Hier in Lederjacke und Sonnenbrille: die Schwiegermutter. 
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BerlinWir alle kennen sie, haben sie, hatten sie, werden sie haben: die Schwiegermutter. Die Mutter unseres Mannes, Freundes und Geliebten. Ich selbst werde eine Schwiegermutter sein, und ich hatte eine.

Mir begegnet sie fast täglich in meiner Arbeit, bei Besuchen im Kreißsaal – und immer wieder in den Köpfen der Frauen. Dort hat sich auch das unter Hebammen berüchtigte Schwiegermutter-Syndrom festgesetzt. Syndrome können alles oder nichts sein, hier ist es meist ein handfester Milchstau, der beginnt, wenn die Schwiegermutter sich mit einer Visite ankündigt. Beim Besuch der jungen Eltern werde ich von ihr schon an der Tür mit wichtigen Hinweisen zum Stillen und zur Pflege des Säuglings empfangen. Meine Kompetenz sinkt rapide, wenn ich selbst noch keine Kinder habe oder meine zehnjährige Berufserfahrung für den Enkel nicht wirklich ausreichend scheint.

Meinen Beratungshinweisen wird aufmerksam zugehört, auch wenn aus Blicken und Körpersprache Argwohn und Ungläubigkeit spricht: Ach ja, das mit dem Stillen, das hat ja auch in unserer Familie nie geklappt. Das Kind muss ja auch nicht bei jedem Pieps an die Brust. Wenn es im Bett der Eltern schläft, ja dann bekommt man es nie wieder raus. Als wenn das Sexualleben des Paares für die Schwiegermutter die oberste Priorität hätte. Innerlich wette ich mit mir selbst, wann die „Ach, wie war das früher, als es all diese tollen Haushaltserleichterungen nicht gab und man auch zick-zack wieder arbeiten gegangen ist“-Keule kommt. Ein Schwiegermutter-Bullshit-Bingo an dieser Stelle würde leider den Rahmen sprengen.

In den vielen Jahren hat sich die Welt von Schwangerschaft, Geburt und der Zeit mit dem Baby aber um ein Vielfaches gedreht. Die Dinge haben sich verändert. Die gesellschaftliche Akzeptanz, was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau betrifft, entsprechen schon lange nicht mehr der Situation, in der die eigenen Kinder groß geworden sind. Auch wenn ich selbst mir da noch viel größere Umstürze in den Köpfen der Paare wünschen würde.  

Die Großfamilie des Dorfes gibt es nun mal nicht mehr, und die jungen Eltern sind meist allein, ohne Unterstützung der Familie, und die Großeltern in einem schon fortgeschrittenen Alter.

Gut, die Schwiegermutter selbst hat den Sohn auch großgezogen, ohne das ganze Drumherum. Windeln wurden noch gekocht, es wurde mit Kohle geheizt, und der Mann musste nicht ein ganzes Jahrhundert zu Hause bleiben. Sie ist auch klargekommen. Gearbeitet wurde erst wieder, wenn das Kind im Kindergartenalter war. Was für eine Instanz! Gewiss, aber wenn sie jetzt nach Berlin kommt, dann solle sie sich doch für ihre Mühe belohnen und endlich auch mal in die Oper oder in eine Ausstellung gehen.

Selten treffe ich auf Schwiegermütter, die voller Interesse dem neuen Elternsein zusehen, sich freuen, dass die jungen Mütter solche tollen Möglichkeiten haben. Mit dieser Unterstützung beim Stillen hätte es sicher auch bei ihr geklappt, und der Fluch des Nichtstillens wäre längst von der Familie gebannt gewesen. Freudig besucht sie auch den Vorbereitungskurs für Großeltern, um sich auf das neue Drumherum einzustellen. Es wird gekocht, und meine Blicke in die Kochtöpfe der Wöchnerin entdecken kräftigende Wöchnerinnen-Kost.

Ich selbst hatte auch einen kleinen, aber heftigen Kampf mit meiner aus dem Süden Deutschlands angereisten Schwiegermutter. Sie nahm das frisch geborene Baby vom Lammfell und legte eine Decke unter das Kind - denn das wäre ja schon sehr unhygienisch. Das Spiel spielten wir zwei Tage, und dann platzte mir der Kragen. Unseren kleinen Disput konnten wir dann viel später bei einem zünftigen Trollinger ausräumen.

Und dann wuchs meine Tochter mit einer Großmutter auf, von der sie kochen und backen lernte, mit der sie im Schwimmbad Unsinn und die ersten Ski-Erfahrungen machte. Noch heute bin ich ihr dankbar für diese Zeit, die sie meiner Tochter gab und feiere die Schwiegermutter, die wir alle einmal sind.