Berlin - Björn Nölte ist ein begeisterter Lehrer und als Schulrat angetreten, um die Prüfungskultur in Deutschland zu revolutionieren. Wir sprechen mit ihm über Vertrauen in die Schüler, Kontrolle und Kreativität in Online-Prüfungen und darüber, was das für das Abitur 2021 bedeutet.

Herr Nölte, Sie arbeiten in der Schulaufsicht der evangelischen Schulstiftung in Berlin und Brandenburg. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Als Schulrat sind wir Ansprechpartner für die Schulen. Ich bin dabei unter anderem für die inhaltliche Seite der Digitalisierung aller 32 Schulen zuständig. Es gibt also genug zu tun! Wir machen beispielsweise mit unseren Lehrkräften derzeit eine Fortbildung im Bereich digitales Lernen.

Sie müssen Schulen also nicht nur beaufsichtigen, sondern können auch Impulse setzen für Innovation. Was waren die wichtigsten Themen in ihren letzten Sitzungen?

Die Frage, wie man im Lockdown Klausuren schreiben und prüfen kann, treibt die Lehrerinnen und Lehrer gerade um.

Das Thema alternative Leistungsbewertung ist ja gerade hochaktuell. Welche Formen gibt es da?

Man kann sogenannte Open-Book-Klausuren schreiben. Schüler dürfen dabei mit allen erdenklichen Hilfsmitteln arbeiten, in ihre Bücher und Hefte schauen, eventuell sogar Informationen googeln. Es soll nämlich nicht nur Wissen abgefragt, sondern eine weiterführende Interpretation auf Basis dieses Wissens geleistet werden. In Nordrhein-Westfalen ist es auch schon erlaubt, dass die Schüler statt einer Klassenarbeit ein digitales Produkt abliefern, zum Beispiel ein Podcast oder ein Video. Die Vielfalt an medialen Möglichkeiten ist dabei enorm.

Es gibt aber auch die Möglichkeit des Proctorings, der Überwachung der Schüler durch Video beim Schreiben der Klausuren zu Hause. In den USA wird das an vielen Unis bereits praktiziert. Zurzeit werden Methoden entwickelt, die durch diverse Kameras bei einer Heimprüfung die akademische Integrität sichern.

Davon halte ich gar nichts. Diese Maßnahmen sind leicht hintergehbar und man bringt die Schüler nicht durch Überwachung zu guten Leistungen, sondern durch Vertrauen. Eine sinnvolle Form der Aufgabenstellung ist da vielversprechender als der verzweifelte Versuch, diese analogen Prüfungsformen ins Digitale zu retten.

Ist diese Prüfungskultur unzeitgemäß?

Der Fokus unserer Prüfungskultur ist zu sehr auf die Selektion ausgelegt und zu wenig auf Selbstreflexion. Ich habe bei meinen Schülern vor Jahren die Methode des formative Assessment eingeführt, das bedeutet: Die Schüler bekommen während einer Aufgabe permanentes Feedback und nicht nur zum Schluss eine Zensur. Sie kriegen ein halbes Jahr Zeit, um die Schlüsselszene eines Fontane-Romans zu analysieren. Dabei bekommen sie immer wieder Rückmeldungen zum Arbeitsfortschritt von mir. Der Fokus liegt hier also auf dem Lernprozess und nicht auf dem Ergebnis, so wie beim summative Assessment, das an unseren Schulen üblich ist.

Björn Nölte

ist heute Referent in der Schulaufsicht der Evangelischen Schulstiftung der EKBO. Zuvor war er selbst Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik, war in der Lehrerausbildung tätig und Oberstufenkoordinator in Potsdam. Heute setzt er sich auf vielen Kanälen im Netz und in seinem Amt für eine digitale Lern- und Prüfungskultur ein. Er ist Mitglied im Institut für zeitgemäße Prüfungskultur. 

Bleiben wir mal beim Fontane-Roman-Beispiel: Sie geben da dann immer wieder Feedback. Aber wie sieht dann die Endprüfung aus?

