Ab 10. August gilt eine Maskenpflicht an allen Berliner Schulen. 
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BerlinIn drei Tagen geht in Berlin die Schule wieder los und es herrscht über zwei Punkte Einigkeit. Erstens: Allen ist mulmig vor dem neuen Corona-Schuljahr. Zweitens: Die Vorbereitungen hätten deutlich besser sein können. 

Viel ist zu sagen über das Fehlen einer digitalen Infrastruktur, die für den Fernunterricht, auf den viele Schüler unweigerlich bald wieder angewiesen sein werden, nötig wäre. Über fehlende Fensterknäufe in den Klassenzimmern, die regelmäßiges Lüften – das neue Händewaschen! – unmöglich machen. Über „Rahmenhandlungskonzepte“ und „Musterhygienepläne“, die erst Mitte dieser Woche in den Schulen ankamen – als hätte der Termin für den ersten Schultag die Senatsschulverwaltung überrascht.

Das alles ist rätselhaft und sehr ärgerlich, denn das neue Schuljahr wäre schon unter Top-Bedingungen schwierig genug geworden. Deshalb müssen Schüler, Familien und pädagogische Kräfte jetzt zusammenrücken – zumindest so eng, wie das Coronavirus es erlaubt. Nicht nur, weil die Zivilgesellschaft einspringen muss, wenn die Politik hinterherhinkt. Sondern weil das Risiko einer Infektion selbst dann nicht verschwunden wäre, wenn in jedem vollautomatisch belüfteten Klassenraum nur acht Menschen säßen, die außerhalb ihrer Lerngruppe keiner Menschenseele begegneten. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat zum Schuljahresbeginn viele nötige Sätze nicht gesagt. Aber einer war goldrichtig: „Es ist wichtig, in den nächsten Monaten achtsam miteinander umzugehen.“

Rücksicht nehmen müssen Schülerinnen und Schüler, indem sie in den Gängen ihre Masken aufsetzen, obwohl eine Coronavirus-Infektion sie mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger schwer treffen würde als ihre erwachsenen Lehrkräfte und Erzieherinnen.

Rücksicht nehmen müssen Eltern, wenn es doch zu Infektionsfällen kommt. Es darf nicht mehr passieren, dass Kinder oder ganze Familien von den anderen behandelt werden wie Aussätzige, weil sie die Infektion angeblich in die Schule „eingeschleppt“ haben. Auch das pädagogische Personal verdient Nachsicht: Neben allem, was ab Montag an zusätzlichen Erziehungsaufgaben und Unterrichtsvorbereitungen auf sie zukommt, dürfen Lehrerinnen und Erzieher nun auch noch Pandemie-Spitzel spielen.

Das Thema wäre ein weniger dringendes gewesen, wenn Bund und Land sich früher als drei Tage vor Schulbeginn zu einer Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten durchgerungen hätten. Doch jetzt ist es zu spät: Berlinweit haben Schulleiter ihr Kollegium gebeten, sich die Antworten ihrer Schützlinge auf die sonst harmlose Frage „Was hast du in den Ferien gemacht?“ ganz genau anzuhören. Sind sie erst vor wenigen Tagen aus dem Spanien-Urlaub zurückgekehrt? Haben sie noch vergangene Woche bei der Familie in der Türkei verbracht? Wurden sie negativ getestet oder gehören sie eigentlich noch in Quarantäne? Hier müssen wiederum Lehrer, Erzieher und Schulleitungen behutsam vorgehen: Einerseits gilt es zu verhindern, dass die Schulgemeinschaft zum Cluster-Infektionsherd wird. Andererseits darf auch das Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen und ihren Familien nicht zerstört werden.

Rücksicht nehmen können neben den Lehrkräften außerdem auch Schulleitungen, indem sie einer idiotischen Vorgabe der Senatsschulverwaltung nicht Folge leisten: Quarantänetage, die zu Schulbeginn anfallen, weil ein Kind nicht rechtzeitig aus dem Urlaub im Risikogebiet zurückgekehrt ist, sollen als unentschuldigte Fehltage gelten. Als würde das nicht manche Eltern dazu anstiften, ihre Kinder zur Schule zu schicken, ohne zu sagen, dass ein Risiko besteht. Hier mal einen Verwaltungsakt wegzulassen, könnte Druck von den Familien nehmen und Schulleitern und Amtsärzten schlaflose Nächte ersparen.

Rücksicht nehmen können außerdem Scheeres selbst, und die Bezirke, auf alle bisher Genannten. Die Situation der Schulen in Sachen Digitalisierung war schon vor der Pandemie desolat. Und es bringt nichts, darüber zu fluchen, dass das Berliner Schulsystem nach sechs Wochen immer noch nicht in Gänze „am Netz“ ist. Aber wenn bald wieder einzelne Lerngruppen in die Isolation gehen müssen, sollten Lehrkräfte in der Schule wenigstens auf Wlan zugreifen können, um ihre Schülerinnen und Schüler zu Hause mit Stoff versorgen oder sogar unterrichten zu können. Wenn Berlin das kommende Schuljahr über die Bühne bringen will, ohne dass noch mehr Kinder und Jugendliche als sonst hinter den anderen zurückfallen, sind von allen Beteiligten Improvisationstalent, Kreativität und vor allem Solidarität gefragt.