einsicht, dass man sich ja nicht vom Kind trennt, sondern nur von der Selbstverständlichkeit der gemeinsam verbrachten Zeit.

Ist die Ablösung heute nicht mehr so kämpferisch wie früher?

Ja, die Ablösung verläuft in der Regel harmonischer, trotzdem sollten Eltern nicht so tun, als seien sie die Freunde ihrer Kinder. Zwischen Eltern und Kindern gibt es ein Gefälle an Erfahrung und Entscheidungsmacht, und das ist auch gut so.

Foto: privat
Zur Autorin: Adelheid Müller-Lissner

ist 1952 geboren und promovierte über Jean-Paul Sartre. Sie ist Wissenschaftsjournalistin und schreibt Bücher über das Leben mit Kindern, die Zeit der Ablösung, Großelternschaft, das Verhältnis zwischen den Generationen. Sie hat drei Töchter, sechs Enkel und lebt mit ihrem Mann in Berlin-Schöneberg. 

Sie schreiben darüber, wie unterschiedlich Väter und Mütter den Auszug der Kinder erleben.

In Familien, wo die Kinder gerade „flügge“ werden, läuft die Kommunikation mit den Kindern oft stärker über die Mütter. Die Mütter sind zwar betrübter über den Weggang der Kinder, doch zugleich mehr darauf vorbereitet. Die Väter werden oft davon überrascht; sie trauern stiller und sind ungeübt, den Kontakt mit den fernen Kindern zu halten.

Halten sich die alten Rollenmuster also doch hartnäckiger als man meint?

Der Generationenwechsel kommt! Bei den jungen Vätern von Kindern, die jetzt in der Kita oder Grundschule sind, sieht man ja, dass sie sich die Familienarbeit mit ihren Partnerinnen gerechter teilen. In manchen Familien sind die Mütter sogar die Hauptverdienerinnen, und die Väter leisten den Löwenanteil der Familienarbeit. Ein großer Fortschritt, der aber den Nachteil des permanenten Verhandelns hat. Bei den alten Modellen führte das Nicht-Verhandeln oft zu falscher Harmonie. Aber auch dieses neue Miteinander-Leben im Verhandlungsmodus will gelernt werden. Wie die jungen Väter von heute sich später von ihren Kindern trennen – darauf bin ich gespannt!

Wie stark hängen Veränderungen der Rollen von gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ab?

Sehr stark. Dass die Elternzeit 2007 neu geregelt wurde und sich seitdem beide Eltern beteiligen müssen, wenn man die maximalen 14 Monate ausschöpfen will, hat großen Einfluss auf die Planung in jungen Familien, ebenso das Recht auf einen Kitaplatz für Kleinkinder.

Wenn das Ende der Familienzeit kommt, müssen die Eltern sich als Paar wieder finden …

Der Auszug des jüngsten Kindes konfrontiert das Paar mit dem eigenen Älterwerden und einer Zweisamkeit, die man vielleicht vor 20 Jahren zuletzt erlebt hat. Wie soll man daran anknüpfen? Es gibt hier eine überraschende Zahl, nämlich dass späte Scheidungen – Paare, die sich nach 25 Ehejahren oder mehr trennen – markant zugenommen haben, und dass um den Auszug der Kinder herum die Kurve noch einmal drastisch ansteigt. Manche Paare leben sich in der langen Familienphase auseinander, andere schaffen es, als Paar in Verbindung zu bleiben – und gehen, kaum sind die Kinder weg, auf eine abenteuerliche Reise zu zweit.

In Berlin ist jede dritte Familie eine Ein-Eltern-Familie. Wie wird dort der Weggang des Kindes erlebt?

Eine Mutter, die ihren Sohn allein großgezogen hat, seufzte: „Niemand hat mich darauf vorbereitet, dass er eines Tages weggehen würde. Wie soll das jetzt gehen?“ Meine vorsichtige Vermutung ist, dass Alleinerziehende es in diesem Lebensmoment schwerer haben könnten. Andererseits sind sie vielleicht reflektierter, mussten sie doch üben, besondere Lösungen zu finden, die kein gesellschaftlicher Standard ihnen vorgibt.

An einer Stelle in Ihrem Buch sprechen Sie von der „Leere auf dem Gipfel“, die man als Eltern nach 18, 20 Jahren Begleitung der Kinder durchaus erleben kann. Was hilft auf dem Gipfel, was tröstet?

Eine internationale Studie, die Daten von 55.000 Menschen über 50 auswertete, ergab eine höhere Lebenszufriedenheit von Eltern gegenüber Kinderlosen. Wenn die akute Phase des Ausziehens vorüber ist, sind viele Eltern glücklich über die besondere Beziehung zu ihren Kindern und  darüber, dass sie eine anspruchsvolle Arbeit gut zu Ende geführt zu haben.


Adelheid Müller-Lissner: „Empty Nest. Wenn die Kinder ausziehen“. CH.-Links-Verlag 2020. 205 Seiten, 18 Euro