Die Generation Gap,
Illustration: Berliner Zeitung/ Sabine Hecher

Die Tochter spricht: 

„Ich habe in Dresden Abi gemacht. Damals wusste ich noch nicht, was ich studieren will. Ich wollte nachdenken und hatte Lust, etwas zu machen. Ich habe mich bei „weltwärts“ beworben, das war leicht, man musste eigentlich nichts Besonderes können. Damals war ich sehr naiv, und es war mir auch egal, in welches Land ich kommen würde. Hauptsache weit weg.

Gleich am zweiten Tag wurde ich in eine Klasse mit 60 Kindern gesteckt, um Englisch zu unterrichten. Der Präsident von Ruanda hatte gerade beschlossen, dass statt Französisch alle Englisch sprechen müssen. Mein Englisch war nicht besonders gut. Am Anfang war ich überfordert, dann ging‘s. Ich fühlte mich aber nicht übertrieben nützlich, hatte Selbstzweifel, ich dachte: In Ruanda müssen die Lehrer studiert haben, und als Weiße darf man einfach so unterrichten?

Bruch mit dem Eurozentrismus

Das Jahr in Ruanda hat mich stark verändert und meine Studienwahl beeinflusst. Ich studiere nicht Geschichte, sondern Weltgeschichte, weil ich mit diesem Eurozentrismus brechen wollte. In Ruanda habe ich mich jeden Tag damit auseinandergesetzt, was es heißt, weiß zu sein, privilegiert, und in die deutsche Mittelschicht hineingeboren. Im Vorbereitungsseminar haben wir nicht nur über Landeskunde gesprochen, sondern auch über Kolonialismus, Neo-Kolonialismus und Critical Whiteness.

Ich habe in dem Dorf Ngarama gelebt. Dort gibt es eine Hauptstraße, Markt, Moschee, Kirche, Schulen, Krankenhaus und sonst nur Lehmhütten. Erst war ich schockiert von unserem Haus, aber bald erschien es mir wie ein Schloss. Denn es war aus Stein, hatte große Zimmer, fließend kaltes Wasser und einen kleinen Garten neben einem Maisfeld.

Das Essen über dem offenen Feuer kochen

In diesem Haus habe ich mit meiner Mitfreiwilligen Sarah gelebt, einer Italienerin. Wir haben uns sehr angefreundet. Wir gingen hinaus, um zu kochen, hatten einen kleinen Kohle-Kocher, der auf dem Boden stand. Anfangs schafften wir es nicht, Feuer zu machen und baten die Nachbarin, uns zu helfen. Nach zwei Monaten schafften wir es allein, die Kohlen zum Glühen zu bringen.

Anfangs kochten wir nur Nudeln mit Mayo aus dem Lädchen, zwei Monate lang Nudeln mit Mayo, dann konnte ich keine Mayo mehr sehen und fing an, auf den Markt zu gehen, um Obst und Gemüse zu kaufen. Unsere Vor-Volunteers hatten ein kleines Büchlein mit Kochrezepten hinterlassen, und unser Wächter zeigte uns, wie man Bananen mit Erdnuss-Sauce zubereitet.

Zunächst hatten wir nur einen Nachtwächter, der vor unserer Tür schlief, auf einer Matratze, die wir ihm hingelegt hatten. Tagsüber wurde viel geklaut, vor allem Handys und Laptops. Deshalb bekamen wir noch einen Tagwächter, der zu viel trank und manchmal wegging. Und dann wurde wieder geklaut… einmal sogar, als ich mitten im Haus war. Auf dem Tisch lag ein Zehn-Euro-Schein und dann nicht mehr.

Wenn ich eine Dorfbewohnerin wäre, dann würde ich auch zuerst bei den Weißen klauen, die haben es ja, können sich sofort wieder neue Geräte besorgen.

Besuch beim Nachtwächter

Wir haben 100 Euro Taschengeld pro Monat bekommen, davon haben wir je 20 Euro für unsere Wächter bezahlt. Die Wächter haben wir auch zu Hause besucht. Der eine musste eine Stunde lang durch die Hitze laufen, um zu uns zu kommen. Er hatte Frau und Kind, er ging in die Lehre, um „constructor“ zu werden.

Die Weite der Landschaft hat mich betört, die Hügel, die Felsen, die baumlose Ebene. - 

Henriette in Ruanda.
Foto: Privat.

Aber manchmal war uns langweilig. Es gab keine Kultur in Ngambara. Manchmal waren wir neidisch auf die Freiwilligen, die in der Hauptstadt Kigali arbeiten, feiern und ins Kino gehen konnten. Einmal im Monat sind wir mit dem Bus nach Kigali gefahren, haben uns zu Starbucks gesetzt und einen Eiscafé getrunken.

Was hart für mich war? Die Malaria vielleicht oder das intensive Angestarrtwerden. Das ist nicht bös gemeint, die Menschen lachen und grüßen. Aber wenn es einem gerade nicht gut geht?

Bedeutungsvolle Beziehungen

Anfangs dachten wir, wir hätten keine Freunde, aber am Ende hatten wir doch viele bedeutungsvolle Beziehungen aufgebaut: zu den Wächtern, der Nachbarin, zu Jean, einem jungen Mann in unserem Alter, der jetzt trotz seiner Kinderlähmung ganz normal in die Schule gehen und Abitur machen kann. Denn Sarah und ich spenden ihm das Inkontinenzmaterial, dass Jean braucht, um seinen Traum von einer guten Ausbildung in die Tat umzusetzen.  

