Schüler der Staatlichen Ballettschule beim Tanz. 
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Sashenka Gutierrez, via www.imago-images.de

Letzte Woche ging dem langjährigen Leiter der Staatlichen Ballettschule Ralf Stabel die Einladung zu einer Anhörung zu, die einer fristlosen Kündigung vorausgeht. Das erfuhr die Berliner Zeitung von Stabels Anwalt. Wenn Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, und die mit dem Skandal um die Ballettschule betraute Staatssekretärin Beate Stoffers etwas anfangen, dann bringen sie das zu Ende. 

Was bisher geschah: Anfang Januar ging ein Dossier von anonymen Verfasserinnen mit Vorwürfen gegen die Schule in der Bildungsverwaltung ein, darunter Verleumdungen, die bis zu sexuellem Missbrauch reichen. Sechs Wochen später wurden der Schulleiter Ralf Stabel und der künstlerische Leiter Gregor Seyffert medienwirksam von ihren Aufgaben suspendiert, ein kurzfristig angesetzter Anhörungstermin kam  nicht zustande. Sie seien angeblichen Fällen von Mobbing, Bodyshaming und Essstörungen nicht ausreichend nachgegangen, so der Vorwurf.

Danach berief die Verwaltung Gremien ein, um Vorwürfe über Missstände in der Schule zu sammeln. Die Mitglieder von Expertenkommission und Clearingstelle erklären ausdrücklich, dass Untersuchen der Vorfälle keinesfalls zu ihren Aufgaben gehörten. Die Aussagen wurden also nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, dennoch ausführlich vor der Presse ausgebreitet. So hieß es, bis auf Vergewaltigung seien alle sexuellen Übergriffe vorgekommen. Damit kursieren jetzt Behauptungen über klare Straftaten. Ob die Senatorin diese aufzuklären versucht, ist nicht bekannt. Immerhin steht das Zwischenergebnis der Kommission auf der Website der Senatsverwaltung, wo ebenfalls Vorwürfe bis hin zu Misshandlungen aufgelistet sind. Die Öffentlichkeit dürfte diese als „wahr“ registrieren.

Aber kein Richter. Das wurde den Anwälten der Senatsverwaltung beim ersten Gerichtstermin über die Freistellung des Schulleiters letzte Woche klar gemacht, als sie keine konkreten Vorwürfe benennen konnten, wie der Richter kritisierte. Er interessierte sich nicht für allgemeine Feststellungen, sondern verlangte Beweise zur Rechtfertigung der Freistellung. Die Senatorin ignoriert offenbar solche Erwartungen offensichtlich. Tags darauf forcierte sie den Konflikt und ließ Stabel eine Einladung zur Anhörung für die fristlose Kündigung zustellen.

Die Gründe überraschen. Plötzlich geht es nicht mehr darum, dass sie den martialischen Vorwürfen zu Misshandlungen nicht nachgegangen seien, sondern es geht um Zeugnisse, Unterrichtsbeginn und Arbeitsstunden. Zwei Absolventen von 2012 und 2017 sollen Bühnentänzer-Abschlüsse ohne schriftliche Abschlussprüfung erhalten haben. Nein, widerspricht Stabels Anwalt. Die Tänzerin, die vorfristig vom Staatsballett engagiert wurde, habe die Prüfung 2013 nachgereicht. Dem späteren Tänzer am Mariinsky-Ballett sei das Zeugnis dagegen nicht übersandt worden. Vor allem aber sei es seit 2008 mit der Schulaufsicht vereinbarte Praxis, in Einzelfällen schriftliche durch mündliche Prüfungen zu ersetzen, entscheidend sei immer die praktische Leistung für die Berufslaufbahn.

Der nächste Kündigungsgrund hebt ab auf die Unterschreitung von Ruhezeiten für Schüler nach Auftritten Ende 2019. Der Anwalt bestreitet, dass sein Mandant einen zu zeitigen Unterrichtsbeginn angeordnet habe, diese Planung gehöre nicht zu seinen Aufgaben. Außerdem gehe selbst aus dem Kündigungsschreiben hervor, dass der Unterricht für beteiligte Schüler korrekt für 11.40 Uhr angesetzt war, Ruhezeiten eingehalten wurden.

Vorwurf Drei, der Schulleiter habe nicht genügend Unterrichtsstunden gegeben, wirkt absurd. Der Anwalt führt an, Stabels Unterrichtspflichten würden sich durch Schul-Besonderheiten eigentlich auf zwei Doppelstunden pro Woche reduzieren. Sein Mandant habe aber freiwillig mehr unterrichtet, obwohl er stets deutlich länger als in eine 50-Stunden-Woche eingebunden gewesen sei.

Das leuchtet ein bei einem Leiter, der seit Gründung des Jugendballetts zusätzlich Tourneen organisierte und begleitete, Konzepte und Verträge schrieb, verhandelte. Der Arbeitgeber indes erklärt diese Verletzungen des Arbeitsrechtes für  so schwer, dass eine Weiterbeschäftigung „unzumutbar“ sei.

Doch egal, wie überzeugend die Einwände des Anwalts ausfallen, für die Senatsverwaltung steht die fristlose Kündigung vermutlich fest. Danach wird eine Kündigungsschutzklage folgen, eine neue Kündigung, und so weiter. Alles andere wäre ein Wunder.