Alle kriegen eine Note mit einer Eins vor dem Komma. Es wird mit unterstützendem Feedback so lange von den Schülern an der Aufgabe gearbeitet, bis sie diese erreichen. Sollten sie es wider Erwarten tatsächlich nicht schaffen, bekommen sie die entsprechende Note.

Und diese Eins zählt dann auch in den Durchschnitt hinein?

Ja. Es wird auch noch eine Klausur geschrieben, auf die mit der Langzeitaufgabe hingearbeitet wird. Da kommt dann zum Beispiel eine andere Stelle aus dem Fontane-Roman dran. Das ist wirklich eine Lernform, die leicht zu etablieren ist, und sie ist sehr erfolgreich. Bei meinen Schülern haben sich Klausurnoten schlagartig verbessert.

Können Sie weitere Beispiele für neue Prüfungsformate nennen?

Ein schönes Beispiel sind die fingierten Zeitzeugen. Die Schüler schlüpfen für ein ganzes Halbjahr im Geschichtsunterricht in eine Rolle aus der jeweiligen Epoche, zum Beispiel in die eines jüdischen Kindes während des Nationalsozialismus. Parallel zum normalen Geschichtsunterricht beschreiben sie die Geschehnisse stets aus der Perspektive ihrer Rolle.  So haben sie einen ganz anderen Einblick in die Geschichte. Auch müssen sie mit anderen Schülern in ihren Rollen interagieren. Und so tritt dann das Kind jüdischer Eltern mit dem Sohn eines Wehrmachtsoffiziers in Kontakt. So lernen die Schüler nicht historische Einzelereignisse, sondern verstehen Geschichte als Prozess und blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf sie.

Was ist da dann das Endprodukt?

Ein digitales Tagebuch eines historischen Charakters, das angereichert wird mit Audiodateien, Videos und Fotos. Dieses bewerte ich einmal zur Mitte des Halbjahres und einmal am Ende.

Sie haben einen YouTube-Kanal, auf dem Sie die Videoreihe „digital statt digitalisieren“ hochladen. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Ich glaube, es wäre verkehrt, die analoge Schule einfach ins Digitale zu übertragen, sie also zu digitalisieren. Es reicht nicht, Lückentexte einfach am Laptop ausfüllen zu lassen. Man muss stattdessen versuchen, die spezifischen digitalen Möglichkeiten so zu nutzen, dass sie den Schülern und ihren Interessen wirklich zugutekommen.

Die Realität an vielen Berliner Schulen ist aber, dass die allermeisten Schulen nicht mit Breitband angebunden sind, ein großer Lehrermangel herrscht und viele Kinder mit gewaltigen Wissenslücken aus der Grundschule kommen. Da sind solche Formate schwer vorstellbar, oder?

Es muss von Schule zu Schule bewertet werden, wie der Unterricht stattfinden kann. Man muss individuell entscheiden, was mit der Lerngruppe möglich ist. Zur Not geht man den Weg zu einer digitalen Lernkultur sehr kleinschrittig, aber in die Richtung sollte es schon gehen.

Die Diskussionen um das Abitur werden gerade immer heftiger. Auch um neue Prüfungsformate geht es dabei immer wieder. Denken Sie, dass die schon in diesem Jahr eingeführt werden könnten?

Unwahrscheinlich. Es sind ja bereits Vorkehrungen getroffen worden, um die üblichen Klausuren zu ermöglichen. Eine Änderung so wichtiger Prüfungen muss mit der Zeit wachsen und verbunden sein mit einem Wechsel in der Lernkultur. Im Moment hat das Abitur in Deutschland noch eine wichtige Selektions- und Verteilungsfunktion. Dem müssen wir auch in diesem Jahr Rechnung tragen. Doch in der Zukunft wäre es wünschenswert, dass die Universitäten ihre Studenten durch Eingangsprüfungen auswählen. Damit das Abitur nicht mehr so stark über den Weg entscheidet, den die jungen Menschen gehen können.