Auch Beatrice war sehr imposant. Ihr Mann wurde beim  Genozid getötet, sie floh mit vier Kindern in den Kongo, lebte dort ein paar Jahre in einem Lager, bevor sie nach Ruanda zurückkehrte und in Ngarama ein Zentrum für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigung eröffnet hat. Dort leben jetzt diejenigen, die in Ruanda sonst kaum Lebenschancen haben.

Es gab einen Nachbarsjungen, der wunderschön auf dem Key-board gespielt hat. Manchmal, wenn ich vor unserem Haus stand, habe ich ihm zugehört. Der Junge wird bald auf dem Bau arbeiten, Steine schleppen, Mörtel mischen... Wir haben ihn zu unserem Abschiedsfest eingeladen.“

Der Vater spricht: 

„Dass meine Tochter als Freiwillige nach Ruanda gehen wollte, hat mich sehr gefreut. Es ist gut, wenn unsere Kinder diese Erfahrungen machen, - lernen, wie Not und Ausbeutung zusammenhängen, wie die Länder in der Globalisierung verflochten sind. Obwohl es für Henriette schwer auszuhalten war, dass sie so viel reicher war als die anderen.

Aber es war schön für sie, in Ruanda so ganz einfach leben zu können, in einem bescheidenen Haus zu wohnen und ins Freie zu gehen, um ihren Maisbrei in einem Topf über dem Feuer zu kochen.

Eine extrem sinnvolle Arbeit

Ihre Mitfreiwillige arbeitete in einem Heim für behinderte Kinder, wo Henriette dann auch manchmal ausgeholfen hat. Eine extrem sinnvolle Arbeit: Denn die einzige Liebe, die diese Kinder je erfahren haben und je erfahren werden, kommt von einem Strom weißer Volunteers… die dafür sorgen, dass diese kleinen Geschöpfe auch mal geknuddelt werden.

Natürlich ist das auch problematisch, denn die "Gesunden" im Dorf fragen sich: Warum bekommen diese "Krüppel" so viel Geld und Zuneigung aus dem Westen und wir nichts?

Der engste einheimische Freund meiner Tochter war auch ein "Krüppel", ein junger Mann, der die Gelegenheit genutzt hat, um sich an die beiden weißen Mädchen "ranzuhinken". Das ganze Jahr lang hat ihnen geholfen mit ihren täglichen Problemen, aber schließlich hatte er dann auch eine Bitte: Er wollte zur Schule gehen, ist aber außerstande, seine Blase zu kontrollieren – und in einer normalen Klasse zu sitzen. Nun finanzieren die beiden Weißen ihm drei Windeln pro Tag für drei Euro, macht 90 Euro Monat – eine Art „Windelstipendium“.

Er wollte zur Schule gehen, ist aber außerstande, seine Blase zu kontrollieren – und in einer normalen Klasse zu sitzen. Nun finanzieren die beiden Weißen ihm drei Windeln pro Tag für drei Euro, macht 90 Euro Monat – eine Art „Windelstipendium“ .

Christian, der Vater von Henriette

Henriette ist nun schon zum zweiten Mal wieder nach Ruanda gefahren. Die Zeit in Afrika hat mehr in ihr ausgelöst als das Auslandsstudium in Paris. Da war sie enttäuscht von der menschlichen Kälte…

Die Sehnsucht nach der maximalen Fremde

Ich würde mir wünschen, dass sie noch mehr auf andere Menschen zugeht, das hat sie in Afrika nicht gelernt. Aber vielleicht war die Fremde auch zu groß, um wirklich in Austausch zu treten. Andererseits gab es da auch eine Sehnsucht nach der maximalen Fremde.

Ein paar Wochen lang habe ich Henriette besucht. In Ruanda kann man eigentlich nicht viel anschauen außer den Menschen und der Landschaft, die ziemlich karg ist. Wir sind dann noch in den Kongo gereist, haben viele grausame Geschichten gehört über den Genozid.

Einmal bekam Henriette Malaria, ich weiß noch, wie aufgeregt sie war, die Welt brach zusammen – obwohl Malaria zu haben in Ruanda ganz normal ist und mit den richtigen Medikamenten schnell in den Griff zu bekommen.

Aber natürlich sind es oft die Härten, die das menschliche Wachstum befördern. Ein Freund von Henriette hat sein freiwilliges soziales Jahr in Indonesien gemacht und bekam jeden Tag nur einen Teller Reis mit Fischsauce, einer stinkenden Fischsauce, und das war‘s.

Wie sich existentielles Lernen vollzieht

Ich glaube, dass sich die Zeit in Ruanda für Henriette gelohnt hat. Denn ich denke, dass sich das existentielle Lernen chaotisch vollzieht. Man langweilt sich, man trödelt, man steht in einem Dort in Ruanda an einem Waschzuber und wäscht seine Bluse, und plötzlich zack: weiß man, worauf es im Umgang mit den Menschen eigentlich ankommt.

Und außerdem: Man sollte das Leben genießen, solange man noch jung ist… das Leben wird nicht schöner mit dem Alter, das sollte man den eigenen Kindern nicht vorschwindeln. 

Erst sollen sie sich anstrengen, um ein gutes Abitur zu machen, dann ein Auslandsjahr, um Sprachen zu lernen, dann gut studieren, um einen guten Job zu bekommen, dann sich im Job anstrengen, um schnell Karriere zu machen, aber wann, wann leben? Etwa in der Rente?“